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Die Schlummerbibliothek

Antonowsche Äpfel

Iwan Bunin · 59 Min.

Band 4 · Gute Nacht · Slawischer Osten

Iwan Bunin, der als erster Russe den Nobelpreis für Literatur erhielt, veröffentlichte diese Erzählung im Jahr neunzehnhundert. Die Antonowka ist eine alte russische Apfelsorte mit einem wunderbaren Duft. Die Geschichte ist eine Erinnerung an den Herbst auf dem russischen Land: an Obstgärten voller Apfelduft, an nächtliche Feuer zwischen den Bäumen und an alte Gutshöfe. Sie erzählt auch von der Jagd mit Hunden und von langen Abenden am Ofen. Aus der verregneten Stadt kehrt der Erzähler in Gedanken zu dieser Welt zurück und sieht still zu, wie sie langsam verschwindet.

Kapitel

  1. Einleitung
  2. Antonowsche Äpfel
  3. Morgen im Garten an der Hütte der Gärtner
  4. Nachtwache im Garten
  5. Ein reiches Jahr in unserem Dorf
  6. Die reichen Höfe der alten Bauern
  7. Auf dem Gut von Tante Anna
  8. Die Jagd und Herbststürme über dem Garten
  9. Gäste bei Schwager Arseni
  10. Wilde Jagd durch Wald und Feld
  11. Verschlafene Jagd und alte Bücher
  12. Wenn der Duft der Äpfel vergeht
  13. Streifzüge über die leeren Ebenen
  14. Morgen eines kleinen Gutsbesitzers
  15. Dreschen in der Scheune und der erste Schnee
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Antonowsche Äpfel

Es ist Herbst, und es regnet ohne Ende. Auf der Straße klappern die Kutschen, und mitten durch die Menge rollen dröhnend und polternd die schweren Pferdebahnen. Den ganzen Tag sitze ich bei der Arbeit. Ich schaue aus dem Fenster auf die nassen Ladenschilder und den grauen Himmel, und alles Ländliche ist weit weg von mir. Doch abends lese ich die alten Dichter. Sie sind mir nah durch ihr Leben, durch ihre Seele und sogar durch ihre Heimat, die Mitte Russlands. Und die Schubladen meines Schreibtischs sind voller Antonowka-Äpfel. Ihr gesunder Duft, ein Duft nach Honig und herbstlicher Frische, trägt mich zurück auf die alten Gutshöfe. In jene Welt, die verarmte, zerfiel und nun untergeht. In fünfzig Jahren wird man von ihr nur noch aus unseren Erzählungen wissen …

Ich erinnere mich an einen frühen, schönen Herbst. Der August brachte warme Regenschauer, als fielen sie eigens für die Aussaat. Sie kamen genau zur rechten Zeit, Mitte des Monats, um das Fest des heiligen Laurentius. Und es heißt ja: „Regnet es still an Laurentius, werden Herbst und Winter gut.“ Dann, im Altweibersommer, legten sich viele Spinnweben auf die Felder. Auch das ist ein gutes Zeichen: „Viel Spinnweb im Altweibersommer, kräftiger Herbst.“ … Ich erinnere mich an einen frühen, frischen, stillen Morgen … Ich erinnere mich an einen großen Garten, ganz golden, schon etwas trocken und gelichtet. Ich erinnere mich an die Ahornalleen, an den feinen Duft des gefallenen Laubs und an den Duft der Äpfel. Die Luft ist so rein, als gäbe es sie gar nicht. Durch den ganzen Garten hallen Stimmen und das Knarren von Fuhrwerken. Das sind die Gärtner aus der Stadt. Sie haben Bauern angeheuert und lassen die Äpfel aufladen, um sie in der Nacht in die Stadt zu fahren. Unbedingt in der Nacht, wenn es so herrlich ist, oben auf dem Wagen zu liegen und in den Sternenhimmel zu schauen. Man riecht die Wagenschmiere in der frischen Luft und hört, wie der lange Wagenzug in der Dunkelheit leise über die Landstraße knarrt. Der Bauer, der die Äpfel aufschüttet, isst einen nach dem anderen, dass es saftig knackt. Aber so ist nun einmal der Brauch: Der Gärtner fährt ihn nie an, sondern sagt sogar noch:

„Nur zu, iss dich satt, was soll’s! Wenn der Honig geschleudert wird, nascht jeder davon.“

Morgen im Garten an der Hütte der Gärtner

Die kühle Morgenstille wird nur gestört vom satten Glucksen der Drosseln in den korallenroten Ebereschen im Dickicht des Gartens, von den Stimmen und vom dumpfen Poltern der Äpfel, die man in Körbe und Bottiche schüttet. Im gelichteten Garten sieht man weit. Man sieht den mit Stroh bestreuten Weg zur großen Hütte und die Hütte selbst, bei der sich die Gärtner über den Sommer eine ganze kleine Wirtschaft eingerichtet haben. Überall riecht es stark nach Äpfeln, hier aber besonders. In der Hütte sind Schlafplätze hergerichtet. Dort stehen eine alte einläufige Flinte und ein grün angelaufener Samowar, ein großer Teekessel, und in der Ecke steht das Geschirr. Um die Hütte liegen Bastmatten, Kisten und allerlei abgenutzter Kram herum, und in die Erde ist ein Ofen gegraben. Mittags kocht darauf ein herrlicher Hirsebrei mit Speck. Abends wird der Samowar angeheizt, und zwischen den Bäumen zieht sich ein langer Streifen bläulichen Rauchs durch den Garten. An Feiertagen aber ist bei der Hütte ein richtiger Jahrmarkt, und hinter den Bäumen leuchten immer wieder rote Kopftücher auf. Da drängen sich die munteren Mädchen aus den Nachbardörfern in neuen langen Kleidern, die noch stark nach Farbe riechen. Es kommen die Frauen vom Herrenhof in ihren schönen, groben und bunten Trachten. Und es kommt die junge Frau des Dorfältesten. Sie erwartet ein Kind, hat ein breites, verschlafenes Gesicht und ist würdevoll wie eine Kuh aus bester Zucht. Auf dem Kopf trägt sie „Hörner“: Die Zöpfe sind seitlich am Scheitel aufgesteckt und mit mehreren Tüchern bedeckt, sodass der Kopf riesig wirkt. Ihre Füße in Halbstiefeln mit Eisenbeschlägen stehen plump und fest auf der Erde. Sie trägt eine Samtweste, eine lange Schürze und einen schwarzvioletten Rock mit ziegelroten Streifen, der unten mit einer breiten goldenen Borte besetzt ist …

