Alphonse Daudet hat diese Erzählung in seine Briefe aus meiner Mühle aufgenommen. Die Sammlung erschien im Jahr achtzehnhundertneunundsechzig als Buch, und diese Erzählung kam erst in der Ausgabe von achtzehnhundertneunundsiebzig hinzu. Der Erzähler lebt in einer alten Windmühle in der Provence und fährt mit Freunden zur Jagd in die Camargue. Das ist ein flaches, wildes Land zwischen den Armen der Rhône und dem Meer. Doch mehr als die Jagd locken ihn die Schilfhütte, die Dämmerung über den Sümpfen, die Flamingos, die frei weidenden Pferde und Stiere und der große Salzsee Vaccarès.
Kapitel
- Einleitung
- In der Camargue
- I. Der Aufbruch
- II. Die Hütte
- III. Auf dem Anstand!
- IV. Der Rote und der Weiße
- V. Der Vaccarès
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In der Camargue
I. Der Aufbruch
Große Aufregung im Schloss. Der Bote hat gerade einen Zettel vom Jagdaufseher gebracht, halb auf Französisch, halb auf Provenzalisch. Darin steht, es seien schon zwei, drei schöne Schwärme Reiher und Brachvögel durchgezogen, und auch an den ersten Zugvögeln des Jahres habe es nicht gefehlt.
„Sie kommen mit uns!“, haben mir meine liebenswürdigen Nachbarn geschrieben. Und heute früh, im Morgengrauen um fünf, hat mich ihr großer Wagen unten am Hang abgeholt, beladen mit Gewehren, Hunden und Proviant. Nun rollen wir auf der Straße nach Arles dahin. Sie ist ein wenig trocken, ein wenig kahl. An diesem Dezembermorgen ist das blasse Grün der Olivenbäume kaum zu sehen, und das grelle Grün der Kermeseichen wirkt etwas zu winterlich und künstlich. In den Ställen regt es sich. Auf den Höfen wird man schon vor Tagesanbruch wach, und die Fenster leuchten auf. Und im steinernen Spitzenwerk der Abtei Montmajour schlagen noch schlaftrunkene Seeadler mit den Flügeln zwischen den Ruinen. Trotzdem begegnen wir am Straßenrand schon alten Bäuerinnen, die auf ihren Eselchen im Trab zum Markt reiten. Sie kommen aus Les Baux. Fünfundzwanzig Kilometer Weg, nur um eine Stunde auf den Stufen der Kirche Saint-Trophime zu sitzen und ein paar Bündel Heilkräuter zu verkaufen, die sie in den Bergen gesammelt haben!…
Jetzt sind wir an den Mauern von Arles. Niedrige Mauern mit Zinnen, wie man sie auf alten Stichen sieht, wo die Krieger mit ihren Lanzen größer sind als die Wälle, auf denen sie stehen. Im Galopp fahren wir durch dieses wunderbare Städtchen, eines der malerischsten in ganz Frankreich. Es hat geschnitzte, gerundete Balkone, die wie orientalische Erker bis in die Mitte der engen Gassen ragen. Es hat alte, schwarze Häuser mit kleinen, niedrigen Türen, maurisch und spitzbogig, die einen in die Zeit von Wilhelm Kurznase und den Sarazenen zurückversetzen. Um diese Stunde ist noch niemand auf der Straße. Nur am Rhône-Kai herrscht Leben. Der Dampfer, der in die Camargue fährt, liegt unten an der Treppe, die Kessel schon geheizt, bereit zur Abfahrt. Bauern in Jacken aus rotbrauner Wolle und Mädchen aus La Roquette, die sich als Arbeiterinnen auf den Höfen verdingen wollen, kommen mit uns an Bord. Sie plaudern und lachen miteinander. Unter den langen braunen Umhängen, die sie wegen der frischen Morgenluft über den Kopf gezogen haben, macht der hohe Haarschmuck der Frauen von Arles den Kopf elegant und klein. Er hat etwas hübsch Keckes, als wolle er sich aufrichten, damit das Lachen oder der Schabernack noch weiter fliegt… Die Glocke läutet, wir legen ab. Mit dreifacher Geschwindigkeit, dank der Strömung der Rhône, der Schiffsschraube und des Mistrals, ziehen die beiden Ufer an uns vorbei. Auf der einen Seite liegt die Crau, eine dürre, steinige Ebene. Auf der anderen die grünere Camargue, deren kurzes Gras und schilfreiche Sümpfe bis ans Meer reichen.
