Die Liga der Rothaarigen ist eine Erzählung von Arthur Conan Doyle aus dem Jahr 1891. Dies ist der erste von zwei Teilen. In die Baker Street kommt ein beleibter Pfandleiher mit feuerrotem Haar. Gerade wegen dieser Haare hat er eine seltsame und sehr gut bezahlte Arbeit bekommen, die eines Morgens ohne jede Erklärung zu Ende war.
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Kapitel
- Einleitung
- Die freie Stelle
- Ein Besucher mit feuerrotem Haar
- Die Anzeige in der Zeitung
- Die Liga der Rothaarigen
- Tausend rote Köpfe
- Vier Pfund die Woche
- Der Buchstabe A
- Der verschwundene Verwalter
- Ein Fleck auf der Stirn
- Ein Problem für drei Pfeifen
- Um die Ecke
- Zwei Naturen
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Die freie Stelle
Ein Besucher mit feuerrotem Haar
Eines Tages im Herbst letzten Jahres besuchte ich meinen Freund, Herrn Sherlock Holmes. Ich traf ihn in ein Gespräch mit einem sehr beleibten älteren Herrn vertieft. Der hatte ein gerötetes Gesicht und feuerrotes Haar. Ich entschuldigte mich für die Störung und wollte mich zurückziehen. Doch Holmes zog mich mit einem Ruck ins Zimmer und schloss die Tür hinter mir.
„Sie hätten zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können, mein lieber Watson“, sagte er herzlich.
„Ich fürchtete, Sie seien beschäftigt.“
„Das bin ich auch. Sehr sogar.“
„Dann kann ich im Nebenzimmer warten.“
„Keineswegs. Herr Wilson, dieser Herr war mein Partner und Helfer in vielen meiner erfolgreichsten Fälle. Ich zweifle nicht, dass er mir auch in Ihrem Fall von größtem Nutzen sein wird.“
Der beleibte Herr erhob sich halb von seinem Stuhl und nickte zum Gruß. Dabei warf er mir einen raschen, fragenden Blick zu, aus kleinen Augen, die tief im Fett lagen.
„Nehmen Sie das Sofa“, sagte Holmes. Er ließ sich wieder in seinen Sessel sinken und legte die Fingerspitzen aneinander, wie er es tat, wenn er in richterlicher Stimmung war. „Ich weiß, mein lieber Watson, dass Sie meine Vorliebe für alles teilen, was bizarr ist und aus dem Rahmen fällt, fern vom eintönigen Alltag. Das haben Sie mit dem Eifer bewiesen, mit dem Sie so viele meiner kleinen Abenteuer aufgeschrieben haben. Und, verzeihen Sie, wenn ich das sage, auch ein wenig ausgeschmückt.“
„Ihre Fälle haben mich wirklich ungeheuer interessiert“, bemerkte ich.
„Sie erinnern sich bestimmt, was ich neulich gesagt habe, kurz bevor wir uns mit dem sehr einfachen Problem von Fräulein Mary Sutherland befassten. Wer seltsame Begebenheiten und außergewöhnliche Zusammenhänge sucht, muss sich an das Leben selbst halten. Das Leben ist immer viel kühner als jede Fantasie.“
„Eine Behauptung, die ich mir zu bezweifeln erlaubte.“
„Das taten Sie, Doktor. Und trotzdem müssen Sie sich meiner Ansicht anschließen. Sonst häufe ich so lange Tatsache auf Tatsache, bis Ihr Verstand darunter zusammenbricht und mir recht gibt. Nun, Herr Jabez Wilson hier war so freundlich, mich heute Morgen aufzusuchen. Er hat eine Geschichte begonnen, die eine der seltsamsten zu werden verspricht, die ich seit Langem gehört habe. Sie wissen, ich sage oft: Die seltsamsten und einzigartigsten Dinge hängen sehr häufig nicht mit den großen, sondern mit den kleineren Verbrechen zusammen. Und manchmal sogar mit Fällen, bei denen man zweifeln kann, ob überhaupt ein Verbrechen begangen wurde. Nach dem, was ich bisher gehört habe, kann ich nicht sagen, ob es hier um ein Verbrechen geht oder nicht. Aber der Verlauf der Ereignisse gehört gewiss zu den seltsamsten, die mir je erzählt wurden. Herr Wilson, hätten Sie vielleicht die große Güte, Ihre Erzählung noch einmal von vorn zu beginnen? Ich bitte Sie nicht nur darum, weil mein Freund Doktor Watson den Anfang nicht gehört hat. Die Geschichte ist so eigenartig, dass ich jede mögliche Einzelheit aus Ihrem Mund hören möchte. Gewöhnlich genügt mir ein kleiner Hinweis auf den Gang der Dinge. Dann kann ich mich an Tausenden ähnlicher Fälle orientieren, die ich im Gedächtnis habe. Diesmal muss ich zugeben, dass die Tatsachen, soweit ich weiß, einzigartig sind.“
Der dicke Klient warf sich mit einem gewissen Stolz in die Brust. Er zog eine schmutzige, zerknitterte Zeitung aus der Innentasche seines Mantels. Mit vorgestrecktem Kopf strich er sie auf dem Knie glatt und ließ den Blick die Spalte mit den Anzeigen hinabgleiten. Ich sah mir den Mann inzwischen genau an. Nach Art meines Freundes versuchte ich, aus seiner Kleidung und seinem Aussehen etwas herauszulesen.
