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Die Schlummerbibliothek

Arsène Lupin im Gefängnis

Maurice Leblanc · 57 Min.

Band 26 · Zum Zuhören · Westeuropa

Maurice Leblanc veröffentlichte diese Erzählung neunzehnhundertfünf in einer Zeitschrift, zwei Jahre später nahm er sie in das Buch Arsène Lupin, der Gentleman-Gauner auf. Sie knüpft an die Geschichte von Lupins Verhaftung an: Der berühmte Meisterdieb sitzt jetzt in einem Pariser Gefängnis. Trotzdem bekommt der reiche und misstrauische Baron Cahorn in seinem kleinen Schloss an der Seine einen Brief, den Arsène Lupin unterschrieben hat. Darin kündigt Lupin höflich an, welche Gemälde und welche Möbel er mitnehmen wird, und in welcher Nacht. Wie will er das hinter Gittern anstellen?

Kapitel

  1. Einleitung
  2. Arsène Lupin im Gefängnis
  3. Der Einschreibebrief
  4. Die Unterschrift von Arsène Lupin
  5. Der berühmte Angler von Caudebec
  6. Das Telegramm und die dreitausend Francs
  7. Die Nacht auf Schloss Malaquis
  8. Eine Hupe in der Nacht
  9. Leere Wände
  10. Die Wasserkaraffe
  11. Die Durchsuchung des Schlosses
  12. Ganimards Verdacht
  13. Besuch in der Zelle
  14. Die Quittungen in der Schublade
  15. Einbruch hinter Gittern
  16. Der falsche Polizist
  17. Das weiche Ei
  18. Die Einsamkeitskur
  19. Die Uhr zum Abschied
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Arsène Lupin im Gefängnis

Jeder Reisende, der diesen Namen verdient, kennt die Ufer der Seine. Und jeder von ihnen hat auf dem Weg von den Ruinen von Jumièges zu den Ruinen von Saint-Wandrille das seltsame kleine Ritterschloss Malaquis bemerkt. So stolz thront es auf seinem Felsen, mitten im Fluss. Ein Brückenbogen verbindet es mit der Straße. Der Fuß seiner dunklen Türmchen verschmilzt mit dem Granit, auf dem es steht. Es ist ein gewaltiger Block, von irgendeinem Berg losgerissen und von einem ungeheuren Beben hierher geschleudert. Ringsum spielt das ruhige Wasser des großen Flusses im Schilf, und auf den feuchten Rücken der Steine zittern Bachstelzen.

Die Geschichte von Malaquis ist rau wie sein Name und abweisend wie seine Gestalt. Nichts als Kämpfe, Belagerungen, Überfälle, Raubzüge und Blutvergießen. An den langen Abenden im Pays de Caux erinnert man sich schaudernd an die Verbrechen, die hier geschehen sind. Man erzählt geheimnisvolle Sagen. Man spricht von dem berühmten unterirdischen Gang, der einst zur Abtei von Jumièges führte und zum Landsitz von Agnès Sorel, der schönen Freundin König Karls des Siebten.

In diesem alten Schlupfwinkel von Helden und Räubern wohnt Baron Nathan Cahorn. Früher nannte man ihn an der Börse den Baron Satan, denn dort war er ein wenig zu schnell reich geworden. Die verarmten Herren von Malaquis mussten ihm den Sitz ihrer Vorfahren für ein Butterbrot verkaufen. Er hat hier seine prachtvollen Sammlungen untergebracht: Möbel und Gemälde, Fayencen und Holzschnitzereien. Er lebt allein, mit drei alten Dienern. Niemand kommt je herein. Niemand hat je in diesen alten Sälen seine drei Rubens gesehen, seine zwei Watteaus, seine geschnitzte Kanzel von Jean Goujon. Und so viele andere Wunderwerke, die er mit Bündeln von Geldscheinen den reichsten Stammgästen der Versteigerungen entrissen hat.

Der Baron Satan hat Angst. Nicht um sich selbst, sondern um seine Schätze. Er hat sie mit so zäher Leidenschaft gesammelt, und mit so feinem Gespür, dass selbst die gerissensten Händler sich nicht rühmen können, ihn je hereingelegt zu haben. Er liebt sie, seine Kostbarkeiten. Er liebt sie gierig wie ein Geizhals und eifersüchtig wie ein Verliebter.

Jeden Tag bei Sonnenuntergang werden die vier eisenbeschlagenen Tore geschlossen und verriegelt, die die beiden Enden der Brücke und den Eingang zum Ehrenhof sichern. Beim kleinsten Stoß würden elektrische Klingeln durch die Stille schrillen. Von der Seine her ist nichts zu befürchten: Dort fällt der Fels senkrecht ab.

Der Einschreibebrief

An einem Freitag im September erschien der Briefträger wie gewöhnlich am Brückenkopf. Und wie jeden Tag war es der Baron selbst, der den schweren Torflügel einen Spalt weit öffnete.

Er musterte den Mann so gründlich, als kenne er nicht schon seit Jahren dieses gutmütige, fröhliche Gesicht und diese spöttischen Bauernaugen. Und der Mann sagte lachend:

„Ich bin's immer noch, Herr Baron. Ich bin kein anderer, der sich meinen Kittel und meine Mütze angezogen hat.“

„Man kann nie wissen.“ murmelte Cahorn.

Der Briefträger reichte ihm einen Stapel Zeitungen. Dann fügte er hinzu:

„Und heute, Herr Baron, gibt es etwas Neues.“

„Etwas Neues?“

„Einen Brief… und dazu noch eingeschrieben.“

Der Baron lebte zurückgezogen, ohne Freunde, ohne irgendjemanden, der sich für ihn interessierte. Nie bekam er Briefe. Sofort sah er darin ein böses Vorzeichen, das ihn beunruhigen musste. Wer war dieser geheimnisvolle Absender, der ihn in seiner Einsamkeit aufstöberte?