Ab und zu legt das Schiff an einem Steg an, links oder rechts, „beim Kaiserreich“ oder „beim Königreich“. So sagte man im Mittelalter, zur Zeit des Königreichs Arles, und so sagen es die alten Rhôneschiffer noch heute. An jedem Steg ein weißer Hof und eine Baumgruppe. Die Arbeiter steigen mit ihrem Werkzeug aus, die Frauen mit dem Korb am Arm, aufrecht auf dem Laufsteg. Zum Königreich hin und zum Kaiserreich hin leert sich das Schiff nach und nach. Und als es den Steg am Mas-de-Giraud erreicht, wo wir aussteigen, ist fast niemand mehr an Bord.
Der Mas-de-Giraud ist ein alter Gutshof der Herren von Barbentane. Wir gehen hinein, um auf den Jagdaufseher zu warten, der uns abholen soll. In der hohen Küche sitzen alle Männer des Hofes bei Tisch, Pflüger, Winzer, Schäfer und Hirtenjungen. Sie sind ernst und schweigsam, essen langsam und werden von den Frauen bedient, die erst nach ihnen essen. Bald erscheint der Jagdaufseher mit seinem Karren. Er ist eine Gestalt wie aus einem Roman von James Fenimore Cooper, ein Fallensteller zu Land und zu Wasser, Fischerei- und Jagdaufseher zugleich. Die Leute hier nennen ihn auf Provenzalisch Roudeïroù, den Herumstreicher. Man sieht ihn nämlich immer im Nebel des Morgens oder der Abenddämmerung, wie er im Schilf auf der Lauer liegt. Oder er sitzt reglos in seinem kleinen Boot und überwacht seine Reusen in den Lagunen und in den Bewässerungsgräben. Vielleicht macht ihn gerade dieses ewige Lauern so schweigsam und so gesammelt. Während der kleine Karren mit den Gewehren und Körben vor uns herfährt, erzählt er uns trotzdem die Neuigkeiten von der Jagd. Wie viele Schwärme durchgezogen sind und wo sich die Zugvögel niedergelassen haben. Im Gespräch dringen wir immer tiefer in das Land ein.
Die bestellten Felder liegen hinter uns, und wir sind mitten in der wilden Camargue. So weit das Auge reicht, glänzen zwischen den Weideflächen Sümpfe und Gräben im Queller. Büsche von Tamarisken und Schilf bilden Inselchen wie auf einem ruhigen Meer. Keine hohen Bäume. Nichts stört den gleichförmigen, unermesslichen Anblick der Ebene. Hier und da breiten Viehställe ihre niedrigen Dächer fast am Boden aus. Verstreute Herden liegen im salzigen Gras oder ziehen dicht gedrängt um den rotbraunen Umhang des Hirten. Sie unterbrechen die große, gleichförmige Linie nicht, so klein wirken sie in diesem unendlichen Raum aus blauen Horizonten und offenem Himmel. Wie vom glatten Meer trotz seiner Wellen geht auch von dieser Ebene ein Gefühl von Einsamkeit und Weite aus. Der Mistral verstärkt es noch. Er weht ohne Pause und ohne Hindernis, und mit seinem mächtigen Atem scheint er die Landschaft einzuebnen und zu vergrößern. Alles beugt sich vor ihm. Selbst die kleinsten Sträucher tragen seine Spur. Sie bleiben verkrümmt, nach Süden geneigt, als wären sie ewig auf der Flucht…
II. Die Hütte
Ein Dach aus Schilf, Wände aus trockenem, gelbem Schilf, das ist die Hütte. So heißt unser Jagdhaus. Es ist das typische Haus der Camargue. Es besteht aus einem einzigen Raum, hoch und weit, ohne Fenster. Das Licht fällt durch eine Glastür herein, die man abends mit festen Läden schließt. Entlang der großen, verputzten und weiß gekalkten Wände warten Gestelle auf die Gewehre, die Jagdtaschen und die hohen Sumpfstiefel. Hinten stehen fünf oder sechs Schlafkojen um einen echten Mast herum. Er ist in den Boden gerammt und reicht bis zum Dach, das er stützt. Nachts weht der Mistral, und das Haus knarrt an allen Ecken. Man hört das ferne Meer, der Wind bringt es näher, trägt sein Rauschen herüber und lässt es anschwellen. Dann glaubt man, in der Kajüte eines Schiffes zu liegen.