„Eine tüchtige Hausfrau!“, sagt der Gärtner über sie und wiegt den Kopf. „Solche gibt es jetzt kaum noch …“

Und immer wieder kommen Jungen in weißen Leinenhemden und kurzen Hosen, mit flachsblonden, unbedeckten Köpfen. Sie kommen zu zweit, zu dritt, trippeln auf bloßen Füßen und schielen zu dem zottigen Schäferhund hinüber, der an einem Apfelbaum angebunden ist. Natürlich kauft nur einer, denn es geht ja nur um eine Kopeke oder um ein Ei. Aber Käufer gibt es viele, und der Handel läuft flott. Der hagere Gärtner im langen Gehrock und in rötlichen Stiefeln ist lungenkrank, aber fröhlich. Bei ihm lebt sein Bruder, ein flinker, etwas einfältiger Bursche, der das R nicht aussprechen kann. Der Gärtner hat ihn aus Gutherzigkeit bei sich aufgenommen. Zusammen handeln sie mit Späßen und lustigen Sprüchen, und manchmal spielt der Gärtner sogar etwas auf der Ziehharmonika. Bis zum Abend drängen sich die Leute im Garten. Bei der Hütte hört man Lachen und Gerede und manchmal auch das Stampfen eines Tanzes …

Nachtwache im Garten

Gegen Nacht wird es bei schönem Wetter sehr kalt, und es fällt Tau. Auf der Tenne hat man sich am Roggenduft von neuem Stroh und Spreu sattgeatmet. Nun geht man munter zum Abendessen nach Hause, am Erdwall um den Garten vorbei. Die Stimmen im Dorf oder das Knarren eines Tores hört man im kalten Abendrot ungewöhnlich deutlich. Es wird dunkel. Und da ist noch ein Duft: Im Garten brennt ein Feuer, und es zieht kräftig der würzige Rauch von Kirschzweigen herüber. In der Dunkelheit, tief im Garten, ist es wie ein Bild aus dem Märchen. Bei der Hütte lodert eine purpurrote Flamme, ringsum ist tiefe Finsternis. Schwarze Gestalten, wie Scherenschnitte aus schwarzem Papier, bewegen sich um das Feuer. Und ihre riesigen Schatten wandern über die Apfelbäume. Bald legt sich eine schwarze Hand, mehrere Meter lang, über einen ganzen Baum. Bald zeichnen sich deutlich zwei Beine ab, wie zwei schwarze Säulen. Und plötzlich gleitet alles vom Apfelbaum, und der Schatten fällt über die ganze Allee, von der Hütte bis zum Gartentor …

Spät in der Nacht, wenn im Dorf die Lichter verlöschen und hoch am Himmel schon das Siebengestirn wie Diamanten funkelt, läuft man noch einmal in den Garten. Man raschelt durch das trockene Laub und tastet sich wie ein Blinder bis zur Hütte. Dort, auf der kleinen Lichtung, ist es etwas heller, und über dem Kopf schimmert weiß die Milchstraße.

„Sind Sie das, junger Herr?“, ruft jemand leise aus der Dunkelheit.

„Ja. Schlafen Sie noch nicht, Nikolai?“

„Wir dürfen nicht schlafen, junger Herr. Es ist wohl schon spät? Da kommt, scheint’s, der Personenzug …“

Lange horchen wir und spüren ein Zittern in der Erde. Das Zittern wird zu einem Rauschen und wächst. Und schon schlagen die Räder, als wären sie gleich hinter dem Garten, rasch und laut ihren Takt. Donnernd und ratternd jagt der Zug heran … näher, immer näher, immer lauter und zorniger … Und plötzlich wird es leiser und dumpfer, als versänke der Zug in der Erde …

„Und wo haben Sie die Flinte, Nikolai?“

„Gleich da neben der Kiste.“

Man reißt die Flinte hoch, schwer wie eine Brechstange, und schießt mit Schwung. Mit ohrenbetäubendem Knall blitzt eine purpurrote Flamme zum Himmel. Sie blendet für einen Augenblick und löscht die Sterne aus. Und ein munteres Echo hallt ringsum und rollt über den Horizont, bis es weit, weit weg in der reinen, klaren Luft verklingt.

„Oh, das war ein Schuss!“, sagt der Gärtner. „Schießen Sie nur, junger Herr, jagen Sie den Dieben einen Schreck ein, es ist ein Elend mit ihnen! Schon wieder haben sie am Wall alle Birnen vom Baum geschüttelt …“

Über den schwarzen Himmel ziehen fallende Sterne feurige Streifen. Lange blickt man in seine dunkelblaue Tiefe voller Sternbilder, bis einem die Erde unter den Füßen zu schwimmen beginnt. Dann schreckt man auf, steckt die Hände in die Ärmel und läuft rasch die Allee entlang zum Haus … Wie kalt es ist, wie feucht vom Tau, und wie schön ist es, auf der Welt zu leben!

Ein reiches Jahr in unserem Dorf

„Kräftige Antonowka, fröhliches Jahr.“ Auf dem Land steht es gut, wenn die Antonowka reich getragen hat. Dann ist auch das Korn gut geraten … Ich erinnere mich an ein reiches Erntejahr. In der frühen Morgendämmerung krähen noch die Hähne, und aus den Bauernhäusern ohne Schornstein quillt schwarzer Rauch. Da reißt man das Fenster zum kühlen Garten auf. Der Garten ist voll von violettem Nebel, durch den hier und da hell die Morgensonne scheint. Und man hält es nicht aus. Man lässt schnell das Pferd satteln und läuft selbst zum Teich, um sich zu waschen. Das feine Laub der Weiden am Ufer ist fast ganz abgefallen, und die Zweige stehen durchsichtig vor dem türkisblauen Himmel. Das Wasser unter den Weiden ist klar, eisig und wie schwer geworden. Es vertreibt sofort die nächtliche Trägheit. Man wäscht sich und frühstückt mit den Knechten in der Gesindestube heiße Kartoffeln und Schwarzbrot mit grobem Salz. Dann spürt man mit Wonne das glatte Leder des Sattels unter sich und reitet durch Wysselki zur Jagd. Der Herbst ist die Zeit der Kirchweihfeste. Die Leute sind dann festlich gekleidet und zufrieden, und das Dorf sieht ganz anders aus als sonst. Und wenn das Jahr reich ist, erhebt sich auf den Tennen eine ganze goldene Stadt aus Getreide. Morgens schnattern auf dem Fluss laut und hell die Gänse. Dann lebt es sich im Dorf gar nicht schlecht. Außerdem war unser Wysselki seit jeher, schon seit Großvaters Zeiten, für seinen „Reichtum“ bekannt. Die alten Männer und Frauen lebten in Wysselki sehr lange, und das ist das erste Zeichen eines reichen Dorfes. Sie waren alle groß, stattlich und schlohweiß. Immer wieder hörte man: „Ja, die Agafja hat es auf dreiundachtzig Jährchen gebracht!“ Oder Gespräche wie dieses:

„Wann stirbst du denn einmal, Pankrat? Du wirst wohl schon hundert sein?“

„Wie bitte, gnädiger Herr?“

„Wie alt du bist, frage ich!“

„Das weiß ich nicht, gnädiger Herr.“

„Aber an den alten Herrn Platon erinnerst du dich doch?“

„Freilich, gnädiger Herr, ganz deutlich.“

„Na siehst du. Dann bist du mindestens hundert.“

Der Alte steht stramm vor dem Herrn und lächelt sanft und schuldbewusst. Als wollte er sagen: Was soll man machen, es ist meine Schuld, ich habe mich zu lange auf der Welt aufgehalten. Und er hätte wohl noch länger gelebt, wenn er sich nicht im Sommer, in der Fastenzeit vor dem Peterstag, an Zwiebeln überessen hätte.

Ich erinnere mich auch an seine alte Frau. Immer saß sie auf einem Bänkchen vor der Haustür. Sie war gebückt, ihr Kopf zitterte, sie atmete schwer und hielt sich mit den Händen am Bänkchen fest. Und immer dachte sie über etwas nach. „Über ihr Hab und Gut, was sonst“, sagten die Frauen, denn in ihren Truhen hatte sie wirklich viel „Gut“. Doch sie schien es nicht zu hören. Mit schwachen Augen schaut sie unter traurig hochgezogenen Brauen irgendwohin in die Ferne. Ihr Kopf zittert, als wollte sie sich angestrengt an etwas erinnern. Sie war eine große alte Frau, irgendwie ganz dunkel. Ihr Rock stammte fast noch aus dem vorigen Jahrhundert, ihre Schuhe waren wie für eine Tote, ihr Hals war gelb und vertrocknet. Ihr Hemd aber war immer weiß, blütenweiß. „Man könnte sie gleich in den Sarg legen“, sagten die Frauen. Und neben der Haustür lag ein großer Stein. Den hatte sie sich selbst im Kirchdorf für ihr Grab gekauft, ebenso wie ihr Totenhemd. Es war ein prächtiges Totenhemd, mit Engeln, mit Kreuzen und mit einem Gebet, das am Rand aufgedruckt war.

Die reichen Höfe der alten Bauern

Zu den Alten passten auch die Höfe in Wysselki: aus Ziegeln gebaut, noch von den Großvätern. Und die reichen Bauern, Sawelij, Ignat und Dron, hatten Häuser mit zwei, drei Wohnteilen unter einem Dach, denn in Wysselki war es noch nicht Mode, dass Familien sich teilten. In solchen Familien hielt man Bienen. Man war stolz auf einen schweren Zughengst von eisengrauer Farbe und hielt den Hof in Ordnung. Hinter den Tennen dunkelten dichte, üppige Hanffelder. Da standen Darren und Scheunen mit sorgfältig gekämmten Strohdächern. Die Speicher und Vorratskammern hatten eiserne Türen. Dahinter lagen Leinen, Spinnräder, neue Schafpelze, beschlagenes Pferdegeschirr und Kornmaße mit Kupferreifen. An den Toren und an den Schlitten waren Kreuze eingebrannt. Und ich erinnere mich: Manchmal schien es mir überaus verlockend, ein Bauer zu sein. Wenn man an einem sonnigen Morgen durch das Dorf ritt, dachte man immer daran, wie schön es ist, zu mähen, zu dreschen und auf der Tenne im Strohhaufen zu schlafen. Und am Feiertag mit der Sonne aufzustehen, wenn aus dem Kirchdorf das volle, melodische Glockengeläut herüberklingt. Sich an der Regentonne zu waschen und ein sauberes Hanfhemd anzuziehen, ebensolche Hosen und unverwüstliche Stiefel mit Eisenbeschlägen. Und wenn man dazu noch, so dachte ich, eine gesunde, schöne Frau im Festtagsstaat hätte, eine Fahrt zur Messe und danach ein Mittagessen beim bärtigen Schwiegervater … Ein Essen mit heißem Hammelfleisch auf Holztellern, mit Weißbrot, Wabenhonig und selbstgebrautem Bier: Mehr könnte man sich gar nicht wünschen!

Der kleine Landadel lebt heute schon fast wie die Leute in der Stadt. Doch in früheren Jahren, noch zu meiner Zeit, und das ist gar nicht lange her, hatte sein Leben viel gemeinsam mit dem Leben der reichen Bauern. Es war ebenso häuslich, ländlich und altväterlich behaglich. So war zum Beispiel das Gut meiner Tante Anna, das etwa dreizehn Kilometer von Wysselki entfernt lag. Bis man dort ankam, war es schon heller Tag. Mit den Hunden an der Leine muss man im Schritt reiten. Und man will sich auch gar nicht beeilen, so fröhlich ist es auf dem offenen Feld an einem sonnigen, kühlen Tag! Das Land ist eben, man sieht weit. Der Himmel ist leicht, so weit und so tief. Die Sonne funkelt von der Seite. Der Weg ist nach dem Regen von den Wagen festgefahren und glänzt wie Schienen. Ringsum breiten sich in weiten Streifen die frischen, saftig grünen Wintersaaten aus. Irgendwo steigt ein kleiner Habicht in die klare Luft. Er verharrt an einer Stelle und zittert mit den spitzen Flügeln. Und in die helle Ferne laufen die Telegrafenmasten. Ihre Drähte gleiten wie silberne Saiten über den hellen Himmel. Darauf sitzen kleine Falken, wie schwarze Zeichen auf einem Notenblatt.