Viel brachte mir diese Musterung allerdings nicht. Unser Besucher sah in jeder Hinsicht wie ein ganz gewöhnlicher britischer Geschäftsmann aus, dick, wichtigtuerisch und langsam. Er trug ziemlich weite, grau karierte Hosen und einen nicht allzu sauberen schwarzen Gehrock, der vorn offen stand. Darunter eine graubraune Weste mit einer schweren Uhrkette aus Messing. Daran baumelte als Schmuck ein viereckiges Stück Metall mit einem Loch. Auf einem Stuhl neben ihm lagen ein abgewetzter Zylinder und ein verblichener brauner Mantel mit zerknittertem Samtkragen. Ich mochte schauen, wie ich wollte, an dem Mann war nichts Bemerkenswertes. Nur der leuchtend rote Kopf und der Ausdruck tiefsten Ärgers und Missmuts in seinem Gesicht.
Dem flinken Auge von Sherlock Holmes entging nicht, womit ich beschäftigt war. Als er meine fragenden Blicke bemerkte, schüttelte er lächelnd den Kopf. „Außer den offensichtlichen Tatsachen, dass er irgendwann körperlich gearbeitet hat, dass er Schnupftabak nimmt, dass er Freimaurer ist, dass er in China war und dass er in letzter Zeit viel geschrieben hat, kann ich nichts weiter ableiten.“
Herr Jabez Wilson fuhr auf seinem Stuhl hoch. Den Zeigefinger ließ er auf der Zeitung, aber die Augen richtete er auf meinen Freund.
„Um Himmels willen, woher wissen Sie das alles, Herr Holmes?“, fragte er. „Woher wussten Sie zum Beispiel, dass ich mit den Händen gearbeitet habe? Es ist die reine Wahrheit, ich habe als Schiffszimmermann angefangen.“
„Ihre Hände, mein lieber Herr. Ihre rechte Hand ist gut eine Nummer größer als die linke. Mit ihr haben Sie gearbeitet, und deshalb sind die Muskeln kräftiger.“
„Na gut, und der Schnupftabak und die Freimaurer?“
„Ich will Ihren Verstand nicht beleidigen, indem ich Ihnen erkläre, wie ich das erkannt habe. Zumal Sie eine Krawattennadel mit Zirkel und Winkelmaß tragen, und zwar entgegen den strengen Regeln Ihres Ordens.“
„Ach ja, natürlich, das hatte ich vergessen. Aber das Schreiben?“
„Was sonst könnte der rechte Ärmelaufschlag bedeuten, der auf zwölf Zentimetern so blank glänzt? Und der linke Ärmel, der am Ellbogen glatt gescheuert ist, weil Sie sich damit auf den Schreibtisch stützen?“
„Na schön, aber China?“
„Der Fisch, den Sie direkt über dem rechten Handgelenk tragen, kann nur in China tätowiert worden sein. Ich habe Tätowierungen ein wenig studiert und sogar etwas darüber in der Fachliteratur veröffentlicht. Die Art, die Fischschuppen zart rosa zu färben, gibt es nur in China. Und wenn ich dazu noch eine chinesische Münze an Ihrer Uhrkette hängen sehe, wird die Sache noch einfacher.“
Herr Jabez Wilson lachte schwerfällig. „Na so was!“, sagte er. „Zuerst dachte ich, da stecke etwas Kluges dahinter. Aber jetzt sehe ich, dass gar nichts dahintersteckt.“
„Ich glaube langsam, Watson“, sagte Holmes, „dass es ein Fehler ist, wenn ich etwas erkläre. Omne ignotum pro magnifico, wie Sie wissen: Alles Unbekannte hält man für großartig. Und mein armer kleiner Ruf, so bescheiden er ist, wird Schiffbruch erleiden, wenn ich so offen bin. Finden Sie die Anzeige nicht, Herr Wilson?“
„Doch, jetzt habe ich sie“, antwortete er, und sein dicker roter Finger lag mitten in der Spalte. „Hier ist sie. Damit hat alles angefangen. Lesen Sie selbst, Herr Holmes.“
Die Anzeige in der Zeitung
Ich nahm ihm die Zeitung ab und las Folgendes:
„An die Liga der Rothaarigen: Aufgrund des Vermächtnisses des verstorbenen Ezekiah Hopkins aus Lebanon in Pennsylvania, Vereinigte Staaten, ist wieder eine Stelle frei. Sie berechtigt ein Mitglied der Liga zu einem Gehalt von vier Pfund die Woche, für rein formelle Dienste. Bewerben können sich alle rothaarigen Männer über einundzwanzig Jahre, die an Körper und Geist gesund sind. Persönlich vorzusprechen am Montag um elf Uhr bei Duncan Ross, im Büro der Liga, Pope’s Court Nummer sieben, Fleet Street.“
„Was um alles in der Welt soll das bedeuten?“, rief ich, nachdem ich die seltsame Anzeige zweimal gelesen hatte.
Holmes lachte leise in sich hinein und rutschte in seinem Sessel hin und her, wie er es tat, wenn er gut gelaunt war. „Das ist ein wenig abseits der ausgetretenen Pfade, nicht wahr?“, sagte er. „Und nun, Herr Wilson, fangen Sie ganz von vorn an. Erzählen Sie uns alles über sich, über Ihren Haushalt und darüber, was diese Anzeige für Ihr Schicksal bedeutet hat. Sie, Doktor, notieren sich zuerst die Zeitung und das Datum.“
„Es ist die Morning Chronicle vom siebenundzwanzigsten April 1890. Genau zwei Monate her.“
„Sehr gut. Nun, Herr Wilson?“
„Es ist so, wie ich es Ihnen gerade erzählt habe, Herr Sherlock Holmes“, sagte Jabez Wilson und wischte sich die Stirn. „Ich habe eine kleine Pfandleihe am Coburg Square, nicht weit von der City. Es ist kein großes Geschäft, und in den letzten Jahren hat es mich gerade so ernährt. Früher konnte ich mir zwei Gehilfen leisten, aber jetzt habe ich nur noch einen. Auch ihn könnte ich kaum bezahlen. Aber er ist bereit, für den halben Lohn zu arbeiten, um das Geschäft zu lernen.“
„Wie heißt denn dieser gefällige junge Mann?“, fragte Sherlock Holmes.