„Sie müssen unterschreiben, Herr Baron.“

Er unterschrieb murrend. Dann nahm er den Brief und wartete, bis der Briefträger hinter der Wegbiegung verschwunden war. Er ging ein paar Schritte auf und ab, lehnte sich an das Brückengeländer und riss den Umschlag auf. Darin lag ein Blatt kariertes Papier mit dem handschriftlichen Briefkopf: Gefängnis La Santé, Paris. Er sah auf die Unterschrift: Arsène Lupin. Verblüfft las er:

„Herr Baron,

in der Galerie, die Ihre beiden Salons verbindet, hängt ein vortrefflich gemaltes Bild von Philippe de Champaigne, das mir außerordentlich gefällt. Ihre Rubens sind ebenfalls nach meinem Geschmack, ebenso Ihr kleinster Watteau. Im rechten Salon notiere ich mir die Kredenz im Stil Ludwigs des Dreizehnten, die Wandteppiche aus Beauvais, das von Jacob signierte Empire-Tischchen und die Truhe aus der Renaissance. Im linken die ganze Vitrine mit dem Schmuck und den Miniaturen.

Für dieses Mal begnüge ich mich mit diesen Stücken, die sich, wie ich glaube, leicht verkaufen lassen. Ich bitte Sie also, sie ordentlich verpacken zu lassen und innerhalb von acht Tagen auf meinen Namen, frachtfrei, an den Bahnhof Batignolles zu schicken. Andernfalls werde ich den Umzug selbst besorgen, und zwar in der Nacht von Mittwoch, dem siebenundzwanzigsten, auf Donnerstag, den achtundzwanzigsten September. Und dann, wie es sich gehört, werde ich mich nicht mit den oben genannten Stücken begnügen.

Entschuldigen Sie bitte die kleine Mühe, die ich Ihnen bereite, und empfangen Sie den Ausdruck meiner ehrerbietigen Hochachtung.

Arsène Lupin.“

„Nachschrift. Schicken Sie mir bloß nicht den größten Watteau. Sie haben im Auktionshaus dreißigtausend Francs dafür bezahlt, aber es ist nur eine Kopie. Das Original hat Barras zur Zeit des Direktoriums, der Revolutionsregierung, an einem wilden Festabend verbrannt. Siehe die unveröffentlichten Erinnerungen von Garat.

Auch auf die Gürtelkette im Stil Ludwigs des Fünfzehnten lege ich keinen Wert. Seine Echtheit scheint mir zweifelhaft.“

Die Unterschrift von Arsène Lupin

Dieser Brief brachte Baron Cahorn völlig aus der Fassung. Hätte ihn irgendjemand anders unterschrieben, wäre er schon sehr beunruhigt gewesen. Aber unterschrieben von Arsène Lupin!

Er las fleißig Zeitung und wusste über alles Bescheid, was in der Welt an Diebstählen und Verbrechen geschah. Darum kannte er alle Taten dieses teuflischen Einbrechers. Gewiss, er wusste, dass Lupin in Amerika von seinem Feind Ganimard verhaftet worden war und nun tatsächlich im Gefängnis saß, und dass gegen ihn ermittelt wurde, und das mit welcher Mühe! Aber er wusste auch, dass man von ihm alles erwarten konnte. Außerdem war diese genaue Kenntnis des Schlosses und der Stellen, wo die Bilder und Möbel standen, ein höchst bedrohliches Zeichen. Wer hatte ihm von Dingen erzählt, die niemand je gesehen hatte?

Der Baron hob den Blick und betrachtete die finstere Gestalt von Malaquis, seinen steilen Sockel, das tiefe Wasser ringsum, und zuckte mit den Schultern. Nein, ganz bestimmt bestand keine Gefahr. Niemand auf der Welt konnte bis in das unantastbare Heiligtum seiner Sammlungen vordringen.

Niemand, schön und gut. Aber Arsène Lupin? Gibt es für Arsène Lupin Türen, Zugbrücken, Mauern? Was nützen die klügsten Hindernisse und die geschicktesten Vorkehrungen, wenn Arsène Lupin beschlossen hat, ein Ziel zu erreichen?

Noch am selben Abend schrieb er an den Staatsanwalt in Rouen. Er schickte ihm den Drohbrief und bat um Hilfe und Schutz.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Der besagte Arsène Lupin sitze zurzeit im Gefängnis La Santé, werde streng bewacht und habe keine Möglichkeit zu schreiben. Der Brief könne also nur das Werk eines Spaßvogels sein. Alles beweise das, die Logik und der gesunde Menschenverstand ebenso wie die Tatsachen. Doch aus übergroßer Vorsicht habe man einen Sachverständigen mit der Prüfung der Handschrift beauftragt. Und der Sachverständige erkläre, dass diese Schrift trotz gewisser Ähnlichkeiten nicht die des Häftlings sei.

„Trotz gewisser Ähnlichkeiten.“ Der Baron las nur diese drei erschreckenden Wörter heraus. Er sah darin das Eingeständnis eines Zweifels, und schon dieser Zweifel allein hätte genügen müssen, um die Justiz zum Eingreifen zu bewegen. Seine Angst wuchs. Immer wieder las er den Brief. „Ich werde den Umzug selbst besorgen.“ Und dieses genaue Datum: die Nacht von Mittwoch, dem siebenundzwanzigsten, auf Donnerstag, den achtundzwanzigsten September!

Misstrauisch und schweigsam, wie er war, hatte er nicht gewagt, sich seinen Dienern anzuvertrauen. Ihre Treue schien ihm nicht jeder Prüfung gewachsen. Und doch spürte er zum ersten Mal seit Jahren das Bedürfnis, mit jemandem zu reden und sich Rat zu holen. Die Justiz seines Landes hatte ihn im Stich gelassen, und er hoffte nicht mehr, sich allein verteidigen zu können. Beinahe wäre er nach Paris gefahren, um irgendeinen ehemaligen Polizisten um Hilfe anzuflehen.

Der berühmte Angler von Caudebec

Zwei Tage vergingen. Am dritten zuckte er beim Zeitunglesen vor Freude zusammen. Der Weckruf von Caudebec, die Zeitung des Städtchens, brachte diese kleine Meldung:

„Wir haben das Vergnügen, seit bald drei Wochen Oberinspektor Ganimard in unseren Mauern zu beherbergen, einen der altgedienten Männer der Pariser Kriminalpolizei. Herr Ganimard, dem die Verhaftung von Arsène Lupin, sein letztes Meisterstück, einen Ruf in ganz Europa eingebracht hat, erholt sich hier von langen Mühen und angelt Gründlinge und Weißfische.“

Ganimard! Das war genau der Helfer, den Baron Cahorn suchte! Wer könnte Lupins Pläne besser durchkreuzen als der gewiefte und geduldige Ganimard?