Am schönsten aber ist die Hütte am Nachmittag. An unseren herrlichen südlichen Wintertagen bleibe ich gern ganz allein am hohen Kamin, in dem ein paar Tamariskenwurzeln glimmen. Unter den Stößen des Mistrals oder des Nordwinds klappert die Tür, und das Schilf ächzt. All diese Erschütterungen sind nur ein ganz kleines Echo der großen Erschütterung der Natur um mich herum. Die Wintersonne, gepeitscht vom gewaltigen Luftstrom, zerstreut sich, sammelt ihre Strahlen und verstreut sie wieder. Große Schatten jagen unter einem wunderbar blauen Himmel dahin. Das Licht kommt stoßweise, die Geräusche auch. Plötzlich hört man die Glocken der Herden, dann sind sie vergessen, verloren im Wind. Und dann kommen sie wieder und singen unter der schwankenden Tür wie ein schöner Kehrreim… Die köstlichste Stunde ist die Dämmerung, kurz bevor die Jäger zurückkommen. Dann hat sich der Wind gelegt. Ich gehe einen Augenblick hinaus. Friedlich sinkt die große rote Sonne, glühend und ohne Wärme. Die Nacht bricht herein und streift einen im Vorbeigehen mit ihrem schwarzen, feuchten Flügel. Dort hinten, dicht über dem Boden, blitzt ein Schuss auf, wie ein roter Stern, den die Dunkelheit ringsum noch heller macht. In dem, was vom Tag übrig ist, hat das Leben es eilig. Ein langes Dreieck von Enten fliegt sehr tief, als wollten sie landen. Aber plötzlich scheucht die Hütte sie fort, in der schon die Lampe brennt. Die Ente an der Spitze reckt den Hals und steigt höher, und alle anderen hinter ihr schwingen sich mit wilden Schreien nach oben.
Bald nähert sich ein gewaltiges Trappeln, wie das Rauschen von Regen. Tausende Schafe, von den Hirten zurückgerufen und von den Hunden getrieben, drängen ängstlich und ungeordnet zu den Pferchen. Man hört das wirre Laufen der Hunde und ihr Hecheln. Die Flut umspült mich, streift mich, und ich verliere mich in diesem Wirbel aus krauser Wolle und Blöken. Es ist ein richtiger Wellengang, und die Hirten scheinen mitsamt ihren Schatten von springenden Wogen getragen zu werden… Hinter den Herden hört man vertraute Schritte und fröhliche Stimmen. Die Hütte ist voll, lebhaft und laut. Die Rebenzweige lodern. Man lacht umso mehr, je müder man ist. Es ist ein Rausch glücklicher Müdigkeit. Die Gewehre in einer Ecke, die hohen Stiefel durcheinander hingeworfen, die leeren Jagdtaschen, und daneben das rotbraune, goldene, grüne und silberne Gefieder, ganz mit Blut befleckt. Der Tisch ist gedeckt. Und im Dampf einer guten Aalsuppe wird es still. Es ist die große Stille des gesunden Hungers. Sie wird nur vom wilden Knurren der Hunde unterbrochen, die vor der Tür im Dunkeln ihre Näpfe ausschlecken…
Der Abend wird kurz. Am Feuer, das auch schon blinzelt, bleiben nur noch der Jagdaufseher und ich. Wir unterhalten uns, das heißt, wir werfen uns ab und zu ein halbes Wort zu, so wie Bauern es tun. Es sind fast indianische Ausrufe, kurz und schnell erloschen wie die letzten Funken der verbrannten Rebenzweige. Schließlich steht der Jagdaufseher auf, zündet seine Laterne an, und ich höre seinem schweren Schritt zu, der sich in der Nacht verliert…