„Er heißt Vincent Spaulding, und so jung ist er gar nicht. Es ist schwer zu sagen, wie alt er ist. Einen tüchtigeren Gehilfen könnte ich mir nicht wünschen, Herr Holmes. Ich weiß sehr gut, dass er es besser haben und das Doppelte verdienen könnte. Aber wenn er zufrieden ist, warum sollte ich ihm Flausen in den Kopf setzen?“
„Ja, warum eigentlich? Sie haben offenbar großes Glück mit einem Angestellten, der billiger arbeitet als üblich. Das erleben Arbeitgeber heutzutage nicht oft. Ich weiß nicht, ob Ihr Gehilfe nicht ebenso bemerkenswert ist wie Ihre Anzeige.“
„Oh, er hat auch seine Fehler“, sagte Herr Wilson. „Er ist ganz versessen aufs Fotografieren, so einen gibt es kein zweites Mal. Ständig knipst er mit seinem Apparat, statt etwas zu lernen. Und dann taucht er in den Keller ab wie ein Kaninchen in seinen Bau, um seine Bilder zu entwickeln. Das ist sein größter Fehler. Aber im Großen und Ganzen arbeitet er gut. Etwas Schlechtes ist nicht an ihm.“
„Er ist noch bei Ihnen, nehme ich an?“
„Ja, Herr Holmes. Er und ein vierzehnjähriges Mädchen, das ein wenig kocht, nur einfache Sachen, und sauber macht. Mehr Leute habe ich nicht im Haus, denn ich bin Witwer und hatte nie Familie. Wir leben sehr ruhig, wir drei. Wir haben ein Dach über dem Kopf und bezahlen unsere Schulden. Mehr aber auch nicht.
„Das Erste, was uns aus der Ruhe brachte, war diese Anzeige. Heute vor genau acht Wochen kam Spaulding mit eben dieser Zeitung in der Hand herunter ins Geschäft und sagte:
„‚Ich wünschte bei Gott, Herr Wilson, ich wäre rothaarig.‘
„‚Wieso denn das?‘, frage ich.
Die Liga der Rothaarigen
„‚Na ja‘, sagt er, ‚hier ist wieder eine Stelle frei bei der Liga der Rothaarigen. Wer sie bekommt, für den ist sie ein kleines Vermögen wert. Und soviel ich weiß, gibt es mehr freie Stellen als Männer, sodass die Verwalter des Fonds nicht wissen, was sie mit dem Geld anfangen sollen. Wenn meine Haare nur die Farbe wechseln würden, wartete da ein hübsches, bequemes Pöstchen auf mich.‘
„‚Was ist das denn?‘, fragte ich. Wissen Sie, Herr Holmes, ich bin sehr häuslich. Die Kundschaft kam zu mir, ich musste nicht zu ihr gehen. So habe ich oft wochenlang keinen Fuß vor die Tür gesetzt. Deshalb wusste ich nicht viel von dem, was draußen vorging, und war immer froh über eine kleine Neuigkeit.
„‚Haben Sie noch nie von der Liga der Rothaarigen gehört?‘, fragte er mit großen Augen.
„‚Nie.‘
„‚Das wundert mich aber, denn Sie selbst kämen für eine der Stellen infrage.‘
„‚Und was bringen sie ein?‘, fragte ich.
„‚Ach, nur ein paar hundert Pfund im Jahr. Dabei ist die Arbeit leicht und stört einen kaum bei anderen Beschäftigungen.‘
„Nun, Sie können sich denken, dass ich da die Ohren spitzte. Das Geschäft ging schon seit ein paar Jahren nicht besonders gut, und ein paar hundert Pfund extra wären mir sehr gelegen gekommen.
„‚Erzählen Sie mir alles darüber‘, sagte ich.
„‚Also‘, sagte er und zeigte mir die Anzeige, ‚Sie sehen ja selbst, dass die Liga eine freie Stelle hat. Und da steht die Adresse, wo man sich melden und mehr erfahren soll. Soviel ich weiß, wurde die Liga von einem amerikanischen Millionär gegründet, Ezekiah Hopkins, und der war ein ziemlicher Sonderling. Er war selbst rothaarig und hatte viel für alle rothaarigen Männer übrig. Als er starb, stellte sich heraus, dass er sein riesiges Vermögen Verwaltern überlassen hatte. Die Verwalter sollten von den Zinsen bequeme Stellen für Männer mit dieser Haarfarbe bezahlen. Nach allem, was ich höre, ist die Bezahlung großartig, und zu tun gibt es sehr wenig.‘
„‚Aber‘, sagte ich, ‚da würden sich doch Millionen rothaariger Männer bewerben.‘
„‚Nicht so viele, wie Sie denken‘, antwortete er. ‚Sehen Sie, es gilt eigentlich nur für Londoner und nur für erwachsene Männer. Dieser Amerikaner war als junger Mann von London aus in die Welt gezogen und wollte der alten Stadt etwas Gutes tun. Und dann habe ich gehört, dass es keinen Zweck hat, sich zu bewerben, wenn man hellrotes oder dunkelrotes Haar hat. Es muss ein echtes, leuchtendes, flammendes Feuerrot sein. Wenn Sie sich bewerben wollten, Herr Wilson, würden Sie die Stelle sofort bekommen. Aber vielleicht lohnt sich für Sie die Mühe wegen ein paar hundert Pfund gar nicht.‘
„Nun ist es eine Tatsache, meine Herren, wie Sie selbst sehen, dass mein Haar einen sehr kräftigen, satten Ton hat. Wenn es also einen Wettbewerb gab, dachte ich, hätte ich so gute Aussichten wie jeder andere. Vincent Spaulding schien so viel darüber zu wissen, dass er mir nützlich sein konnte. Also befahl ich ihm, für diesen Tag die Fensterläden zu schließen und gleich mitzukommen. Er nahm den freien Tag gern an. So schlossen wir das Geschäft und machten uns auf zu der Adresse aus der Anzeige.