Auf dem Gut von Tante Anna

Die Leibeigenschaft habe ich nicht mehr erlebt. Aber bei Tante Anna, das weiß ich noch, habe ich sie gespürt. Man fährt in den Hof und merkt sofort: Hier ist sie noch ganz lebendig. Das Gut ist klein, aber alt und solide, umgeben von hundertjährigen Birken und Weiden. Nebengebäude gibt es viele, niedrig, aber wohnlich. Sie wirken alle wie aus einem Guss, aus dunklen Eichenbalken gezimmert, unter Strohdächern. Durch seine Größe, oder besser gesagt durch seine Länge, fällt nur das schwarz gewordene Gesindehaus auf. Aus ihm schauen die letzten Mohikaner des alten Hofgesindes: ein paar uralte Männer und Frauen und ein gebrechlicher Koch im Ruhestand, der aussieht wie Don Quijote. Wenn man in den Hof fährt, nehmen sie alle Haltung an und verneigen sich tief, tief. Der grauhaarige Kutscher kommt von der Remise, um das Pferd zu holen. Schon an der Remise nimmt er die Mütze ab und geht mit bloßem Kopf über den ganzen Hof. Früher ist er als kleiner Vorreiter vor der Kutsche der Tante geritten. Jetzt fährt er sie zur Messe: im Winter im geschlossenen Schlitten, im Sommer in einem festen, eisenbeschlagenen Wägelchen, wie es die Dorfpriester fahren. Der Garten der Tante war berühmt für seine Wildnis, seine Nachtigallen, Turteltauben und Äpfel. Das Haus aber war berühmt für sein Dach. Es stand am oberen Ende des Hofes, dicht am Garten, und die Zweige der Linden umarmten es. Es war klein und gedrungen, doch es schien, als würde es ewig stehen. So gediegen blickte es unter seinem ungewöhnlich hohen und dicken Strohdach hervor, das mit der Zeit schwarz und hart geworden war. Seine Vorderseite kam mir immer lebendig vor. Als blicke ein altes Gesicht unter einer riesigen Mütze hervor, mit tiefliegenden Augen. Die Augen waren die Fenster, deren Scheiben von Regen und Sonne wie Perlmutt schimmerten. Und zu beiden Seiten dieser Augen lagen zwei alte, große Vorbauten mit Säulen. Auf ihrem Giebel saßen immer satte Tauben, während Tausende von Spatzen wie ein Regenschauer von Dach zu Dach flatterten … Und wie behaglich fühlte sich der Gast in diesem Nest unter dem türkisblauen Herbsthimmel!

Man tritt ins Haus und riecht zuerst den Duft der Äpfel und dann erst die anderen Düfte: alte Mahagonimöbel und getrocknete Lindenblüten, die seit Juni auf den Fensterbänken liegen … In allen Zimmern ist es kühl und dämmrig, im Dienerzimmer, im Saal und im Salon. Das kommt daher, dass der Garten das Haus umgibt und die oberen Fensterscheiben farbig sind, blau und violett. Überall herrschen Stille und Sauberkeit. Dabei scheint es, als wären die Sessel, die Tischchen mit Einlegearbeiten und die Spiegel in schmalen, gedrehten Goldrahmen nie von der Stelle gerückt worden. Und da hört man ein Hüsteln: Die Tante kommt. Sie ist klein, aber wie alles hier fest und beständig. Über den Schultern trägt sie einen großen persischen Schal. Sie tritt würdevoll, aber freundlich ein. Und sogleich, unter endlosen Gesprächen über alte Zeiten und Erbschaften, wird aufgetischt. Zuerst Birnen und Äpfel, Antonowka und andere alte Sorten. Dann ein wunderbares Mittagessen: gekochter Schinken, durch und durch rosig, mit Erbsen, Kohlsuppe, gefülltes Huhn, Truthahn, eingelegtes Gemüse und roter Kwass, ein selbstgemachtes Getränk, kräftig und süß, zuckersüß … Die Fenster zum Garten sind hochgeschoben, und von dort weht frische Herbstkühle herein …

Die Jagd und Herbststürme über dem Garten

In den letzten Jahren hielt nur eines den erlöschenden Geist der Gutsherren noch aufrecht: die Jagd.

Vor etwa zwanzig Jahren waren Güter wie das von Tante Anna noch keine Seltenheit. Es gab auch Güter, die verfielen, auf denen man aber noch auf großem Fuß lebte, mit riesigen Ländereien und einem Obstgarten von über zwanzig Hektar. Einige solcher Güter gibt es zwar bis heute, aber Leben ist in ihnen keines mehr … Es gibt keine Dreigespanne mehr, keine Reitpferde aus der Steppe, keine Laufhunde und keine Windhunde, kein Gesinde. Und es gibt auch den Besitzer all dessen nicht mehr, den Gutsherrn und Jäger, wie meinen verstorbenen Schwager Arseni.

Zur Tante fuhr ich bis tief in den Herbst, bis die Jagd mit den Windhunden zu Ende ging. Doch das eigentliche Ziel meiner Fahrten war immer das Gut meines Schwagers Arseni. Das alte Nest von Tante Anna war nur eine Station auf dem Weg.

Ab Ende September leerten sich die Gärten und Tennen. Das Wetter schlug wie üblich jäh um und machte mich eine Zeit lang zum Einsiedler. Der Wind zerrte tagelang an den Bäumen, und der Regen übergoss sie vom Morgen bis in die Nacht. Manchmal brach gegen Abend im Westen zwischen den finsteren, tiefen Wolken das zitternde, goldene Licht der tiefen Sonne hervor. Dann wurde die Luft rein und klar. Das Sonnenlicht funkelte blendend zwischen dem Laub und den Zweigen, die sich wie ein lebendiges Netz im Wind bewegten. Dafür wurde es noch kälter, nicht nur draußen, sondern, wie es schien, sogar im Haus mit seinen noch sommerlichen Fenstern und dem offenen Balkon. Im Norden leuchtete über schweren, bleigrauen Wolken ein blasses blaues Himmelsstück, kalt und hell. Und hinter diesen Wolken schoben sich langsam neue Wolken hervor, wie schneebedeckte Bergkämme. Man steht am Fenster und denkt: „Vielleicht klart es ja, so Gott will, doch noch auf.“ Doch der Wind ließ nicht nach. Er wühlte den Garten auf und zerriss die Rauchfahne, die unablässig aus dem Schornstein des Gesindehauses zog. Und er trieb wieder unheilvolle Fetzen aschgrauer Wolken heran. Sie zogen tief und schnell und verhüllten bald wie Rauch die Sonne. Ihr Glanz erlosch, das kleine Fenster zum blauen Himmel schloss sich, und im Garten wurde es öde und trist. Und wieder begann es zu nieseln … erst leise und vorsichtig, dann immer dichter. Schließlich wurde ein Platzregen daraus, mit Sturm und Finsternis. Eine lange, unruhige Nacht brach an …