Der Baron zögerte nicht. Sechs Kilometer trennen das Schloss von dem Städtchen Caudebec. Er legte sie beschwingt zurück, wie ein Mann, den die Hoffnung auf Rettung antreibt.

Mehrmals versuchte er vergeblich, die Adresse des Oberinspektors herauszufinden. Dann ging er zur Redaktion des Weckrufs, die mitten an der Uferstraße lag. Dort fand er den Verfasser der kleinen Meldung. Der trat ans Fenster und rief:

„Ganimard? Den treffen Sie bestimmt unten am Ufer, mit der Angel in der Hand. Dort haben wir uns kennengelernt, und dort habe ich zufällig seinen Namen gelesen, der in seine Angelrute geritzt ist. Sehen Sie, der kleine Alte da drüben, unter den Bäumen der Promenade.“

„Im langen Gehrock und mit Strohhut?“

„Genau! Ach, ein komischer Kauz, nicht gesprächig und eher brummig.“

Fünf Minuten später sprach der Baron den berühmten Ganimard an, stellte sich vor und versuchte, ein Gespräch anzufangen. Als ihm das nicht gelang, kam er offen zur Sache und schilderte seinen Fall.

Der andere hörte reglos zu, ohne den Fisch aus den Augen zu lassen, auf den er lauerte. Dann wandte er ihm den Kopf zu, musterte ihn von oben bis unten mit tiefem Mitleid und sagte:

„Mein Herr, es ist nicht gerade üblich, die Leute zu warnen, die man ausrauben will. Und Arsène Lupin macht solche Dummheiten schon gar nicht.“

„Aber…“

„Mein Herr, hätte ich auch nur den kleinsten Zweifel, glauben Sie mir, die Freude, diesen lieben Lupin noch einmal einzulochen, wäre mir wichtiger als alles andere. Leider sitzt der junge Mann hinter Schloss und Riegel.“

„Und wenn er ausbricht?…“

„Aus La Santé bricht man nicht aus.“

„Aber er…“

„Er genauso wenig wie jeder andere.“

„Aber…“

„Na schön, wenn er ausbricht, umso besser, dann schnappe ich ihn wieder. Bis dahin schlafen Sie ruhig und verscheuchen Sie mir diesen Weißfisch nicht.“

Das Gespräch war zu Ende. Der Baron kehrte nach Hause zurück, ein wenig beruhigt von Ganimards Sorglosigkeit. Er prüfte die Schlösser und beobachtete heimlich die Diener. Weitere achtundvierzig Stunden vergingen, und beinahe überzeugte er sich, dass seine Ängste letztlich nur Hirngespinste waren. Nein, ganz bestimmt, wie Ganimard gesagt hatte: Man warnt die Leute nicht, die man ausrauben will.

Das Telegramm und die dreitausend Francs

Der Tag rückte näher. Am Dienstagmorgen, dem Tag vor dem siebenundzwanzigsten, nichts Besonderes. Aber um drei Uhr klingelte ein Junge. Er brachte ein Telegramm.

„Kein Paket am Bahnhof Batignolles. Bereiten Sie alles für morgen Abend vor.

Arsène.“

Wieder packte ihn die Panik, so sehr, dass er sich fragte, ob er Arsène Lupins Forderungen nicht doch nachgeben sollte.

Er eilte nach Caudebec. Ganimard angelte an derselben Stelle, auf einem Klapphocker. Wortlos reichte ihm der Baron das Telegramm.

„Und weiter?“ sagte der Inspektor.

„Und weiter? Aber das ist doch morgen!“

„Was?“

„Der Einbruch! Die Plünderung meiner Sammlungen!“

Ganimard legte die Angel weg, drehte sich zu ihm um, verschränkte die Arme vor der Brust und rief ungeduldig:

„Also hören Sie, Sie bilden sich doch nicht ein, dass ich mich mit so einer dummen Geschichte befasse!“

„Was verlangen Sie dafür, dass Sie die Nacht vom siebenundzwanzigsten auf den achtundzwanzigsten September im Schloss verbringen?“

„Keinen Sou, lassen Sie mich in Ruhe.“

„Nennen Sie Ihren Preis, ich bin reich, sehr reich.“

Die Plumpheit des Angebots brachte Ganimard aus dem Konzept, und er fuhr ruhiger fort:

„Ich bin hier im Urlaub und habe kein Recht, mich einzumischen…“

„Niemand wird es erfahren. Ich verpflichte mich, was auch geschieht, zu schweigen.“

„Ach, es wird nichts geschehen.“

„Nun, sagen wir dreitausend Francs, genügt das?“

Der Inspektor nahm eine Prise Schnupftabak, überlegte und sagte dann knapp:

„Meinetwegen. Nur muss ich Ihnen ehrlich sagen, dass Sie Ihr Geld zum Fenster hinauswerfen.“

„Das ist mir gleich.“

„In diesem Fall… Und schließlich, bei diesem Teufelskerl Lupin weiß man ja nie! Er muss eine ganze Bande unter sich haben… Sind Sie sich Ihrer Diener sicher?“

„Nun ja…“

„Dann rechnen wir lieber nicht mit ihnen. Ich telegrafiere zwei kräftigen Burschen aus meinem Bekanntenkreis, die uns mehr Sicherheit geben… Und jetzt verschwinden Sie, man soll uns nicht zusammen sehen. Bis morgen, gegen neun Uhr.“


Die Nacht auf Schloss Malaquis

Am nächsten Tag, dem Tag, den Arsène Lupin bestimmt hatte, nahm Baron Cahorn seine Waffensammlung von der Wand, putzte die Waffen blank und ging rund um Malaquis spazieren. Nichts Verdächtiges fiel ihm auf.

Am Abend um halb neun schickte er die Diener weg. Sie wohnten in einem Flügel zur Straße hin, etwas zurückgesetzt, ganz am Ende des Schlosses. Sobald er allein war, öffnete er leise die vier Tore. Nach einer Weile hörte er Schritte, die näher kamen.