Tausend rote Köpfe
„So einen Anblick hoffe ich nie wieder zu sehen, Herr Holmes. Jeder Mann, der auch nur einen Hauch von Rot im Haar hatte, war aus Norden, Süden, Osten und Westen in die Stadt gestapft, um auf die Anzeige zu antworten. Die Fleet Street war verstopft von rothaarigen Leuten, und Pope’s Court sah aus wie der Karren eines Orangenhändlers. Ich hätte nie gedacht, dass eine einzige Anzeige im ganzen Land so viele zusammenbringen könnte. Alle Farbtöne waren da. Strohgelb, zitronengelb, orange, ziegelrot, rot wie ein Irischer Setter, leberbraun, lehmfarben. Aber wie Spaulding gesagt hatte, nur wenige hatten das echte, lebhafte Flammenrot. Als ich sah, wie viele warteten, hätte ich am liebsten verzweifelt aufgegeben. Aber Spaulding wollte davon nichts hören. Ich kann mir nicht vorstellen, wie er es schaffte. Er schob und zog und drängelte, bis er mich durch die Menge gebracht hatte, direkt bis zur Treppe, die zum Büro hinaufführte. Auf der Treppe gab es zwei Ströme. Die einen gingen voller Hoffnung hinauf, die anderen kamen niedergeschlagen herunter. Aber wir zwängten uns durch, so gut es ging, und standen bald im Büro.“
„Ihr Erlebnis ist wirklich höchst unterhaltsam“, bemerkte Holmes, als sein Klient eine Pause machte und sein Gedächtnis mit einer gewaltigen Prise Schnupftabak auffrischte. „Bitte fahren Sie mit Ihrem sehr interessanten Bericht fort.“
„Im Büro gab es nur ein paar Holzstühle und einen einfachen Tisch aus Kiefernholz. Dahinter saß ein kleiner Mann mit einem Kopf, der noch röter war als meiner. Mit jedem Bewerber, der vortrat, wechselte er ein paar Worte. Dann fand er jedes Mal irgendeinen Fehler, der ihn ausschloss. Eine freie Stelle zu bekommen, schien also doch nicht so leicht zu sein. Als wir aber an der Reihe waren, war der kleine Mann mir viel freundlicher gesinnt als allen anderen. Er schloss hinter uns die Tür, damit er unter vier Augen mit uns sprechen konnte.
„‚Das ist Herr Jabez Wilson‘, sagte mein Gehilfe, ‚und er möchte die freie Stelle in der Liga übernehmen.‘
„‚Und er ist bestens dafür geeignet‘, antwortete der andere. ‚Er erfüllt alle Bedingungen. Ich weiß nicht mehr, wann ich zuletzt etwas so Schönes gesehen habe.‘ Er trat einen Schritt zurück, legte den Kopf schief und starrte so lange auf mein Haar, bis ich ganz verlegen wurde. Dann stürzte er plötzlich vor, schüttelte mir die Hand und gratulierte mir herzlich zu meinem Erfolg.
„‚Es wäre ungerecht, noch zu zögern‘, sagte er. ‚Sie werden mir aber sicher verzeihen, dass ich mich noch vergewissere.‘ Damit packte er mein Haar mit beiden Händen und zog daran, bis ich vor Schmerz aufschrie. ‚Sie haben Tränen in den Augen‘, sagte er, als er mich losließ. ‚Ich sehe, alles ist so, wie es sein soll. Aber wir müssen vorsichtig sein. Zweimal hat man uns mit Perücken getäuscht und einmal mit Farbe. Ich könnte Ihnen Geschichten von Schusterwachs erzählen, die Ihnen die menschliche Natur verleiden würden.‘ Er ging zum Fenster und rief aus vollem Hals hinaus, dass die Stelle besetzt sei. Von unten kam ein enttäuschtes Stöhnen herauf. Die Leute zogen in alle Richtungen davon, bis kein roter Kopf mehr zu sehen war außer meinem und dem des Verwalters.
„‚Mein Name‘, sagte er, ‚ist Duncan Ross. Ich selbst beziehe auch Geld aus dem Fonds, den unser edler Wohltäter hinterlassen hat. Sind Sie verheiratet, Herr Wilson? Haben Sie Familie?‘
„Ich antwortete, dass ich keine habe.
„Sofort machte er ein langes Gesicht.