Aus einem solchen Unwetter kam der Garten fast ganz kahl hervor, mit gebrochenen Zweigen und mit nassem Laub übersät, irgendwie still und ergeben. Doch wie schön war er, wenn wieder klares Wetter kam! Dann folgten die durchsichtigen und kalten Tage Anfang Oktober, das Abschiedsfest des Herbstes. Das übrig gebliebene Laub wird nun bis zum ersten Schnee an den Bäumen hängen. Der schwarze Garten wird sich gegen den kalten türkisblauen Himmel abzeichnen und geduldig auf den Winter warten. Nachmittags wird er sich in der Sonne wärmen. Und die Felder sind schon schwarz von frisch gepflügtem Land und leuchten grün von der aufgegangenen Wintersaat … Zeit für die Jagd!

Gäste bei Schwager Arseni

Und nun sehe ich mich auf dem Gut von Arseni, in dem großen Haus, in einem Saal voller Sonne und voller Rauch von Pfeifen und Zigaretten. Es sind viele Leute da, lauter sonnengebräunte Männer mit wettergegerbten Gesichtern, in langen Tuchröcken und hohen Stiefeln. Sie haben eben sehr reichlich zu Mittag gegessen. Sie sind rot im Gesicht und aufgeregt von den lauten Gesprächen über die bevorstehende Jagd. Aber auch nach dem Essen vergessen sie nicht, ihren Wodka auszutrinken. Draußen auf dem Hof bläst ein Horn, und die Hunde heulen mit vielen Stimmen. Ein schwarzer Windhund, Arsenis Liebling, nutzt den Trubel und klettert zwischen den Gästen auf den Tisch. Er fängt an, die Reste des Hasen in Soße von der Platte zu verschlingen. Doch plötzlich jault er schrecklich auf, stößt Teller und Gläser um und springt vom Tisch. Arseni ist mit Jagdpeitsche und Revolver aus seinem Arbeitszimmer gekommen und hat unvermittelt einen Schuss abgefeuert, der durch den ganzen Saal dröhnt. Der Saal füllt sich noch mehr mit Rauch, und Arseni steht da und lacht.

„Schade, dass ich danebengeschossen habe!“, sagt er, und seine Augen funkeln.

Er ist groß und schlank, aber breitschultrig und gut gebaut, und hat ein dunkles, schönes Gesicht. Seine Augen glänzen wild. Er ist sehr gewandt und trägt ein seidenes, himbeerrotes Hemd, weite Samthosen und hohe Stiefel. Nachdem er Hund und Gäste mit dem Schuss erschreckt hat, trägt er mit tiefer Stimme vor:

Es ist Zeit, es ist Zeit, das flinke Pferd zu satteln

und das helle Horn über die Schulter zu werfen! –

und sagt laut:

„Nun aber genug, wir wollen die goldene Zeit nicht vertrödeln!“

Ich spüre noch heute, wie gierig und tief meine junge Brust gegen Abend die Kälte eines klaren, feuchten Tages einatmete. Man ritt mit Arsenis lärmender Schar, aufgeregt vom Gebell der Hunde, das wie Musik durch den Laubwald klang. Man ritt in einen Wald wie den Roten Hügel oder das Donnernde Wäldchen. Schon der Name allein bringt das Herz eines Jägers in Aufruhr. Man reitet auf einem wilden, starken, gedrungenen Steppenpferd und hält es mit den Zügeln fest im Zaum. Und man fühlt sich fast eins mit ihm. Es schnaubt und will in den Trab. Die Hufe rascheln laut in den tiefen, leichten Teppichen aus schwarzem gefallenem Laub, und jeder Laut hallt im leeren, feuchten, frischen Wald. Irgendwo in der Ferne kläffte ein Hund. Leidenschaftlich und klagend antwortete ein zweiter, ein dritter. Und plötzlich dröhnte der ganze Wald, als wäre er aus Glas, von wildem Bellen und Rufen. Mitten in diesem Lärm krachte ein Schuss. Und alles kochte auf und rollte irgendwohin in die Ferne.

Wilde Jagd durch Wald und Feld

„Aufgepasst!“, schrie jemand mit verzweifelter Stimme durch den ganzen Wald.

„Aha, aufgepasst!“, schießt einem ein berauschender Gedanke durch den Kopf. Man treibt das Pferd mit einem Schrei an und jagt wie von der Kette gelassen durch den Wald. Man sieht schon nicht mehr, wohin man reitet. Nur die Bäume flimmern vor den Augen, und unter den Hufen spritzt einem Schlamm ins Gesicht. Man stürmt aus dem Wald und sieht auf der grünen Saat die bunte Meute, weit über das Feld gezogen. Man treibt das Steppenpferd noch stärker an, um dem Wild den Weg abzuschneiden. Man jagt über Saaten, frisch gepflügte Äcker und Stoppelfelder. Endlich gelangt man in ein anderes Wäldchen, und die Meute verschwindet mit ihrem rasenden Bellen und Heulen aus den Augen. Dann hält man, ganz nass und zitternd vor Anstrengung, das schäumende, keuchende Pferd an. Gierig schluckt man die eisige Feuchtigkeit des Waldtals. In der Ferne verklingen die Rufe der Jäger und das Bellen der Hunde, und ringsum herrscht tiefe Stille. Der halb entlaubte Hochwald steht reglos. Es scheint, als sei man in ein verwunschenes Schloss geraten, in endlose Reihen märchenhafter Säle und Säulen. Aus den Schluchten riecht es stark nach Pilzen, nach modrigem Laub und nasser Baumrinde. Die Feuchtigkeit aus den Schluchten wird immer spürbarer. Im Wald wird es kälter und dunkler, es wird einem unheimlich … Zeit fürs Nachtlager. Doch nach der Jagd die Hunde zusammenzubringen ist schwer. Lange und trostlos traurig klingen die Hörner im Wald, lange hört man Rufe, Schimpfen und das Jaulen der Hunde … Endlich, schon in völliger Dunkelheit, poltert die Jägerschar auf das Gut irgendeines fast unbekannten Gutsbesitzers, eines Junggesellen. Sie erfüllt den ganzen Hof mit Lärm. Der Hof erstrahlt im Schein von Laternen, Kerzen und Lampen, die man den Gästen aus dem Haus entgegenträgt …