Ganimard stellte seine beiden Helfer vor, große, kräftige Kerle mit Stiernacken und mächtigen Händen, und ließ sich dann einiges erklären. Als er die Lage der Räume verstanden hatte, schloss er sorgfältig alle Zugänge ab, durch die man in die bedrohten Säle gelangen konnte, und verbarrikadierte sie. Er untersuchte die Wände, hob die Wandteppiche an und postierte seine Männer schließlich in der mittleren Galerie.

„Keine Dummheiten, verstanden? Wir sind nicht zum Schlafen hier. Beim kleinsten Alarm macht ihr die Fenster zum Hof auf und ruft mich. Passt auch auf die Seite zum Wasser auf. Zehn Meter steiler Fels, das schreckt solche Teufelskerle nicht.“

Er schloss sie ein, nahm die Schlüssel mit und sagte zum Baron:

„Und jetzt auf unseren Posten.“

Für die Nacht hatte er sich einen kleinen Raum ausgesucht, der in die dicke Ringmauer eingelassen war, zwischen den beiden Haupttoren. Früher war das die Kammer des Wächters gewesen. Ein Guckloch ging auf die Brücke, ein anderes auf den Hof. In einer Ecke sah man so etwas wie die Öffnung eines Brunnens.

„Sie haben mir doch gesagt, Herr Baron, dass dieser Brunnen der einzige Zugang zu den unterirdischen Gängen ist, und dass er seit Menschengedenken zugemauert ist?“

„Ja.“

„Also, wenn es nicht noch einen anderen Ausgang gibt, den außer Arsène Lupin niemand kennt, und das ist ziemlich unwahrscheinlich, dann können wir ganz ruhig sein.“

Er stellte drei Stühle in eine Reihe, streckte sich bequem darauf aus, zündete seine Pfeife an und seufzte:

„Wirklich, Herr Baron, ich muss schon große Lust haben, ein Stockwerk auf das Häuschen zu setzen, in dem ich meine alten Tage verbringen will, wenn ich so eine einfache Arbeit annehme. Ich werde die Geschichte meinem Freund Lupin erzählen, der wird sich vor Lachen den Bauch halten.“

Der Baron lachte nicht. Mit gespitzten Ohren horchte er in die Stille, immer unruhiger. Ab und zu beugte er sich über den Brunnen und spähte ängstlich in das gähnende Loch.

Eine Hupe in der Nacht

Es schlug elf, Mitternacht, ein Uhr.

Plötzlich packte er Ganimard am Arm, und der fuhr aus dem Schlaf hoch.

„Hören Sie das?“

„Ja.“

„Was ist das?“

„Das bin ich, ich schnarche!“

„Aber nein, hören Sie doch…“

„Ach so, richtig, das ist die Hupe eines Automobils.“

„Und?“

„Und? Es ist kaum anzunehmen, dass Lupin ein Automobil als Rammbock benutzt, um Ihr Schloss einzureißen. Darum, Herr Baron, würde ich an Ihrer Stelle schlafen… wie ich jetzt die Ehre haben werde, es wieder zu tun. Gute Nacht.“

Das war der einzige Alarm. Ganimard konnte seinen unterbrochenen Schlaf fortsetzen, und der Baron hörte nur noch sein lautes, gleichmäßiges Schnarchen.

Leere Wände

Im Morgengrauen verließen sie ihre Zelle. Ein großer, heiterer Friede lag über dem Schloss, der Friede eines Morgens am frischen Wasser. Cahorn strahlte vor Freude, Ganimard war ruhig wie immer, und so stiegen sie die Treppe hinauf. Kein Geräusch. Nichts Verdächtiges.

„Was habe ich Ihnen gesagt, Herr Baron? Eigentlich hätte ich das nicht annehmen sollen… Ich schäme mich…“

Er nahm die Schlüssel und betrat die Galerie.

Auf zwei Stühlen, zusammengesunken, mit hängenden Armen, schliefen die beiden Polizisten.

„Himmel, Donnerwetter noch mal!“ knurrte der Inspektor.

Im selben Augenblick schrie der Baron auf:

„Die Bilder!… Die Kredenz!…“

Er stammelte und rang nach Luft, die Hand ausgestreckt nach den leeren Stellen, nach den kahlen Wänden, aus denen die Nägel ragten und an denen die nutzlosen Schnüre hingen. Der Watteau, verschwunden! Die Rubens, fort! Die Wandteppiche, abgehängt! Die Vitrinen, leer, der Schmuck weg!

„Und meine Kandelaber im Stil Ludwigs des Sechzehnten!… Und der Leuchter des Regenten!… Und meine Madonna aus dem zwölften Jahrhundert!…“

Er lief von einer Stelle zur anderen, verstört, verzweifelt. Er zählte auf, was er für alles bezahlt hatte, rechnete die Verluste zusammen, häufte Zahlen auf Zahlen, alles durcheinander, in undeutlichen Worten und halben Sätzen. Er stampfte mit den Füßen, er wand sich, außer sich vor Wut und Schmerz. Er sah aus wie ein ruinierter Mann, der vor dem Abgrund steht.

Wenn ihn irgendetwas hätte trösten können, dann der Anblick des fassungslosen Ganimard. Anders als der Baron rührte sich der Inspektor nicht. Er wirkte wie versteinert und betrachtete mit leerem Blick alles ringsum. Die Fenster? Geschlossen. Die Türschlösser? Unversehrt. Kein Loch in der Decke. Kein Loch im Fußboden. Alles in bester Ordnung. Das alles musste methodisch geschehen sein, nach einem unerbittlichen und logischen Plan.

„Arsène Lupin… Arsène Lupin.“ murmelte er niedergeschmettert.

Plötzlich stürzte er sich auf die beiden Polizisten, als hätte ihn endlich die Wut gepackt. Er rüttelte sie heftig und beschimpfte sie. Sie wachten nicht auf!

„Teufel auch, sollte etwa…?“ sagte er.

Er beugte sich über sie und betrachtete sie aufmerksam, einen nach dem anderen. Sie schliefen, aber es war kein natürlicher Schlaf.