„‚Du lieber Himmel!‘, sagte er ernst. ‚Das ist allerdings sehr bedenklich! Es tut mir leid, das zu hören. Der Fonds ist natürlich nicht nur dafür da, die Rothaarigen zu versorgen, sondern auch dafür, dass sie sich vermehren und verbreiten. Es ist überaus bedauerlich, dass Sie Junggeselle sind.‘
Vier Pfund die Woche
„Da machte auch ich ein langes Gesicht, Herr Holmes, denn ich dachte, ich bekäme die Stelle nun doch nicht. Aber er überlegte ein paar Minuten und sagte dann, es werde schon in Ordnung gehen.
„‚Bei einem anderen‘, sagte er, ‚könnte dieser Einwand entscheidend sein. Aber für einen Mann mit so einem Haarschopf wie Ihrem müssen wir eine Ausnahme machen. Wann können Sie Ihre neuen Pflichten antreten?‘
„‚Nun, das ist etwas ungünstig, denn ich habe schon ein Geschäft‘, sagte ich.
„‚Ach, machen Sie sich darüber keine Sorgen, Herr Wilson!‘, sagte Vincent Spaulding. ‚Darum könnte ich mich für Sie kümmern.‘
„‚Und zu welchen Zeiten?‘, fragte ich.
„‚Von zehn bis zwei.‘
„In einer Pfandleihe ist am meisten abends zu tun, Herr Holmes, besonders am Donnerstag- und Freitagabend, kurz vor dem Zahltag. Da passte es mir gut, vormittags etwas dazuzuverdienen. Außerdem wusste ich, dass mein Gehilfe ein guter Mann war und sich um alles kümmern würde, was anfiel.
„‚Das würde mir sehr gut passen‘, sagte ich. ‚Und die Bezahlung?‘
„‚Vier Pfund die Woche.‘
„‚Und die Arbeit?‘
„‚Ist rein formell.‘
„‚Was nennen Sie rein formell?‘
„‚Nun, Sie müssen die ganze Zeit im Büro sein, oder wenigstens im Gebäude. Wenn Sie gehen, verlieren Sie Ihre Stelle für immer. Das Testament ist in diesem Punkt sehr klar. Sie erfüllen die Bedingungen nicht, wenn Sie sich in dieser Zeit aus dem Büro rühren.‘
„‚Es sind ja nur vier Stunden am Tag, und ich würde nicht im Traum daran denken zu gehen‘, sagte ich.
„‚Keine Entschuldigung gilt‘, sagte Herr Duncan Ross. ‚Weder Krankheit noch Geschäfte noch sonst etwas. Dort müssen Sie bleiben, oder Sie verlieren Ihren Posten.‘
„‚Und die Arbeit?‘
„‚Sie besteht darin, die Encyclopaedia Britannica abzuschreiben. Dort im Schrank steht der erste Band. Tinte, Federn und Löschpapier müssen Sie selbst mitbringen, aber wir stellen diesen Tisch und diesen Stuhl. Können Sie morgen anfangen?‘
„‚Gewiss‘, antwortete ich.
„‚Dann auf Wiedersehen, Herr Jabez Wilson, und lassen Sie mich Ihnen noch einmal zu der wichtigen Stellung gratulieren, die Sie glücklicherweise bekommen haben.‘ Mit einer Verbeugung geleitete er mich aus dem Zimmer. Ich ging mit meinem Gehilfen nach Hause und wusste vor lauter Freude über mein Glück kaum, was ich sagen oder tun sollte.
„Den ganzen Tag dachte ich über die Sache nach, und gegen Abend war ich wieder niedergeschlagen. Ich hatte mir nämlich eingeredet, dass das Ganze ein großer Schwindel oder Betrug sein müsse. Was der Zweck sein sollte, konnte ich mir allerdings nicht vorstellen. Es schien mir völlig unglaublich, dass jemand so ein Testament machen könnte. Und dass man so viel Geld für etwas so Einfaches zahlen würde wie das Abschreiben der Encyclopaedia Britannica. Vincent Spaulding tat, was er konnte, um mich aufzumuntern. Aber bis ich zu Bett ging, hatte ich mir die ganze Sache ausgeredet. Am Morgen beschloss ich dann doch, es mir wenigstens anzusehen. Ich kaufte ein Fläschchen Tinte für einen Penny, dazu eine Gänsefeder und sieben Bogen Kanzleipapier, und machte mich auf den Weg zum Pope’s Court.
Der Buchstabe A
„Nun, zu meiner Überraschung und Freude war alles so, wie es sein sollte. Der Tisch stand für mich bereit, und Herr Duncan Ross war da, um darauf zu achten, dass ich richtig mit der Arbeit anfing. Er ließ mich beim Buchstaben A beginnen und ging dann. Aber ab und zu schaute er herein, um nachzusehen, ob bei mir alles in Ordnung war. Um zwei Uhr verabschiedete er sich, lobte mich dafür, wie viel ich geschrieben hatte, und schloss hinter mir das Büro ab.
„So ging es Tag für Tag, Herr Holmes. Am Samstag kam der Verwalter herein und zählte mir vier goldene Pfundmünzen für die Arbeit der Woche auf den Tisch. In der nächsten Woche war es genauso und in der Woche danach auch. Jeden Morgen war ich um zehn dort, und jeden Nachmittag ging ich um zwei. Nach und nach kam Herr Duncan Ross nur noch einmal am Vormittag herein, und nach einer Weile kam er gar nicht mehr. Trotzdem wagte ich es natürlich nie, das Zimmer auch nur einen Augenblick zu verlassen. Ich wusste ja nicht, wann er kommen würde. Und die Stelle war so gut und passte mir so sehr, dass ich sie nicht aufs Spiel setzen wollte.