Es kam vor, dass die Jäger bei einem so gastfreundlichen Nachbarn mehrere Tage blieben. Im frühen Morgengrauen, bei eisigem Wind und dem ersten nassen Schnee, ritten sie in die Wälder und aufs Feld hinaus. In der Dämmerung kehrten sie zurück, ganz voller Schlamm, mit geröteten Gesichtern. Sie rochen nach Pferdeschweiß und nach dem Fell des gehetzten Wildes. Und dann begann das Gelage. Im hellen Haus voller Menschen ist es nach einem ganzen Tag in der Kälte sehr warm. Alle gehen in offenen Röcken von Zimmer zu Zimmer, essen und trinken durcheinander und erzählen einander lautstark von der Jagd. Mitten im Saal liegt ein großer, alter Wolf, den sie erlegt haben, mit gefletschten Zähnen und mit dem buschigen Schwanz zur Seite geworfen. Nach Wodka und Essen fühlt man eine so süße Müdigkeit, eine so wohlige junge Schläfrigkeit, dass man die Gespräche wie durch Wasser hört. Das wettergegerbte Gesicht glüht. Und schließt man die Augen, so schwimmt einem die ganze Erde unter den Füßen weg. Dann legt man sich ins weiche Federbett, irgendwo in einem alten Eckzimmer mit einer Ikone und einem Öllämpchen davor, das nie erlischt. Vor den Augen huschen bunte Hunde vorbei, wie feurige Traumbilder. Im ganzen Körper spürt man noch den Galopp. Und man merkt gar nicht, wie man mit all diesen Bildern und Gefühlen in einen süßen, gesunden Schlaf versinkt. Man vergisst sogar, dass dieses Zimmer einst die Gebetskammer eines alten Mannes war. Um seinen Namen ranken sich düstere Geschichten aus der Zeit der Leibeigenschaft. Und er ist in dieser Gebetskammer gestorben, wahrscheinlich in eben diesem Bett.

Verschlafene Jagd und alte Bücher

Wenn man die Jagd einmal verschlafen hatte, war die Ruhe besonders angenehm. Man wacht auf und bleibt lange im Bett liegen. Im ganzen Haus ist es still. Man hört, wie der Gärtner vorsichtig durch die Zimmer geht und die Öfen anheizt und wie das Holz knistert und knallt. Vor einem liegt ein ganzer Tag Ruhe auf dem Gut, das schon still ist wie im Winter. Man zieht sich ohne Eile an und streift durch den Garten. Im nassen Laub findet man einen vergessenen Apfel, kalt und nass. Und aus irgendeinem Grund schmeckt er ungewöhnlich gut, ganz anders als die anderen. Dann macht man sich an die Bücher. Es sind die Bücher des Großvaters, in dicken Ledereinbänden mit goldenen Sternchen auf dem Rücken. Wie herrlich duften diese Bücher, die an Gebetbücher aus der Kirche erinnern! Sie duften nach vergilbtem, dickem und rauem Papier, nach einem angenehm säuerlichen Moder, nach altem Parfüm … Schön sind auch die Notizen an den Rändern, mit dem Gänsekiel geschrieben, groß und mit runden, weichen Schwüngen. Man schlägt ein Buch auf und liest: „Ein Gedanke, würdig der alten und der neuen Philosophen, eine Blüte des Verstandes und des Herzens.“ Und unwillkürlich lässt man sich vom Buch selbst fesseln. Es ist „Der Edelmann als Philosoph“, eine Allegorie, vor etwa hundert Jahren auf Kosten irgendeines „Ritters vieler Orden“ herausgegeben und in der Druckerei des Fürsorgeamts gedruckt. Sie erzählt von einem Edelmann, der viel Muße hatte und darüber nachdachte, wie hoch sich der menschliche Verstand erheben kann. Und eines Tages bekam er Lust, „auf dem weiten Gelände seines Dorfes einen Plan der Welt anzulegen“. Dann stößt man auf die „satirischen und philosophischen Schriften des Herrn Voltaire“. Lange genießt man den lieblichen, gezierten Stil der alten Übersetzung: „Meine Herren! Erasmus verfasste im sechzehnten Jahrhundert ein Lob der Torheit. Sie aber befehlen mir, vor Ihnen die Vernunft zu preisen …“ Dann wechselt man von der alten Zeit der Zarin Katharina zur Zeit der Romantik, zu den Almanachen, zu den langen, gefühlvollen und schwülstigen Romanen … Der Kuckuck springt aus der Uhr und ruft spöttisch und traurig durch das leere Haus. Und langsam schleicht sich eine süße und seltsame Wehmut ins Herz …

Da sind „Die Geheimnisse des Alexis“, da ist „Victor oder das Kind im Walde“. „Es schlägt Mitternacht!“, liest man lächelnd. „Heilige Stille tritt an die Stelle des Tageslärms und der fröhlichen Lieder der Landleute. Der Schlaf breitet seine düsteren Flügel über unsere Erdhälfte. Er schüttelt Dunkelheit und Träume von ihnen ab … Träume! … Wie oft verlängern sie nur die Leiden des Unglücklichen! …“ Und vor den Augen huschen die geliebten alten Worte vorbei: Felsen und Eichenhaine, der bleiche Mond und die Einsamkeit, Gespenster und Erscheinungen. Amoretten, Rosen und Lilien, die Streiche und Tollheiten junger Schelme, die lilienweiße Hand, Ludmillas und Alinas … Und hier sind Zeitschriften mit den Namen Schukowski, Batjuschkow und dem jungen Puschkin. Und wehmütig denkt man an die Großmutter. An ihre Polonaisen auf dem Klavichord, an ihr schmachtendes Vorlesen der Verse aus „Eugen Onegin“. Und das alte, verträumte Leben steht vor einem auf … Gute Mädchen und Frauen lebten einst auf den Adelsgütern! Ihre Bildnisse blicken von der Wand auf mich herab. Schöne, vornehme Köpfe mit altmodischen Frisuren senken sanft ihre langen Wimpern über traurige, zärtliche Augen …

Wenn der Duft der Äpfel vergeht

Der Duft der Antonowka-Äpfel verschwindet von den Gutshöfen. Diese Tage sind noch gar nicht lange her, und doch scheint es mir, als sei seitdem fast ein ganzes Jahrhundert vergangen. Die Alten in Wysselki sind gestorben, Tante Anna ist gestorben, Schwager Arseni hat sich das Leben genommen … Und nun schreibe ich ihnen schon Grabinschriften.

