Diese Geschichte stammt von dem französischen Schriftsteller Alphonse Daudet. Sie erschien im Jahr achtzehnhundertneunundsechzig in seinem Buch Briefe aus meiner Mühle. Darin erzählt Daudet von der Provence, wo er eine alte Windmühle gekauft hatte. Diesmal sucht er nach der Herkunft eines seltsamen Sprichworts: Es geht um das Maultier des Papstes, das sieben Jahre lang einen Tritt aufgespart hat. Wir hören eine fröhliche Legende aus der Zeit, als die Päpste in Avignon lebten, von einem gutherzigen Papst, seinem geliebten Maultier und einem sehr gerissenen jungen Mann.
Kapitel
- Einleitung
- Das Maultier des Papstes
- Die fröhliche Stadt der Päpste
- Das Maultier und der junge Tistet
- Die Qualen im Stall
- Der aufgesparte Tritt
- Die Rückkehr aus Neapel
- Die große Feier
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Das Maultier des Papstes
Von all den hübschen Redensarten, Sprichwörtern und Weisheiten, mit denen unsere Bauern in der Provence ihre Reden schmücken, kenne ich keine, die malerischer und sonderbarer wäre als diese. Im Umkreis von sechzig Kilometern um meine Mühle sagt man, wenn von einem nachtragenden, rachsüchtigen Menschen die Rede ist: „Vor dem nehmt euch in Acht!… Der ist wie das Maultier des Papstes, das seinen Tritt sieben Jahre lang aufspart.“
Lange habe ich gesucht, woher dieses Sprichwort kommen mag, was es mit diesem päpstlichen Maultier auf sich hat und mit dem Tritt, der sieben Jahre lang aufgespart wurde. Niemand hier konnte mir darüber Auskunft geben, nicht einmal Francet Mamaï, mein Pfeifer. Dabei kennt er die Sagen der Provence wie seine Westentasche. Francet glaubt wie ich, dass dahinter eine alte Chronik aus der Gegend von Avignon steckt. Aber auch er kennt die Sache nur aus dem Sprichwort.
Der alte Pfeifer sagte lachend zu mir: „Das finden Sie nur in der Bibliothek der Zikaden.“
Der Einfall gefiel mir. Und da die Bibliothek der Zikaden gleich vor meiner Tür liegt, schloss ich mich dort eine ganze Woche lang ein.
Es ist eine wunderbare Bibliothek, prächtig ausgestattet und Tag und Nacht für Dichter geöffnet. Bedient wird sie von kleinen Bibliothekaren mit Zimbeln, die einem die ganze Zeit Musik machen. Ich habe dort einige köstliche Tage verbracht. Und nach einer Woche Forschung, auf dem Rücken liegend, fand ich endlich, was ich suchte: die Geschichte meines Maultiers und dieses berühmten Tritts, der sieben Jahre lang aufgespart wurde. Die Geschichte ist hübsch, wenn auch ein wenig naiv. Ich will versuchen, sie Ihnen so zu erzählen, wie ich sie gestern Morgen gelesen habe, in einer Handschrift von der Farbe der Zeit. Sie duftete angenehm nach getrocknetem Lavendel, und als Lesezeichen dienten lange Spinnfäden des Altweibersommers.