„So vergingen acht Wochen. Ich hatte über Äbte geschrieben, über Armbrüste, über Amulette, über Architektur und über Attika. Ich hoffte, dass ich mit Fleiß bald zum Buchstaben B kommen würde. Das kostete mich einiges an Papier, und ich hatte schon fast ein ganzes Regalbrett mit meinen Abschriften gefüllt. Und dann war die ganze Sache plötzlich zu Ende.“
„Zu Ende?“
„Ja, Herr Holmes. Und zwar erst heute Morgen. Ich ging wie gewöhnlich um zehn Uhr zur Arbeit. Aber die Tür war zu und abgeschlossen. Mitten auf die Tür war mit einem Reißnagel ein kleines viereckiges Stück Pappe geheftet. Hier ist es, Sie können es selbst lesen.“
Er hielt ein Stück weiße Pappe hoch, etwa so groß wie ein Briefbogen. Darauf stand:
„Die Liga der Rothaarigen ist aufgelöst. Neunter Oktober 1890.“
Sherlock Holmes und ich betrachteten die knappe Mitteilung und das kummervolle Gesicht dahinter. Schließlich überwog die komische Seite der Sache alles andere so sehr, dass wir beide in schallendes Gelächter ausbrachen.
„Ich sehe nicht, was daran so komisch sein soll“, rief unser Klient und wurde rot bis an die Wurzeln seines flammenden Haars. „Wenn Sie nichts Besseres können, als mich auszulachen, kann ich auch woanders hingehen.“
„Nein, nein“, rief Holmes und drückte ihn zurück auf den Stuhl, von dem er sich halb erhoben hatte. „Ihren Fall möchte ich um nichts in der Welt verpassen. Er ist erfrischend ungewöhnlich. Aber er hat, verzeihen Sie, wenn ich das sage, doch etwas leicht Komisches an sich. Was haben Sie denn unternommen, als Sie die Karte an der Tür fanden?“
„Ich war wie vor den Kopf gestoßen, Herr Holmes. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Dann fragte ich in den Büros ringsum nach, aber dort schien niemand etwas zu wissen. Schließlich ging ich zum Vermieter. Er ist Buchhalter und wohnt im Erdgeschoss. Ich fragte ihn, ob er mir sagen könne, was aus der Liga der Rothaarigen geworden sei. Er sagte, er habe nie von so einem Verein gehört. Dann fragte ich ihn, wer Herr Duncan Ross sei. Er antwortete, der Name sei ihm neu.
Der verschwundene Verwalter
„‚Na‘, sagte ich, ‚der Herr von Nummer vier.‘
„‚Was, der Rothaarige?‘
„‚Ja.‘
„‚Ach‘, sagte er, ‚der hieß William Morris. Er war Anwalt und hat mein Zimmer nur vorübergehend benutzt, bis seine neuen Räume fertig waren. Gestern ist er ausgezogen.‘
„‚Wo könnte ich ihn finden?‘
„‚Ach, in seinem neuen Büro. Er hat mir die Adresse genannt. Ja, King Edward Street Nummer siebzehn, in der Nähe der St.-Pauls-Kathedrale.‘
„Ich machte mich auf den Weg, Herr Holmes. Aber unter dieser Adresse war eine Werkstatt für künstliche Kniescheiben. Und dort hatte noch nie jemand von Herrn William Morris oder von Herrn Duncan Ross gehört.“
„Und was haben Sie dann getan?“, fragte Holmes.
„Ich ging nach Hause zum Saxe-Coburg Square und fragte meinen Gehilfen um Rat. Aber er konnte mir überhaupt nicht helfen. Er sagte nur, wenn ich abwartete, würde ich mit der Post Nachricht bekommen. Aber das war mir nicht genug, Herr Holmes. Ich wollte so eine Stelle nicht kampflos verlieren. Ich hatte gehört, dass Sie so freundlich sind, armen Leuten einen Rat zu geben, wenn sie ihn brauchen. Und so bin ich gleich zu Ihnen gekommen.“
„Und damit haben Sie sehr klug gehandelt“, sagte Holmes. „Ihr Fall ist überaus bemerkenswert, und ich werde mich gern damit befassen. Nach dem, was Sie mir erzählt haben, halte ich es für möglich, dass ernstere Dinge daran hängen, als es auf den ersten Blick scheint.“
„Ernst genug!“, sagte Herr Jabez Wilson. „Ich habe doch vier Pfund die Woche verloren.“
„Was Sie persönlich angeht“, bemerkte Holmes, „sehe ich nicht, dass Sie sich über diese außergewöhnliche Liga zu beklagen hätten. Im Gegenteil, wenn ich richtig verstehe, sind Sie um etwa dreißig Pfund reicher. Ganz zu schweigen von dem genauen Wissen, das Sie über alles erworben haben, was mit dem Buchstaben A beginnt. Sie haben durch diese Leute nichts verloren.“
„Nein, Herr Holmes. Aber ich will herausfinden, was das für Leute sind, wer sie sind und was sie mit diesem Streich bezweckt haben, wenn es ein Streich war. Es war ein ziemlich teurer Spaß für sie. Er hat sie zweiunddreißig Pfund gekostet.“
„Wir werden versuchen, diese Punkte für Sie aufzuklären. Aber zuerst ein paar Fragen, Herr Wilson. Dieser Gehilfe von Ihnen, der Sie zuerst auf die Anzeige aufmerksam gemacht hat, wie lange war er damals schon bei Ihnen?“