Lange Zeit war ich fern von meinen heimatlichen Gefilden, wie man bei uns gern sagt. Und als ich vor Kurzem wieder einmal vorbeischaute, empfingen sie mich nicht fröhlich. Alte Bücher und alte Bilder, auseinandergerissen und von niemandem mehr gebraucht, haben sich verloren. Sie sind in den Städten verschwunden, auf kleinen Höfen und in den Habichtsnestern der neuen Gutsbesitzer. Diese Nester sind entstanden, als die einstigen großen Güter in Stücke zerfielen. Im ganzen Kreis gibt es jetzt nur noch drei, vier wohlhabende Adlige. Und auch sie leben auf dem Land schon ein neues Leben, meistens nur im Sommer. Es beginnt das Reich der kleinen Gutsbesitzer, die bettelarm geworden sind, und der grauen, dahinsiechenden Dörfer. Es ist November, die stille, öde Zeit des Landlebens.

Es war ein trüber, garstiger Morgen, als ich an unserer kleinen Bahnstation mitten in den Feldern aus dem Zug stieg. Nach dem langen Leben in der Stadt kamen mir die Felder quälend armselig und trostlos vor. Ein Bauer fuhr mich im Regen auf seinem Wagen zu unserem alten Gut … Die Dörfer über den Senken sehen von Weitem aus wie Misthaufen. Im Wald, kahl, nass und schwarz, hängt bläulicher Nebel, und ein feuchter Wind rauscht. Auf dem Feldweg ist es leer wie in der Steppe. Uns begegnete eine Hochzeit: drei Wagen mit Frauen, die sich vor dem Regen mit Bauernmänteln und den Säumen ihrer Röcke bedeckt hatten. Die Frauen schreien mit betrunkenen Stimmen Lieder und versuchen, in sich Übermut und Fröhlichkeit zu wecken. Eine steht mitten auf dem Wagen und schwenkt ein Tuch. Mit lauten Rufen und mit Zügeln aus Strick treibt sie das Pferd an. Doch das Pferd stolpert ungeschickt, die Glöckchen läuten durcheinander, der Wagen holpert aus dem Takt über den Weg, und das kecke Lied klingt falsch … Gott sei Dank tauchen Gestalten auf, die besser zu diesem grauen Tag passen. Da fährt der Schankwirt aus der Stadt zurück, mit Kisten voll Branntwein, und in den Flaschen schwappt es schwer. Auf einer Kutsche rollt der Gendarm vorbei, ganz voller Schlamm von den Rädern. Und hinter ihm auf einem Wägelchen der Priester, groß und rothaarig, in einer großen Mütze und einem Schafpelz mit hochgeschlagenem Kragen. Um den Kragen ist ein Handtuch gebunden, auf der Brust zu einem Strang gedreht und auf dem Rücken verknotet … Und da tauchen hinter dem Hügel, der zur Senke abfällt, auch die Bäume unseres Gartens auf …

Streifzüge über die leeren Ebenen

Den ersten Eindrücken soll man jedoch nicht trauen. Zwei, drei Tage vergehen, das Wetter ändert sich und wird frischer. Und Gut und Dorf sehen auf einmal anders aus. Man beginnt zu erkennen, was das frühere Leben mit dem heutigen verbindet. Und das, woran ich mich beim Duft der Antonowka-Äpfel erinnert habe, scheint auch in den neuen Eindrücken wieder durch: die Gesundheit, die Schlichtheit und die Häuslichkeit des Landlebens. Fast fünfzehn Jahre sind vergangen, vieles ringsum hat sich verändert. Aber ich fühle mich wieder fast so zu Hause wie vor fünfzehn Jahren: jugendlich traurig und jugendlich frisch. Und mir ist wohl inmitten dieses verwaisenden Landlebens, das sich still in sein Schicksal fügt.

Die Tage sind bläulich und trüb. Morgens steige ich in den Sattel und reite mit einem Hund, mit Flinte und Horn aufs Feld hinaus. Der Wind klingt und summt im Lauf der Flinte und bläst kräftig von vorn, manchmal mit trockenem Schnee. Den ganzen Tag streife ich über die leeren Ebenen … Hungrig und durchgefroren kehre ich in der Dämmerung aufs Gut zurück. Und es wird mir so warm und froh ums Herz, wenn die Lichter von Wysselki aufblinken und vom Gut her der Geruch von Rauch und Zuhause herüberzieht. Ich weiß noch, bei uns im Haus liebte man es zu dieser Jahreszeit, die Dämmerstunde zu halten: kein Licht anzuzünden und im Halbdunkel zu plaudern. Ich trete ins Haus und finde die Winterfenster schon eingesetzt, und das stimmt mich noch friedlicher und winterlicher. Im Dienerzimmer heizt ein Knecht den Ofen. Und ich hocke mich wie in meiner Kindheit neben einen Haufen Stroh, das schon scharf nach winterlicher Frische riecht. Ich schaue bald in den lodernden Ofen, bald zu den Fenstern, hinter denen die Dämmerung blau und traurig erlischt. Dann gehe ich in die Gesindestube. Dort ist es hell und voller Leute. Die Mädchen hacken Kohl, die Hackmesser blitzen auf. Ich höre ihr feines, gleichmäßiges Klopfen und ihre traurig-fröhlichen Dorflieder … Manchmal kommt abends ein kleiner Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft vorbei und nimmt mich für längere Zeit zu sich mit … Schön ist auch das Leben der kleinen Gutsbesitzer!