Die fröhliche Stadt der Päpste
Wer Avignon zur Zeit der Päpste nicht gesehen hat, hat nichts gesehen. An Fröhlichkeit, Leben, Trubel und Festen gab es nie eine Stadt wie diese. Vom Morgen bis zum Abend zogen Prozessionen und Wallfahrten durch die Stadt, die Straßen waren mit Blumen bestreut und mit hohen Wandteppichen behängt. Auf der Rhone kamen Kardinäle an, mit flatternden Fahnen und beflaggten Galeeren. Die Soldaten des Papstes sangen auf den Plätzen lateinische Lieder, die Bettelmönche zogen mit ihren Rasseln umher. Und die Häuser drängten sich summend um den großen Papstpalast, wie Bienen um ihren Stock. In den Häusern klapperten von oben bis unten die Spitzenwebstühle, die Schiffchen flitzten hin und her und webten Gold in die Messgewänder. Die kleinen Hämmer der Ziseleure klopften an den Messkännchen, bei den Lautenbauern wurden Resonanzböden angepasst, und die Weberinnen sangen fromme Lieder. Darüber das Läuten der Glocken, und immer ein paar Trommeln, die man dort unten bei der Brücke dröhnen hörte. Denn bei uns muss das Volk tanzen, wenn es zufrieden ist, es muss tanzen. Und weil die Straßen der Stadt damals für die Farandole zu eng waren, stellten sich Pfeifer und Trommler auf die Brücke von Avignon, in den frischen Wind der Rhone. Und Tag und Nacht wurde dort getanzt, getanzt… Ach, die glückliche Zeit! Die glückliche Stadt! Hellebarden, die nicht schnitten. Staatsgefängnisse, in denen man den Wein kühl stellte. Nie Hunger, nie Krieg… So verstanden es die Päpste des Comtat, ihr Volk zu regieren. Und darum hat ihr Volk ihnen so sehr nachgetrauert!…
Vor allem einer, ein gütiger alter Mann, den man Bonifatius nannte… Oh, um den wurden in Avignon Tränen vergossen, als er starb! Er war ein so liebenswürdiger, so freundlicher Fürst! Er lachte einem so herzlich von seinem Maultier herab zu! Und wenn man an ihm vorbeiging, ob man nun ein armer kleiner Arbeiter von den Krappfeldern war oder der oberste Richter der Stadt, gab er einem so höflich seinen Segen! Ein richtiger Papst von Yvetot, wie der gutmütige König aus dem Lied, nur eben aus einem provenzalischen Yvetot. Er hatte etwas Feines in seinem Lachen, einen Zweig Majoran an seiner Kappe und weit und breit keine Liebste… Die einzige Liebste, die man dem guten Vater je nachsagen konnte, war sein Weinberg. Ein kleiner Weinberg, den er selbst gepflanzt hatte, etwa zwölf Kilometer von Avignon entfernt, zwischen den Myrten von Châteauneuf.
Jeden Sonntag nach der Vesper ging der würdige Mann hinaus, um seinem Weinberg den Hof zu machen. Wenn er dann dort oben in der warmen Sonne saß, sein Maultier neben sich und seine Kardinäle rings um ihn am Fuß der Rebstöcke ausgestreckt, ließ er eine Flasche Wein aus der Gegend entkorken. Es war dieser schöne rubinrote Wein, den man seitdem Châteauneuf-du-Pape nennt. Er trank ihn in kleinen Schlucken und betrachtete dabei gerührt seinen Weinberg. Wenn die Flasche leer war und der Tag sich neigte, kehrte er fröhlich in die Stadt zurück, und seine ganze Geistlichkeit folgte ihm. Und wenn er über die Brücke von Avignon ritt, mitten zwischen Trommeln und Farandolen, dann fiel sein Maultier, von der Musik angesteckt, in einen kleinen hüpfenden Passgang. Er selbst schlug dabei mit seiner Kappe den Takt zum Tanz. Das empörte seine Kardinäle sehr, aber das ganze Volk sagte: „Ach, der gute Fürst! Ach, der brave Papst!“
Das Maultier und der junge Tistet
Nach seinem Weinberg in Châteauneuf liebte der Papst nichts auf der Welt so sehr wie sein Maultier. Der gute Mann war ganz vernarrt in das Tier. Jeden Abend, bevor er schlafen ging, sah er nach, ob sein Stall gut verschlossen war und ob in der Krippe nichts fehlte. Und nie wäre er vom Tisch aufgestanden, ohne vor seinen Augen eine große Schale Wein nach französischer Art zubereiten zu lassen, mit viel Zucker und Gewürzen. Die brachte er ihm selbst, trotz aller Einwände seiner Kardinäle… Man muss allerdings sagen, dass das Tier es wert war. Es war ein schönes schwarzes Maultier mit roten Tupfen, trittsicher, mit glänzendem Fell und breiter, runder Kruppe. Stolz trug es seinen kleinen, schmalen Kopf, ganz geschmückt mit Bommeln, Schleifen, silbernen Glöckchen und Bändern. Dazu war es sanft wie ein Engel, mit arglosen Augen und zwei langen Ohren, die immer in Bewegung waren und ihm ein gutmütiges Aussehen gaben. Ganz Avignon achtete es. Wenn es durch die Straßen ging, erwies man ihm jede nur denkbare Höflichkeit. Denn jeder wusste, dass man so am besten die Gunst des Hofes gewann. Und mit seiner unschuldigen Miene hatte das Maultier des Papstes schon manchen zu Glück und Reichtum geführt. Das beweist Tistet Védène mit seinem erstaunlichen Abenteuer.