III. Auf dem Anstand!
Auf Provenzalisch sagt man dazu l’espère, die Hoffnung. Was für ein schöner Name für den Anstand, für das Warten des versteckten Jägers und für diese unentschiedenen Stunden, in denen alles wartet, hofft und zwischen Tag und Nacht zögert! Der Morgenanstand kurz vor Sonnenaufgang, der Abendanstand in der Dämmerung. Mir ist der abendliche am liebsten, besonders in diesen sumpfigen Gegenden, wo das Wasser der Lagunen das Licht so lange festhält…
Manchmal geht man im Negochin auf den Anstand. Das ist ein winziges Boot ohne Kiel, schmal und schon bei der kleinsten Bewegung wackelig. Man nennt es auch den Hundeertränker. Im Schilf versteckt lauert der Jäger vom Boden seines Bootes aus auf die Enten. Herausschauen nur der Schirm einer Mütze, der Lauf des Gewehrs und der Kopf des Hundes. Der Hund schnuppert in den Wind und schnappt nach Mücken. Oder er streckt seine großen Pfoten aus, neigt das ganze Boot auf eine Seite und lässt es voll Wasser laufen. Dieser Anstand ist für meine Unerfahrenheit zu kompliziert. Darum gehe ich meistens zu Fuß auf den Anstand. Ich wate mitten durch den Sumpf, in riesigen Stiefeln, die aus einem einzigen langen Stück Leder geschnitten sind. Ich gehe langsam und vorsichtig, damit ich nicht im Schlamm stecken bleibe. Ich schiebe das Schilf beiseite, voller brackiger Gerüche und hüpfender Frösche…
Endlich kommt eine kleine Tamariskeninsel, ein Fleckchen trockenes Land, wo ich mich niederlasse. Der Jagdaufseher hat mir zu Ehren seinen Hund bei mir gelassen. Es ist ein riesiger Pyrenäenhund mit langem weißem Fell, ein erstklassiger Jäger und Fischer, und seine Gegenwart schüchtert mich ein wenig ein. Wenn ein Teichhuhn in Schussweite vorbeikommt, sieht er mich auf eine seltsam spöttische Art an. Mit einem kunstvollen Schwung des Kopfes wirft er zwei lange, schlaffe Ohren zurück, die ihm in die Augen hängen. Dann steht er vor, wedelt mit dem Schwanz, und mit einer ganzen Pantomime der Ungeduld will er mir sagen:
„Schieß… so schieß doch!“
Ich schieße und treffe nicht. Da streckt er sich lang aus, gähnt und reckt sich mit müder, enttäuschter und frecher Miene…
Ja, ich gebe es zu, ich bin ein schlechter Jäger. Der Anstand ist für mich die Stunde, die sich herabsenkt, das Licht, das schwächer wird und sich ins Wasser flüchtet. Es sind die Lagunen, die glänzen und das Grau des dunkel gewordenen Himmels bis zum Ton von feinem Silber polieren. Ich liebe diesen Geruch des Wassers, dieses geheimnisvolle Rascheln der Insekten im Schilf, dieses leise Murmeln der langen, zitternden Blätter. Ab und zu zieht ein trauriger Ton vorüber und rollt über den Himmel wie das Brausen einer Meeresmuschel. Das ist die Rohrdommel. Sie taucht ihren riesigen Fischerschnabel bis auf den Grund des Wassers und bläst… rrruuuh! Züge von Kranichen fliegen über meinen Kopf hinweg. Ich höre das Rascheln der Federn, das Sträuben der Daunen in der frischen Luft und sogar das Knacken des kleinen, überanstrengten Knochengerüsts. Dann nichts mehr. Es ist Nacht, tiefe Nacht, nur auf dem Wasser ist ein wenig Tag geblieben…
Plötzlich zucke ich zusammen. Ich spüre eine Art nervöser Beklemmung, als stünde jemand hinter mir. Ich drehe mich um und sehe den Gefährten der schönen Nächte, den Mond. Einen großen, ganz runden Mond, der langsam aufgeht. Zuerst steigt er sichtbar schnell, und je weiter er sich vom Horizont entfernt, desto langsamer wird er.
Schon ist neben mir ein erster Strahl zu erkennen, dann ein zweiter, etwas weiter weg… Jetzt ist der ganze Sumpf erleuchtet. Das kleinste Grasbüschel hat seinen Schatten. Der Anstand ist vorbei, die Vögel sehen uns, wir müssen heim. Wir gehen mitten durch eine Flut von blauem Licht, leicht und staubig. Und jeder unserer Schritte in den Lagunen und Gräben wirbelt dort Haufen gefallener Sterne und Mondstrahlen auf, die bis auf den Grund des Wassers reichen.