Morgen eines kleinen Gutsbesitzers

Der kleine Gutsbesitzer liebt den Herbst, die langen Abende, die lange dunkle Nacht in seinem warmen, gemütlichen Arbeitszimmer. Er steht früh auf. Er reckt sich kräftig auf der Ofenbank, sodass an ihrer Ecke ein Ziegel herausfällt und auf den Boden poltert. „Längst, längst müsste man diesen Ziegel wieder einmauern, aber man kommt einfach nicht dazu!“ Dann geht er zum Tisch, zieht die Brauen hoch und runzelt die Stirn. Er dreht sich eine dicke Zigarette aus billigem schwarzem Tabak oder einfach aus grobem Bauerntabak. Das blasse Licht des frühen Novembermorgens erhellt das schlichte Arbeitszimmer mit den kahlen Wänden. Über dem Bett hängen gelbe, steife Fuchsfelle. Der Herr ist stämmig, trägt weite Hosen und ein russisches Hemd ohne Gürtel. Im Spiegel sieht man sein verschlafenes Gesicht mit breiten Wangenknochen. Im halbdunklen, warmen Häuschen herrscht tiefe Stille. Hinter der Tür im Flur schnarcht die alte Köchin, die schon als kleines Mädchen im Herrenhaus lebte. Das hindert den Herrn jedoch nicht, heiser durchs ganze Haus zu rufen:

„Lukerja! Den Samowar!“

Dann zieht er die Stiefel an, wirft den Tuchrock über die Schultern und tritt, ohne den Hemdkragen zu schließen, vor die Haustür. Im verschlossenen Vorraum riecht es nach Hund. Die Laufhunde umringen ihn, strecken sich faul, gähnen mit einem Fiepen und lächeln dabei.

„Zurück!“, sagt der Herr langsam mit gutmütigem Bass und geht durch den Garten zur Tenne. Tief atmet er die scharfe Morgenluft und den Duft des kahlen Gartens, der über Nacht durchgefroren ist. Die eingerollten, vom Frost geschwärzten Blätter rascheln unter seinen Stiefeln in der Birkenallee, die schon zur Hälfte abgeholzt ist. Auf dem First der Scheune schlafen aufgeplusterte Dohlen, dunkel vor dem tiefen, düsteren Himmel … Das wird ein herrlicher Tag für die Jagd! Der Herr bleibt mitten in der Allee stehen und schaut lange ins herbstliche Feld, auf die leere grüne Wintersaat, über die in der Ferne Kälber streifen. Zwei Hündinnen winseln um seine Beine, und der Rüde Saliwai ist schon hinter dem Garten. Er springt über die stacheligen Stoppelfelder, als riefe er und bettelte, aufs Feld zu dürfen. Doch was soll man jetzt mit den Laufhunden? Das Wild ist jetzt draußen auf dem Feld, auf den gepflügten Äckern und auf der nackten Erde ohne Schnee. Im Wald fürchtet es sich, denn dort raschelt der Wind im Laub … Ach, hätte man doch Windhunde!

Dreschen in der Scheune und der erste Schnee

In der Scheune beginnt das Dreschen. Langsam kommt die Trommel der Dreschmaschine in Schwung und brummt. Angetrieben wird sie von Pferden, die im Göpel im Kreis laufen. Träge spannen sie die Zugstränge, stemmen die Hufe in den festgetretenen Boden und gehen schwankend im Kreis. In der Mitte sitzt der Treiber auf einem Bänkchen, das sich mitdreht, und ruft ihnen eintönig zu. Mit der Peitsche schlägt er aber immer nur einen braunen Wallach. Der ist der faulste von allen und schläft im Gehen fast ein, zumal ihm die Augen verbunden sind.

„Na, na, Mädchen, Mädchen!“, ruft streng der bedächtige Mann, der das Korn in die Maschine schiebt, und zieht ein weites Leinenhemd über.

Die Mädchen fegen eilig den Scheunenboden und laufen mit Tragen und Besen hin und her.

„In Gottes Namen!“, sagt der Mann an der Maschine. Und das erste Bund Stroh, zur Probe hineingegeben, fliegt summend und kreischend in die Trommel und steigt unter ihr wie ein zerzauster Fächer in die Höhe. Die Trommel brummt immer beharrlicher, die Arbeit kommt in Gang. Bald verschmelzen alle Geräusche zum gleichmäßigen, angenehmen Lärm des Dreschens. Der Herr steht im Scheunentor und schaut ins Halbdunkel. Dort blitzen rote und gelbe Kopftücher auf, Hände, Rechen und Stroh. Alles bewegt sich gleichmäßig und geschäftig zum Brummen der Trommel und zum eintönigen Rufen und Pfeifen des Treibers. Die Spreu fliegt in Wolken zum Tor, und der Herr ist ganz grau davon. Oft blickt er aufs Feld hinaus … Bald, bald werden die Felder weiß, bald deckt sie der erste Schnee zu …

Der erste Schnee! Windhunde gibt es keine, und im November kann man mit nichts jagen. Doch der Winter kommt, und die „Arbeit“ mit den Laufhunden beginnt. Und wieder besuchen sich, wie in alten Zeiten, die kleinen Gutsbesitzer gegenseitig. Sie vertrinken ihr letztes Geld und bleiben tagelang in den verschneiten Feldern verschwunden. Und abends leuchten auf irgendeinem abgelegenen Hof die Fenster eines kleinen Nebenhauses weit in die Dunkelheit der Winternacht. Dort, in diesem kleinen Haus, ziehen Rauchschwaden, trübe brennen die Talgkerzen, eine Gitarre wird gestimmt …

In der Dämmerung kam ein wilder Wind auf,

riss mir mein breites Tor weit auf –

stimmt jemand mit voller Tenorstimme an. Und die anderen fallen ungeschickt ein, als wäre alles nur ein Scherz, mit trauriger, hoffnungsloser Verwegenheit:

Riss mir mein breites Tor weit auf,

mit weißem Schnee verwehte er den Weg …

Über den Text

Freie deutsche Übersetzung aus dem Original, für das Zuhören bearbeitet (kürzere Sätze, einfachere Namen und Begriffe), automatisch geprüft (eine menschliche Korrektur steht noch aus – schreiben Sie uns gern, wenn Ihnen ein Fehler auffällt). So entstehen unsere Geschichten.