Er sagte zum Baron:

„Man hat sie betäubt.“

„Aber wer?“

„Na, er natürlich!… Oder seine Bande, aber unter seiner Leitung. Das ist ein Streich ganz nach seiner Art. Das trägt seine Handschrift.“

„Dann bin ich verloren, da ist nichts zu machen.“

„Da ist nichts zu machen.“

„Aber das ist abscheulich, das ist ungeheuerlich.“

„Erstatten Sie Anzeige.“

„Wozu?“

„Nun ja, versuchen Sie es wenigstens… Die Justiz hat ihre Mittel…“

„Die Justiz! Sie sehen es doch selbst… Sehen Sie, gerade jetzt, wo Sie nach einer Spur suchen und etwas entdecken könnten, rühren Sie sich nicht einmal.“

„Bei Arsène Lupin etwas entdecken! Aber mein lieber Herr, Arsène Lupin hinterlässt nie etwas! Bei Arsène Lupin gibt es keinen Zufall! Ich frage mich schon, ob er sich in Amerika nicht absichtlich von mir hat verhaften lassen!“

„Dann muss ich also auf meine Bilder verzichten, auf alles! Aber er hat mir die Perlen meiner Sammlung gestohlen. Ich würde ein Vermögen geben, um sie zurückzubekommen. Wenn man gegen ihn nichts tun kann, soll er doch seinen Preis nennen!“

Ganimard sah ihn starr an.

„Das ist ein vernünftiges Wort. Sie nehmen es nicht zurück?“

„Nein, nein, nein. Aber warum?“

„Mir ist da eine Idee gekommen.“

„Was für eine Idee?“

„Darüber reden wir, falls die Ermittlungen nichts ergeben… Nur kein Wort über mich, wenn Sie wollen, dass ich Erfolg habe.“

Und er fügte zwischen den Zähnen hinzu:

„Und überhaupt, ehrlich gesagt, habe ich keinen Grund zu prahlen.“

Die Wasserkaraffe

Die beiden Polizisten kamen allmählich wieder zu sich, mit dem benommenen Ausdruck von Menschen, die aus einem hypnotischen Schlaf erwachen. Sie öffneten erstaunt die Augen und versuchten zu begreifen. Als Ganimard sie befragte, erinnerten sie sich an nichts.

„Ihr müsst doch jemanden gesehen haben?“

„Nein.“

„Denkt nach!“

„Nein, nein.“

„Und habt ihr nichts getrunken?“

Sie überlegten, und einer von ihnen antwortete:

„Doch, ich habe ein bisschen Wasser getrunken.“

„Wasser aus dieser Karaffe?“

„Ja.“

„Ich auch.“ erklärte der zweite.

Ganimard roch daran und kostete. Das Wasser hatte keinen besonderen Geschmack und keinen Geruch.

„Na los, wir vergeuden unsere Zeit. Die Rätsel, die Arsène Lupin aufgibt, löst man nicht in fünf Minuten. Aber, zum Kuckuck, ich schwöre, dass ich ihn wieder schnappe. Er gewinnt die zweite Runde. Die entscheidende gehört mir!“ sagte er.

Noch am selben Tag erstattete Baron Cahorn Anzeige wegen Einbruchdiebstahls gegen Arsène Lupin, Häftling im Gefängnis La Santé!


Die Durchsuchung des Schlosses

Diese Anzeige bereute der Baron oft, wenn er sah, wie Malaquis den Gendarmen, dem Staatsanwalt, dem Untersuchungsrichter und den Journalisten ausgeliefert war. Und all den Neugierigen, die sich überall einschleichen, wo sie nichts zu suchen haben.

Der Fall erregte schon die ganze Öffentlichkeit. Er hatte sich unter so besonderen Umständen ereignet, und der Name Arsène Lupin beflügelte die Fantasie so sehr, dass die abenteuerlichsten Geschichten die Spalten der Zeitungen füllten. Und das Publikum glaubte sie.

Aber großes Aufsehen erregte erst Lupins erster Brief, jener Brief, in dem Baron Cahorn frech vor dem gewarnt worden war, was ihm drohte. Die Zeitung Écho de France druckte ihn ab, und niemand erfuhr je, wer ihr den Text zugespielt hatte. Sofort tauchten die wildesten Erklärungen auf. Man erinnerte an die berühmten unterirdischen Gänge. Und die Behörden ließen sich davon beeinflussen und suchten in dieser Richtung.

Man durchsuchte das Schloss von oben bis unten. Man befragte jeden einzelnen Stein. Man untersuchte die Holzverkleidungen und die Kamine, die Spiegelrahmen und die Deckenbalken. Im Schein von Fackeln prüfte man die riesigen Keller, in denen die Herren von Malaquis einst Munition und Vorräte lagerten. Man klopfte das Innere des Felsens ab. Vergebens. Man fand nicht die kleinste Spur eines unterirdischen Gangs. Es gab keinen Geheimgang.

Gut, hieß es von allen Seiten, aber Möbel und Gemälde lösen sich nicht in Luft auf wie Gespenster. Sie gehen durch Türen und durch Fenster hinaus. Und die Leute, die sie mitnehmen, kommen ebenfalls durch Türen und Fenster herein und hinaus. Wer sind diese Leute? Wie sind sie hereingekommen? Und wie sind sie wieder fortgegangen?

Die Staatsanwaltschaft in Rouen sah ein, dass sie machtlos war, und bat Pariser Polizisten um Hilfe. Herr Dudouis, der Chef der Kriminalpolizei, schickte seine besten Spürhunde aus der sogenannten eisernen Brigade. Er selbst verbrachte achtundvierzig Stunden in Malaquis. Auch er hatte keinen Erfolg.

Ganimards Verdacht

Da ließ Herr Dudouis Oberinspektor Ganimard kommen, dessen Dienste er schon so oft zu schätzen gewusst hatte.