IV. Der Rote und der Weiße
Ganz in unserer Nähe, nur einen Büchsenschuss von unserer Hütte entfernt, steht eine zweite, die ihr ähnelt, aber einfacher ist. Dort wohnt unser Jagdaufseher mit seiner Frau und seinen beiden älteren Kindern. Die Tochter kocht für die Männer und flickt die Fischernetze. Der Sohn hilft dem Vater, die Reusen zu leeren und die Schleusen der Lagunen zu überwachen. Die beiden Jüngsten sind in Arles bei der Großmutter. Dort bleiben sie, bis sie lesen gelernt und ihre Erstkommunion gefeiert haben. Denn hier ist es zu weit bis zur Kirche und zur Schule, und außerdem täte die Luft der Camargue den Kleinen nicht gut. Im Sommer kann man auf der Insel wirklich nicht leben. Dann trocknen die Sümpfe aus, und der weiße Schlamm in den Gräben bekommt in der großen Hitze Risse.
Ich habe das einmal im August erlebt, als ich zur Jagd auf junge Wildenten herkam. Nie werde ich den traurigen und grausamen Anblick dieser glühenden Landschaft vergessen. Hier und da dampften die Lagunen in der Sonne wie riesige Bottiche. Ganz unten auf dem Grund hielt sich ein Rest Leben, der sich regte, ein Gewimmel von Molchen, Spinnen und Wasserfliegen, die feuchte Winkel suchten. Die Luft war wie verpestet. Ein schwerer Dunst aus fauligen Ausdünstungen hing über allem, und unzählige Mückenschwärme machten ihn noch dichter. Beim Jagdaufseher froren alle, alle hatten Fieber. Es war ein Jammer, die gelben, abgezehrten Gesichter zu sehen und die viel zu großen Augen mit dunklen Ringen. Diese armen Leute mussten sich drei Monate lang unter der unerbittlichen, prallen Sonne dahinschleppen, welche die Fiebernden verbrennt, ohne sie zu wärmen… Ein trauriges und hartes Leben ist das Leben eines Jagdaufsehers in der Camargue! Unserer hat wenigstens seine Frau und seine Kinder bei sich. Aber acht Kilometer weiter, mitten im Sumpf, wohnt ein Pferdehirt, der das ganze Jahr über völlig allein lebt. Er führt ein richtiges Robinsonleben. In seiner Schilfhütte, die er selbst gebaut hat, gibt es kein einziges Gerät, das er nicht selbst gemacht hätte. Die Hängematte aus Weidengeflecht, die drei schwarzen Steine, die er zur Feuerstelle zusammengelegt hat, die Tamariskenstümpfe, die er zu Hockern zurechtgeschnitzt hat, und sogar das Schloss und der Schlüssel aus hellem Holz, mit denen er diese seltsame Behausung verschließt.
Der Mann ist mindestens so seltsam wie seine Unterkunft. Er ist eine Art schweigsamer Philosoph, wie alle Einsiedler, und verbirgt sein bäuerliches Misstrauen unter dicken, buschigen Augenbrauen. Wenn er nicht auf der Weide ist, sitzt er vor seiner Tür. Langsam, mit kindlichem und rührendem Eifer, entziffert er eine dieser kleinen rosa, blauen oder gelben Broschüren, die um die Arzneifläschchen für seine Pferde gewickelt sind. Der arme Kerl hat keine andere Zerstreuung als das Lesen und keine anderen Bücher als diese. Obwohl unser Jagdaufseher und er Nachbarn sind, besuchen sie sich nicht. Sie gehen sich sogar aus dem Weg. Eines Tages fragte ich den Roudeïroù, warum sie sich nicht leiden können, und er antwortete mir ernst:
„Das ist wegen der Ansichten… Er ist ein Roter, und ich bin ein Weißer.“
So haben diese beiden Wilden sogar in dieser Einöde, wo die Einsamkeit sie hätte zusammenbringen sollen, einen Weg gefunden, sich wegen ihrer politischen Überzeugungen zu hassen! Dabei ist der eine so ungebildet und so einfältig wie der andere. Sie sind wie zwei Rinderhirten aus den Gedichten des Theokrit. Sie kommen kaum einmal im Jahr in die Stadt, und die kleinen Cafés von Arles mit ihren Vergoldungen und Spiegeln blenden sie wie der Palast der Könige von Ägypten.