„Damals etwa einen Monat.“
„Wie kam er zu Ihnen?“
„Auf eine Anzeige hin.“
„War er der einzige Bewerber?“
„Nein, ich hatte ein Dutzend.“
„Warum haben Sie gerade ihn genommen?“
„Weil er geschickt war und wenig kostete.“
„Für den halben Lohn, genau genommen.“
„Ja.“
Ein Fleck auf der Stirn
„Wie sieht er aus, dieser Vincent Spaulding?“
„Klein, kräftig gebaut, sehr flink in allem, was er tut. Kein Haar im Gesicht, obwohl er mindestens dreißig ist. Auf der Stirn hat er einen weißen Säurefleck.“
Holmes richtete sich ziemlich aufgeregt in seinem Sessel auf. „Das dachte ich mir“, sagte er. „Haben Sie je bemerkt, dass seine Ohren für Ohrringe durchstochen sind?“
„Ja, Herr Holmes. Er hat mir erzählt, das habe ihm ein Schausteller gemacht, als er noch ein Junge war.“
„Hm!“, sagte Holmes und lehnte sich tief in Gedanken zurück. „Er ist noch bei Ihnen?“
„O ja, Herr Holmes. Ich komme gerade von ihm.“
„Und hat er sich um Ihr Geschäft gekümmert, während Sie weg waren?“
„Ich kann nicht klagen, Herr Holmes. Vormittags ist nie viel zu tun.“
„Das genügt, Herr Wilson. Ich werde Ihnen in ein, zwei Tagen gern meine Meinung zu der Sache sagen. Heute ist Samstag, und ich hoffe, dass wir bis Montag zu einem Ergebnis kommen.“
„Nun, Watson“, sagte Holmes, als unser Besucher gegangen war, „was halten Sie von dem Ganzen?“
„Ich weiß nicht, was ich davon halten soll“, antwortete ich offen. „Es ist eine höchst rätselhafte Sache.“
„In der Regel“, sagte Holmes, „ist eine Sache umso weniger rätselhaft, je bizarrer sie ist. Wirklich verwirrend sind die gewöhnlichen, unauffälligen Verbrechen. Genauso wie ein gewöhnliches Gesicht am schwersten wiederzuerkennen ist. Aber in dieser Sache muss ich schnell handeln.“
„Was werden Sie also tun?“, fragte ich.
Ein Problem für drei Pfeifen
„Rauchen“, antwortete er. „Das ist ein richtiges Problem für drei Pfeifen. Und ich bitte Sie, fünfzig Minuten lang nicht mit mir zu sprechen.“ Er rollte sich in seinem Sessel zusammen und zog die dünnen Knie bis an seine Habichtsnase hoch. So saß er da, mit geschlossenen Augen. Seine schwarze Tonpfeife ragte vor wie der Schnabel eines seltsamen Vogels. Ich war zu dem Schluss gekommen, dass er eingeschlafen war, und nickte selbst schon ein. Da sprang er plötzlich aus dem Sessel, mit der Geste eines Mannes, der sich entschieden hat, und legte die Pfeife auf den Kaminsims.
„Heute Nachmittag spielt der Geiger Sarasate in der St. James’s Hall“, bemerkte er. „Was meinen Sie, Watson? Könnten Ihre Patienten ein paar Stunden auf Sie verzichten?“
„Ich habe heute nichts zu tun. Meine Praxis nimmt mich nie sehr in Anspruch.“
„Dann setzen Sie Ihren Hut auf und kommen Sie mit. Ich will zuerst in die City, und unterwegs können wir etwas zu Mittag essen. Ich sehe, dass viel deutsche Musik auf dem Programm steht. Die liegt mir mehr als italienische oder französische. Sie ist nach innen gekehrt, und auch ich will nach innen schauen. Kommen Sie!“
Wir fuhren mit der Untergrundbahn bis Aldersgate, und ein kurzer Fußweg brachte uns zum Saxe-Coburg Square. Dort hatte die seltsame Geschichte gespielt, die wir am Morgen gehört hatten. Es war ein enger, kleiner Platz, schäbig, aber bemüht, vornehm zu wirken. Vier Reihen verrußter, zweigeschossiger Backsteinhäuser blickten auf eine kleine, eingezäunte Grünfläche. Dort kämpften ein Rasen voller Unkraut und ein paar verblasste Lorbeerbüsche schwer gegen die verrauchte, unfreundliche Luft. An einem Eckhaus hingen drei vergoldete Kugeln, das Zeichen einer Pfandleihe, und ein braunes Schild mit der weißen Aufschrift Jabez Wilson. Kugeln und Schild zeigten an, wo unser rothaariger Klient sein Geschäft betrieb. Sherlock Holmes blieb davor stehen, legte den Kopf schief und musterte alles. Zwischen den zusammengekniffenen Lidern glänzten seine Augen hell. Dann ging er langsam die Straße hinauf und wieder hinunter bis zur Ecke und betrachtete dabei aufmerksam die Häuser. Schließlich kehrte er zur Pfandleihe zurück. Er stieß zwei- oder dreimal kräftig mit dem Stock auf das Pflaster, ging zur Tür und klopfte. Sofort öffnete ein aufgeweckt wirkender, glatt rasierter junger Mann und bat ihn herein.
„Danke“, sagte Holmes, „ich wollte nur fragen, wie ich von hier zur Straße namens Strand komme.“
„Dritte rechts, vierte links“, antwortete der Gehilfe prompt und schloss die Tür.