Ganimard hörte sich schweigend die Anweisungen seines Vorgesetzten an. Dann nickte er und sagte:

„Ich glaube, wir sind auf dem Holzweg, wenn wir stur das Schloss durchsuchen. Die Lösung liegt woanders.“

„Und wo denn?“

„Bei Arsène Lupin.“

„Bei Arsène Lupin! Wer das annimmt, gibt zu, dass er seine Hand im Spiel hatte.“

„Das gebe ich zu. Mehr noch, ich halte es für sicher.“

„Aber Ganimard, das ist doch absurd. Arsène Lupin sitzt im Gefängnis.“

„Arsène Lupin sitzt im Gefängnis, gut. Er wird bewacht, das gebe ich Ihnen zu. Aber hätte er Fesseln an den Füßen, Stricke um die Handgelenke und einen Knebel im Mund, ich würde meine Meinung nicht ändern.“

„Und warum diese Sturheit?“

„Weil allein Arsène Lupin das Format hat, eine Maschinerie dieser Größe zu ersinnen, und sie so zu ersinnen, dass sie gelingt… wie sie gelungen ist.“

„Worte, Ganimard!“

„Worte, die Wirklichkeit sind. Nur soll man nicht nach unterirdischen Gängen suchen, nach Steinen, die sich um einen Zapfen drehen, und ähnlichem Unsinn. Unser Mann arbeitet nicht mit so altmodischen Methoden. Er ist von heute, oder besser gesagt, von morgen.“

„Und was folgern Sie daraus?“

„Ich folgere daraus, dass ich Sie ausdrücklich um die Erlaubnis bitte, eine Stunde mit ihm zu verbringen.“

„In seiner Zelle?“

„Ja. Auf der Überfahrt aus Amerika haben wir uns ausgezeichnet verstanden. Und ich wage zu behaupten, dass er eine gewisse Zuneigung zu dem Mann hat, der ihn verhaften konnte. Wenn er mir etwas verraten kann, ohne sich selbst zu belasten, wird er mir eine unnötige Reise gern ersparen.“

Besuch in der Zelle

Es war kurz nach zwölf, als Ganimard in die Zelle von Arsène Lupin geführt wurde. Lupin lag auf seinem Bett, hob den Kopf und stieß einen Freudenschrei aus.

„Also, das ist eine echte Überraschung. Der liebe Ganimard, hier!“

„Höchstpersönlich.“

„Ich habe mir in diesem Ruhesitz, den ich mir ausgesucht habe, vieles gewünscht… aber nichts so sehnlich, wie Sie hier zu empfangen.“

„Zu liebenswürdig.“

„Aber nein, aber nein, ich habe die größte Hochachtung vor Ihnen.“

„Darauf bin ich stolz.“

„Ich habe es immer gesagt: Ganimard ist unser bester Detektiv. Er ist fast so gut, Sie sehen, wie ehrlich ich bin, er ist fast so gut wie Sherlock Holmes. Aber wirklich, es tut mir leid, dass ich Ihnen nur diesen Hocker anbieten kann. Und keine Erfrischung! Nicht einmal ein Glas Bier! Entschuldigen Sie, ich bin hier nur auf der Durchreise.“

Ganimard setzte sich lächelnd, und der Gefangene fuhr fort, froh, reden zu können:

„Mein Gott, wie froh ich bin, meine Augen auf dem Gesicht eines ehrlichen Mannes ausruhen zu lassen! Ich habe genug von all diesen Spitzel- und Schnüfflergesichtern. Zehnmal am Tag durchsuchen sie meine Taschen und meine bescheidene Zelle, um sicherzugehen, dass ich keinen Ausbruch vorbereite. Donnerwetter, wie sehr die Regierung an mir hängt!…“

„Sie hat recht.“

„Aber nein! Ich wäre so glücklich, wenn man mich in meinem Winkel in Ruhe leben ließe!“

„Vom Geld anderer Leute.“

„Nicht wahr? Es wäre so einfach! Aber ich plaudere, ich rede Unsinn, und Sie haben es vielleicht eilig. Kommen wir zur Sache, Ganimard! Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuchs?“

„Der Fall Cahorn.“ sagte Ganimard ohne Umschweife.

„Halt! Eine Sekunde… Ich habe nämlich so viele Fälle! Lassen Sie mich in meinem Kopf erst die Akte Cahorn finden… Ah, da ist sie, ich hab's. Fall Cahorn, Schloss Malaquis, Département Seine-Inférieure… Zwei Rubens, ein Watteau und ein paar Kleinigkeiten.“

„Kleinigkeiten!“

„Ach, ehrlich gesagt, das alles ist ziemlich unbedeutend. Es gibt Besseres! Aber der Fall interessiert Sie, und das genügt… Reden Sie also, Ganimard.“

„Soll ich Ihnen erklären, wie weit die Ermittlungen sind?“

„Nicht nötig. Ich habe die Morgenzeitungen gelesen. Ich erlaube mir sogar zu sagen, dass Sie nicht schnell vorankommen.“

„Genau deshalb appelliere ich an Ihre Gefälligkeit.“

„Ganz zu Ihren Diensten.“

„Zuerst dies: Den Fall haben wirklich Sie geleitet?“

„Von A bis Z.“

„Der Warnbrief? Das Telegramm?“

„Stammen von Ihrem ergebenen Diener. Ich müsste sogar irgendwo die Einlieferungsscheine haben.“

Die Quittungen in der Schublade

Arsène öffnete die Schublade eines kleinen Tisches aus rohem Holz. Zusammen mit dem Bett und dem Hocker war er die ganze Einrichtung seiner Zelle. Er nahm zwei Fetzen Papier heraus und reichte sie Ganimard.

„Also so was, ich dachte, man lässt Sie keinen Moment aus den Augen und durchsucht Sie bei jeder Kleinigkeit. Und Sie lesen Zeitungen und sammeln Quittungen von der Post…“ rief Ganimard.

„Ach was! Diese Leute sind so dumm! Sie trennen das Futter meiner Jacke auf, sie untersuchen die Sohlen meiner Stiefeletten, sie klopfen die Wände dieses Raums ab. Aber keiner käme auf die Idee, dass Arsène Lupin so einfältig sein könnte, ein so naheliegendes Versteck zu wählen. Genau darauf habe ich gesetzt.“

Ganimard rief belustigt:

„Was sind Sie nur für ein komischer Kerl! Sie bringen mich ganz durcheinander. Na los, erzählen Sie mir die Geschichte.“

„Oho, Sie gehen aber ran! Sie in all meine Geheimnisse einweihen… Ihnen meine kleinen Tricks verraten… Das ist eine ernste Sache.“

„Habe ich zu Unrecht auf Ihr Entgegenkommen gezählt?“

„Nein, Ganimard, und da Sie darauf bestehen…“

Einbruch hinter Gittern

Arsène Lupin ging zwei-, dreimal in seiner Zelle auf und ab, dann blieb er stehen:

„Was halten Sie von meinem Brief an den Baron?“

„Ich glaube, Sie wollten sich amüsieren und ein bisschen Eindruck schinden.“

„Aha, da haben wir's, Eindruck schinden! Nun, ich versichere Ihnen, Ganimard, ich hatte Sie für klüger gehalten. Halte ich mich mit solchen Kindereien auf, ich, Arsène Lupin? Hätte ich diesen Brief geschrieben, wenn ich den Baron auch ohne Brief hätte ausrauben können? So begreifen Sie doch, Sie und die anderen, dass dieser Brief der unentbehrliche Ausgangspunkt ist. Er ist die Triebfeder, die die ganze Maschine in Gang gesetzt hat. Kommen Sie, gehen wir der Reihe nach vor und planen wir zusammen, wenn Sie wollen, den Einbruch in Malaquis.“

„Ich höre.“

„Also, nehmen wir ein streng verschlossenes, verbarrikadiertes Schloss an, wie das von Baron Cahorn. Soll ich das Spiel aufgeben und auf Schätze verzichten, die ich begehre, nur weil das Schloss, in dem sie sind, unzugänglich ist?“

„Natürlich nicht.“

„Soll ich es stürmen wie in alten Zeiten, an der Spitze einer Abenteurertruppe?“

„Kindisch!“

„Soll ich mich heimlich einschleichen?“

„Unmöglich.“

„Bleibt ein Mittel, meiner Meinung nach das einzige: mich vom Besitzer dieses Schlosses einladen zu lassen.“

„Das Mittel ist originell.“

„Und wie einfach! Nehmen wir an, dieser Besitzer bekommt eines Tages einen Brief, der ihn vor dem warnt, was ein gewisser Arsène Lupin, ein bekannter Einbrecher, gegen ihn im Schilde führt. Was wird er tun?“

„Er schickt den Brief an den Staatsanwalt.“

„Der ihn auslachen wird, weil der besagte Lupin gerade hinter Schloss und Riegel sitzt. Also gerät der gute Mann in Panik und ist bereit, den Erstbesten um Hilfe zu bitten, nicht wahr?“

„Daran besteht kein Zweifel.“

„Und wenn er zufällig in einem Käseblatt liest, dass ein berühmter Polizist im Nachbarstädtchen Urlaub macht…“

„Dann wendet er sich an diesen Polizisten.“

„Sie sagen es. Aber nehmen wir andererseits an, Arsène Lupin hat diesen unvermeidlichen Schritt vorausgesehen. Und er hat einen seiner geschicktesten Freunde gebeten, sich in Caudebec niederzulassen. Dieser Freund nimmt Verbindung mit einem Redakteur des Weckrufs auf, der Zeitung, die der Baron abonniert hat. Und er lässt durchblicken, dass er der und der ist, der berühmte Polizist. Was wird geschehen?“

„Dass der Redakteur im Weckruf meldet, der besagte Polizist sei in Caudebec.“

„Vollkommen richtig. Und jetzt gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder der Fisch, ich meine Cahorn, beißt nicht an, und dann passiert nichts. Oder, und das ist das Wahrscheinlichere, er kommt angelaufen und zappelt vor Eifer. Und schon fleht mein Cahorn einen meiner Freunde um Hilfe gegen mich an!“

„Immer origineller.“

Der falsche Polizist

„Natürlich lehnt der falsche Polizist seine Hilfe zuerst ab. Darauf ein Telegramm von Arsène Lupin. Entsetzen beim Baron, der meinen Freund noch einmal anfleht und ihm soundso viel bietet, damit er ihn beschützt. Der Freund nimmt an und bringt zwei Burschen aus unserer Bande mit. In der Nacht, während Cahorn von seinem Beschützer bewacht wird, schaffen sie eine gewisse Anzahl Stücke durchs Fenster hinaus. Und sie lassen sie an Seilen hinunter in ein hübsches kleines Boot, das eigens dafür gemietet wurde. So einfach wie Lupin.“

„Und das ist schlicht und einfach wunderbar. Ich kann die Kühnheit der Idee und den Einfallsreichtum der Einzelheiten nicht genug loben. Aber ich kenne keinen Polizisten, der so berühmt wäre, dass sein Name den Baron derart hätte anlocken und überzeugen können.“ rief Ganimard.

„Es gibt einen, und es gibt nur einen.“

„Welchen?“

„Den berühmtesten, den persönlichen Feind von Arsène Lupin, kurz gesagt: Inspektor Ganimard.“

„Mich!“

„Sie selbst, Ganimard. Und das ist das Köstliche daran. Wenn Sie hinfahren und der Baron sich entschließt zu reden, werden Sie am Ende herausfinden, dass es Ihre Pflicht ist, sich selbst zu verhaften, so wie Sie mich in Amerika verhaftet haben. Na? Die Revanche ist komisch: Ich lasse Ganimard von Ganimard verhaften!“

Arsène Lupin lachte von Herzen. Der Inspektor, ziemlich gekränkt, biss sich auf die Lippen. Der Scherz schien ihm solche Heiterkeitsausbrüche nicht wert.

Das weiche Ei

Ein Wärter kam herein, und das gab Ganimard Zeit, sich zu fassen. Der Mann brachte das Essen, das Arsène Lupin sich dank einer besonderen Vergünstigung aus dem Restaurant nebenan bringen ließ. Er stellte das Tablett auf den Tisch und ging wieder. Arsène setzte sich, brach sein Brot, aß zwei, drei Bissen und fuhr fort:

„Aber seien Sie beruhigt, mein lieber Ganimard, Sie werden nicht hinfahren. Ich verrate Ihnen etwas, das Sie verblüffen wird: Der Fall Cahorn wird demnächst eingestellt.“

„Was!“

„Demnächst eingestellt, sage ich Ihnen.“

„Ach was, ich komme gerade vom Chef der Kriminalpolizei.“

„Na und? Weiß Herr Dudouis über meine Angelegenheiten besser Bescheid als ich? Sie werden erfahren, dass Ganimard, verzeihen Sie, dass der falsche Ganimard mit dem Baron auf sehr gutem Fuß geblieben ist. Und der Baron hat ihn mit einer sehr heiklen Aufgabe betraut: mit mir ein Geschäft auszuhandeln. Das ist auch der Hauptgrund, warum er nichts gesagt hat. Zu dieser Stunde hat der Baron gegen eine gewisse Summe wahrscheinlich seine geliebten Kostbarkeiten wieder. Im Gegenzug zieht er seine Anzeige zurück. Also kein Diebstahl mehr. Also muss die Justiz das Verfahren einstellen…“

Ganimard betrachtete den Häftling verblüfft.