Dieser Tistet Védène war anfangs ein frecher Gassenjunge. Sein Vater, der Goldschmied Guy Védène, hatte ihn aus dem Haus jagen müssen, weil er nichts tun wollte und die Lehrlinge von der Arbeit abhielt. Ein halbes Jahr lang sah man ihn seine Jacke durch alle Rinnsteine von Avignon schleifen, vor allem aber in der Nähe des päpstlichen Palastes. Denn der Schlingel hatte schon lange einen Plan mit dem Maultier des Papstes, und Sie werden gleich sehen, dass es ein schlauer Plan war… Eines Tages, als Seine Heiligkeit ganz allein mit seinem Tier an den Stadtmauern entlang spazieren ging, tritt mein Tistet auf ihn zu. Er faltet bewundernd die Hände und sagt:
„Ach, du lieber Gott! Großer Heiliger Vater, was für ein prächtiges Maultier Sie da haben!… Lassen Sie es mich ein wenig ansehen… Ach, mein Papst, das schöne Maultier!… Der deutsche Kaiser hat kein solches.“
Und er streichelte es und sprach sanft mit ihm wie mit einem Fräulein:
„Kommen Sie doch her, mein Juwel, mein Schatz, meine feine Perle…“
Und der gute Papst dachte ganz gerührt bei sich:
„Was für ein lieber kleiner Junge!… Wie freundlich er zu meinem Maultier ist!“
Und wissen Sie, was am nächsten Tag geschah? Tistet Védène tauschte seine alte gelbe Jacke gegen ein schönes Chorhemd aus Spitze, einen Umhang aus violetter Seide und Schnallenschuhe. Und er trat in den Chor des Papstes ein, die Chorschule des Palastes. Vor ihm hatte man dort nie jemand anderen aufgenommen als Söhne von Adligen und Neffen von Kardinälen… So weit bringt man es mit Ränken!… Aber dabei ließ es Tistet nicht bewenden.
Kaum war er im Dienst des Papstes, setzte der Schlingel das Spiel fort, das ihm so gut gelungen war. Zu allen war er frech, nur dem Maultier schenkte er Aufmerksamkeit und Fürsorge. Immer traf man ihn in den Höfen des Palastes mit einer Handvoll Hafer oder einem Bündel Esparsette. Er schüttelte zierlich die rosa Blütentrauben und blickte dabei zum Balkon des Heiligen Vaters hinauf, als wollte er sagen: „Na!… Für wen ist das wohl?…“ Das ging so lange, bis der gute Papst, der spürte, dass er alt wurde, ihm schließlich den Stall anvertraute. Von nun an brachte Tistet dem Maultier seine Schale Wein nach französischer Art. Und darüber lachten die Kardinäle nicht.
Die Qualen im Stall
Das Maultier lachte auch nicht darüber… Wenn jetzt die Stunde seines Weins kam, sah es jedes Mal fünf oder sechs kleine Chorknaben zu sich in den Stall kommen. Die verkrochen sich schnell mit Umhang und Spitzen im Stroh. Nach einer Weile erfüllte ein warmer, guter Duft nach Karamell und Gewürzen den Stall. Dann erschien Tistet Védène und trug vorsichtig die Schale Wein nach französischer Art herein. Und nun begann das Martyrium des armen Tieres.