V. Der Vaccarès
Das Schönste an der Camargue ist der Vaccarès. Oft lasse ich die Jagd sein und setze mich an das Ufer dieses Salzsees. Er ist ein kleines Meer, das wie ein Stück des großen aussieht, eingeschlossen vom Land und gerade durch seine Gefangenschaft zahm geworden. Meeresküsten sind gewöhnlich trocken, öde und traurig. An seinem etwas erhöhten Ufer, ganz grün von feinem, samtigem Gras, breitet der Vaccarès dagegen eine eigenartige und liebliche Pflanzenwelt aus. Flockenblumen, Fieberklee, Enziane und dieser hübsche Strandflieder, im Winter blau und im Sommer rot. Er wechselt die Farbe, wenn das Wetter wechselt, und blüht ohne Unterlass, sodass er mit seinen verschiedenen Tönen die Jahreszeiten anzeigt.
Gegen fünf Uhr abends, wenn die Sonne sinkt, bieten diese zwölf Kilometer Wasser einen herrlichen Anblick. Kein Boot, kein Segel begrenzt oder verändert ihre Weite. Das ist nicht mehr der vertraute Reiz der Lagunen und Gräben, die hier und da zwischen den Falten des mergeligen Bodens auftauchen. Unter diesem Boden spürt man überall das Wasser sickern, bereit, bei der kleinsten Senke an die Oberfläche zu kommen. Hier ist der Eindruck groß und weit. Das Glitzern der Wellen lockt von weit her Scharen von Trauerenten an, Reiher, Rohrdommeln und Flamingos mit weißem Bauch und rosa Flügeln. Sie reihen sich am ganzen Ufer zum Fischen auf, sodass ihre verschiedenen Farben ein langes, gleichmäßiges Band bilden. Und dann Ibisse, echte ägyptische Ibisse, die in dieser prächtigen Sonne und dieser stummen Landschaft ganz zu Hause sind. Von meinem Platz aus höre ich tatsächlich nichts als das Plätschern des Wassers und die Stimme des Hirten, der seine Pferde ruft, die am Ufer verstreut sind. Sie haben alle klangvolle Namen: „Cifer!… Lucifer!… L’Estello!… L’Estournello!…“ Jedes Tier, das seinen Namen hört, kommt mit wehender Mähne herbeigelaufen und frisst dem Hirten den Hafer aus der Hand…
Weiter entfernt, immer noch am selben Ufer, weidet frei wie die Pferde eine große Rinderherde, die man hier Manade nennt. Ab und zu sehe ich über einem Tamariskenbusch die Linie ihrer gebeugten Rücken und ihre kleinen, sichelförmigen Hörner, die sich aufrichten. Die meisten dieser Camargue-Stiere werden für die Dorffeste gezüchtet, bei denen man mit ihnen um die Wette läuft. Einige tragen schon Namen, die in allen Arenen der Provence und des Languedoc berühmt sind. So hat die benachbarte Manade unter anderem einen furchtbaren Kämpfer, den man den Römer nennt. Bei den Stierspielen in Arles, Nîmes und Tarascon hat er wer weiß wie viele Männer und Pferde auf die Hörner genommen. Darum haben ihn seine Gefährten zum Anführer gewählt. Denn in diesen seltsamen Herden regieren sich die Tiere selbst. Sie scharen sich um einen alten Stier, den sie als Leittier annehmen. Wenn ein Orkan über die Camargue hereinbricht, ist er furchtbar in dieser großen Ebene, wo nichts ihn ablenkt oder aufhält. Dann muss man sehen, wie sich die Manade hinter ihrem Anführer zusammendrängt. Alle senken die Köpfe und wenden dem Wind diese breiten Stirnen zu, in denen sich die ganze Kraft des Stiers sammelt. Unsere provenzalischen Hirten nennen das „vira la bano au giscle“, das Horn gegen den Wind drehen. Und wehe den Herden, die das nicht tun! Vom Regen geblendet, vom Sturm mitgerissen, dreht sich die versprengte Manade im Kreis, gerät in Panik und läuft auseinander. Und die verstörten Stiere rennen blindlings vor dem Unwetter davon und stürzen sich in die Rhône, in den Vaccarès oder ins Meer.
Über den Text
- En Camargue (Lettres de mon moulin, 1879) – Alphonse Daudet
Freie deutsche Übersetzung aus dem Original, für das Zuhören bearbeitet (kürzere Sätze, einfachere Namen und Begriffe), automatisch geprüft (eine menschliche Korrektur steht noch aus – schreiben Sie uns gern, wenn Ihnen ein Fehler auffällt). So entstehen unsere Geschichten.