Um die Ecke
„Ein gewitzter Bursche“, bemerkte Holmes, als wir weitergingen. „Meiner Meinung nach ist er der viertklügste Mann in London. Und was die Kühnheit angeht, bin ich nicht sicher, ob er nicht Anspruch auf den dritten Platz hat. Ich habe schon früher von ihm gehört.“
„Offenbar spielt der Gehilfe von Herrn Wilson eine große Rolle in diesem Rätsel um die Liga der Rothaarigen“, sagte ich. „Ich bin sicher, Sie haben nur nach dem Weg gefragt, um ihn zu sehen.“
„Nicht ihn.“
„Was dann?“
„Die Knie seiner Hose.“
„Und was haben Sie gesehen?“
„Was ich zu sehen erwartet hatte.“
„Warum haben Sie auf das Pflaster geklopft?“
„Mein lieber Doktor, jetzt ist die Zeit zum Beobachten, nicht zum Reden. Wir sind Kundschafter in Feindesland. Über den Saxe-Coburg Square wissen wir schon etwas. Jetzt wollen wir erkunden, was dahinter liegt.“
Als wir vom stillen Saxe-Coburg Square um die Ecke bogen, standen wir in einer Straße, die sich von ihm unterschied wie die Vorderseite eines Bildes von der Rückseite. Es war eine der großen Adern, die den Verkehr der City nach Norden und Westen führten. Die Fahrbahn war verstopft von einem gewaltigen Strom des Handels, der in doppelter Flut hinein- und hinausfloss. Die Gehwege waren schwarz vom eilenden Gewimmel der Fußgänger. Wir sahen die Reihe schöner Läden und stattlicher Geschäftshäuser. Und wir konnten kaum glauben, dass sie auf der Rückseite wirklich an den verblassten, verschlafenen Platz grenzten, den wir gerade verlassen hatten.
„Mal sehen“, sagte Holmes. Er stand an der Ecke und ließ den Blick die Häuserreihe entlanggleiten. „Ich möchte mir nur die Reihenfolge der Häuser hier merken. Es ist eine Liebhaberei von mir, London genau zu kennen. Da ist Mortimer, der Tabakhändler, dann der kleine Zeitungsladen, die Filiale Coburg der City-und-Vorstadt-Bank, das vegetarische Restaurant und die Kutschenbauerei von McFarlane. Damit sind wir schon beim nächsten Block. Und jetzt, Doktor, haben wir unsere Arbeit getan, also ist es Zeit für ein wenig Vergnügen. Ein Sandwich und eine Tasse Kaffee, und dann auf ins Reich der Geigen. Dort ist alles Süße, Zartheit und Harmonie, und keine rothaarigen Klienten plagen uns mit ihren Rätseln.“
Zwei Naturen
Mein Freund war ein begeisterter Musiker. Er spielte nicht nur selbst sehr gut, sondern komponierte auch, und zwar nicht bloß mittelmäßig. Den ganzen Nachmittag saß er im Parkett, ganz eingehüllt in vollkommenes Glück. Seine langen, dünnen Finger bewegten sich leise im Takt der Musik. Das sanft lächelnde Gesicht und die matten, verträumten Augen hatten mit Holmes, dem Spürhund, so wenig gemein, wie man es sich nur denken kann. Nichts erinnerte an Holmes, den unerbittlichen, scharfsinnigen und schlagfertigen Verfolger von Verbrechern. In seinem eigenartigen Charakter setzten sich abwechselnd zwei Seiten durch. Seine äußerste Genauigkeit und sein Scharfsinn waren, wie ich oft dachte, eine Gegenwehr gegen die dichterische, nachdenkliche Stimmung, die manchmal in ihm überwog. Sein Wesen schwang hin und her, von tiefster Trägheit bis zu verzehrender Tatkraft. Und wie ich gut wusste, war er nie so gefährlich wie dann, wenn er tagelang in seinem Sessel herumgelümmelt hatte, zwischen seinen Improvisationen und seinen alten Drucken. Dann packte ihn plötzlich die Lust an der Jagd. Und sein glänzendes Denkvermögen stieg bis auf die Höhe der Eingebung. Wer seine Methoden nicht kannte, sah ihn dann scheel an, wie einen Mann, dessen Wissen nicht das anderer Sterblicher war. Als ich ihn an diesem Nachmittag in der St. James’s Hall so ganz in die Musik versunken sah, ahnte ich, dass für jene, die er zur Strecke bringen wollte, eine böse Zeit kommen könnte.
„Sie wollen sicher nach Hause, Doktor“, bemerkte er, als wir hinaustraten.
„Ja, das wäre wohl gut.“
„Und ich habe noch etwas zu erledigen, das ein paar Stunden dauern wird. Diese Sache am Coburg Square ist ernst.“
„Warum ernst?“
„Ein großes Verbrechen ist geplant. Ich habe allen Grund zu glauben, dass wir rechtzeitig kommen, um es zu verhindern. Aber dass heute Samstag ist, macht die Sache etwas schwieriger. Heute Nacht brauche ich Ihre Hilfe.“
„Um wie viel Uhr?“
„Zehn Uhr wird früh genug sein.“
„Um zehn bin ich in der Baker Street.“
„Sehr gut. Und noch etwas, Doktor. Es könnte ein wenig gefährlich werden. Stecken Sie also bitte Ihren Armeerevolver ein.“ Er winkte mit der Hand, machte auf dem Absatz kehrt und war im Nu in der Menge verschwunden.
Über den Text
- The Red-Headed League (part 1 of 2: Jabez Wilson’s story, Saxe-Coburg Square, the concert) – Arthur Conan Doyle
Freie deutsche Übersetzung aus dem Original, für das Zuhören bearbeitet (kürzere Sätze, einfachere Namen und Begriffe), sorgfältig geprüft. Wenn Ihnen ein Fehler auffällt, schreiben Sie uns. So entstehen unsere Geschichten.