Diesen duftenden Wein, den es so sehr liebte, der es wärmte und beflügelte, brachte man ihm grausam bis in die Krippe und ließ es daran riechen. Und wenn es die Nüstern voll davon hatte, husch, weg war er! Das schöne Getränk von der Farbe einer rosa Flamme verschwand ganz und gar in den Kehlen dieser Lausbuben… Und hätten sie ihm wenigstens nur den Wein gestohlen! Aber wenn sie getrunken hatten, waren diese kleinen Chorknaben wie Teufel!… Der eine zog es an den Ohren, der andere am Schwanz. Quiquet kletterte ihm auf den Rücken, Béluguet setzte ihm seine Kappe auf. Und keiner dieser Lausbuben dachte daran, dass das brave Tier sie mit einem Buckeln oder einem Ausschlagen alle bis zum Polarstern hätte schicken können, und noch weiter… Aber nein! Man ist nicht umsonst das Maultier des Papstes, das Maultier der Segnungen und der Ablässe… Die Kinder mochten treiben, was sie wollten, es wurde nicht böse. Nur Tistet Védène gegenüber war es nachtragend… Wenn es den hinter sich spürte, juckte ihm der Huf, und dazu gab es wirklich Grund genug. Dieser Taugenichts Tistet spielte ihm so üble Streiche! Wenn er getrunken hatte, dachte er sich so grausame Dinge aus!…
Kam er doch eines Tages auf den Einfall, es mit sich auf das Türmchen der Chorschule hinaufzuführen, hoch hinauf, ganz hoch hinauf, bis auf die Spitze des Palastes!… Und was ich Ihnen da erzähle, ist kein Märchen, zweihunderttausend Provenzalen haben es gesehen. Können Sie sich den Schrecken dieses unglücklichen Maultiers vorstellen? Eine Stunde lang hatte es sich blind auf einer Wendeltreppe im Kreis gedreht und war wer weiß wie viele Stufen hinaufgestiegen. Und plötzlich stand es auf einer Plattform, die von Licht nur so blendete. Dreihundert Meter unter sich erblickte es ein ganzes märchenhaftes Avignon. Die Marktbuden waren nicht größer als Haselnüsse, die Soldaten des Papstes vor ihrer Kaserne wie rote Ameisen. Und dort hinten, an einem silbernen Faden, lag eine winzig kleine Brücke, auf der getanzt wurde, getanzt… Ach, das arme Tier! Welche Panik! Von seinem Schrei zitterten alle Fensterscheiben des Palastes.
Der gute Papst stürzte auf seinen Balkon und rief: „Was ist denn los? Was tut man ihm an?“
Tistet Védène war schon im Hof. Er tat, als weine er, und raufte sich die Haare:
„Ach, großer Heiliger Vater, was los ist! Los ist, dass Ihr Maultier… Mein Gott! Was soll aus uns werden? Los ist, dass Ihr Maultier auf das Türmchen gestiegen ist…“
„Ganz allein???“
„Ja, großer Heiliger Vater, ganz allein… Da! Sehen Sie es dort oben… Sehen Sie die Spitzen seiner Ohren herausschauen?… Wie zwei Schwalben…“
Der arme Papst hob die Augen und rief: „Barmherziger Himmel! Ja, ist es denn verrückt geworden? Es wird sich noch umbringen… Willst du wohl herunterkommen, du Unglückliches!…“
Das arme Ding! Es hätte sich nichts lieber gewünscht, als herunterzukommen… aber wie? An die Treppe war nicht zu denken. Hinauf geht es ja noch bei solchen Dingen, aber beim Hinuntergehen könnte man sich hundertmal die Beine brechen… Und das arme Maultier war verzweifelt. Während es mit großen Augen, ganz schwindlig, auf der Plattform umherirrte, dachte es an Tistet Védène:
„Ach, du Halunke, wenn ich hier heil herauskomme… was für ein Tritt morgen früh!“
Der Gedanke an diesen Tritt gab ihm ein wenig Mut zurück. Sonst hätte es sich nicht auf den Beinen halten können… Endlich holte man es von dort oben herunter, aber das war ein hartes Stück Arbeit. Man musste es mit einer Winde, mit Seilen und einer Trage hinunterlassen. Und stellen Sie sich vor, welche Demütigung das für das Maultier eines Papstes war: in solcher Höhe zu hängen und mit den Beinen in der Luft zu rudern wie ein Maikäfer am Faden. Und ganz Avignon sah ihm dabei zu!