„Und woher wissen Sie das alles?“

„Ich habe eben das Telegramm bekommen, auf das ich gewartet habe.“

„Sie haben eben ein Telegramm bekommen?“

„Gerade eben, lieber Freund. Aus Höflichkeit wollte ich es nicht in Ihrer Gegenwart lesen. Aber wenn Sie gestatten…“

„Sie machen sich über mich lustig, Lupin.“

„Seien Sie so gut, lieber Freund, und köpfen Sie vorsichtig dieses weiche Ei. Sie werden selbst sehen, dass ich mich nicht über Sie lustig mache.“

Ganz mechanisch gehorchte Ganimard und schlug das Ei mit der Messerklinge auf. Ein Schrei der Überraschung entfuhr ihm. Die leere Schale enthielt ein Blatt blaues Papier. Auf Arsènes Bitte faltete er es auseinander. Es war ein Telegramm, oder besser ein Stück von einem Telegramm, von dem man die Vermerke der Post abgerissen hatte. Er las:

„Einigung erzielt. Hunderttausend Mäuse übergeben. Alles bestens.“

„Hunderttausend Mäuse?“ sagte er.

„Ja, hunderttausend Francs! Das ist wenig, aber die Zeiten sind hart… Und ich habe so hohe Geschäftskosten! Wenn Sie meinen Haushalt kennen würden… der Haushalt einer Großstadt!“

Die Einsamkeitskur

Ganimard stand auf. Seine schlechte Laune war verflogen. Er dachte ein paar Sekunden nach und überblickte den ganzen Fall, um die schwache Stelle darin zu finden. Dann sagte er in einem Ton, aus dem offen die Bewunderung des Kenners klang:

„Zum Glück gibt es von Ihrer Sorte keine Dutzende, sonst könnten wir den Laden dichtmachen.“

Arsène Lupin setzte eine bescheidene Miene auf und antwortete:

„Ach was! Man muss sich ja irgendwie zerstreuen, die freie Zeit füllen… Zumal der Streich nur gelingen konnte, solange ich im Gefängnis saß.“

„Wie bitte! Ihr Prozess, Ihre Verteidigung, die Ermittlungen, das alles genügt Ihnen nicht zur Zerstreuung?“ rief Ganimard.

„Nein, denn ich habe beschlossen, an meinem Prozess nicht teilzunehmen.“

„Oho!“

Arsène Lupin wiederholte gelassen:

„Ich werde an meinem Prozess nicht teilnehmen.“

„Tatsächlich!“

„Also hören Sie, mein Lieber, Sie bilden sich doch nicht ein, dass ich auf feuchtem Stroh verfaule? Sie beleidigen mich. Arsène Lupin bleibt nur so lange im Gefängnis, wie es ihm gefällt, und keine Minute länger.“

„Vielleicht wäre es klüger gewesen, gar nicht erst hineinzugehen.“ wandte der Inspektor spöttisch ein.

„Ah, der Herr spottet? Der Herr erinnert sich, dass er die Ehre hatte, mich zu verhaften? Wissen Sie, mein verehrter Freund, niemand, weder Sie noch sonst einer, hätte mich fassen können, wenn mich in diesem entscheidenden Augenblick nicht etwas viel Wichtigeres beschäftigt hätte.“

„Sie überraschen mich.“

„Eine Frau sah mich an, Ganimard, und ich liebte sie. Verstehen Sie, was alles darin liegt, wenn eine Frau, die man liebt, einen ansieht? Alles andere war mir gleich, das schwöre ich Ihnen. Und deshalb bin ich hier.“

„Und das schon ziemlich lange, wenn ich bemerken darf.“

„Zuerst wollte ich vergessen. Lachen Sie nicht: Das Abenteuer war bezaubernd, und ich denke immer noch mit Rührung daran… Und dann sind meine Nerven ein wenig angegriffen! Das Leben ist heutzutage so hektisch! Man muss sich zuweilen das gönnen, was man eine Einsamkeitskur nennt. Dieser Ort ist für solche Kuren wie geschaffen. Hier macht man die Santé-Kur, die Gesundheitskur, in aller Strenge.“

„Arsène Lupin, Sie nehmen mich auf den Arm.“ bemerkte Ganimard.

„Ganimard, heute ist Freitag. Nächsten Mittwoch komme ich um vier Uhr nachmittags zu Ihnen in die Rue Pergolèse und rauche meine Zigarre.“ erklärte Lupin.

„Arsène Lupin, ich erwarte Sie.“

Die Uhr zum Abschied

Sie gaben sich die Hand wie zwei gute Freunde, die einander nach ihrem wahren Wert schätzen, und der alte Polizist ging zur Tür.

„Ganimard!“

Ganimard drehte sich um.

„Was gibt's?“

„Ganimard, Sie vergessen Ihre Uhr.“

„Meine Uhr?“

„Ja, sie hat sich in meine Tasche verirrt.“

Er gab sie zurück und entschuldigte sich.

„Verzeihen Sie… eine schlechte Angewohnheit… Aber nur weil man mir meine weggenommen hat, ist das noch kein Grund, Sie um Ihre zu bringen. Zumal ich hier eine Uhr habe, über die ich mich nicht beklagen kann und die mir vollkommen genügt.“

Er holte aus der Schublade eine große goldene Uhr, dick und behäbig, mit einer schweren Kette.

„Und die, aus welcher Tasche stammt die?“ fragte Ganimard.

Arsène Lupin betrachtete lässig die Initialen.

„J. B.… Wer zum Teufel kann das bloß sein?… Ach ja, jetzt weiß ich es wieder: Jules Bouvier, mein Untersuchungsrichter, ein reizender Mensch…“

Über den Text

Freie deutsche Übersetzung aus dem Original, für das Zuhören bearbeitet (kürzere Sätze, einfachere Namen und Begriffe), automatisch geprüft (eine menschliche Korrektur steht noch aus – schreiben Sie uns gern, wenn Ihnen ein Fehler auffällt).