Der aufgesparte Tritt
Das unglückliche Tier konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Immer kam es ihm vor, als drehe es sich auf dieser verfluchten Plattform, und unten lachte die ganze Stadt. Dann dachte es an diesen niederträchtigen Tistet Védène und an den schönen Tritt, den es ihm am nächsten Morgen versetzen würde. Ach, meine Freunde, was für ein Tritt! Bis nach Pampérigouste würde man den Rauch sehen… Und wissen Sie, was Tistet Védène tat, während man ihm im Stall diesen schönen Empfang vorbereitete? Er fuhr singend auf einer päpstlichen Galeere die Rhone hinunter. Er reiste an den Hof von Neapel, mit der Schar junger Adliger, die die Stadt jedes Jahr zur Königin Johanna schickte. Dort sollten sie sich in Diplomatie und feinen Manieren üben. Tistet war nicht adlig. Aber der Papst wollte ihn für die Pflege belohnen, die er seinem Tier gewidmet hatte, und vor allem für seinen Eifer am Tag der Rettung.
Da war das Maultier am nächsten Morgen enttäuscht!
Wütend schüttelte es seine Glöckchen und dachte: „Ach, der Halunke! Er hat etwas geahnt!… Aber das macht nichts, warte nur, du Schurke! Du bekommst ihn, wenn du zurückkommst, deinen Tritt… Ich spare ihn dir auf!“
Und es sparte ihn auf.
Nach Tistets Abreise fand das Maultier des Papstes zu seinem ruhigen Leben und seinen alten Gewohnheiten zurück. Kein Quiquet mehr, kein Béluguet im Stall. Die schönen Tage des Weins nach französischer Art waren zurückgekehrt und mit ihnen die gute Laune, die langen Mittagsschläfchen und der kleine Gavotteschritt, wenn es über die Brücke von Avignon ging. Und doch begegnete man ihm seit seinem Abenteuer in der Stadt immer ein wenig kühl. Auf seinem Weg wurde getuschelt. Die alten Leute schüttelten den Kopf, die Kinder lachten und zeigten einander das Türmchen. Selbst der gute Papst hatte nicht mehr so viel Vertrauen zu seinem Liebling. Wenn er sonntags auf dem Heimweg vom Weinberg auf dem Rücken des Maultiers ein wenig einnickte, hatte er immer den heimlichen Gedanken: „Wenn ich nun dort oben aufwache, auf der Plattform!“ Das Maultier sah das und litt darunter, ohne etwas zu sagen. Nur wenn jemand in seiner Gegenwart den Namen Tistet Védène aussprach, zitterten seine langen Ohren. Und mit einem kleinen Lachen wetzte es die Eisen seiner Hufe auf dem Pflaster.
Die Rückkehr aus Neapel
So vergingen sieben Jahre. Und nach diesen sieben Jahren kam Tistet Védène vom Hof in Neapel zurück. Seine Zeit dort war noch nicht abgelaufen. Aber er hatte erfahren, dass der Erste Senfmeister des Papstes in Avignon plötzlich gestorben war. Und weil ihn die Stelle reizte, war er in aller Eile gekommen, um sich darum zu bewerben.
Als dieser Ränkeschmied Védène den Saal des Palastes betrat, erkannte ihn der Heilige Vater kaum wieder, so groß und stattlich war er geworden. Man muss allerdings auch sagen, dass der gute Papst inzwischen alt geworden war und ohne Brille nicht mehr gut sah.
Tistet ließ sich nicht einschüchtern.
„Was denn! Großer Heiliger Vater, Sie erkennen mich nicht mehr?… Ich bin es, Tistet Védène!…“
„Védène?…“
„Aber ja, Sie wissen doch… der dem Maultier immer den Wein nach französischer Art gebracht hat.“
„Ach ja… ja… ich erinnere mich… Ein lieber kleiner Junge, dieser Tistet Védène!… Und was möchte er jetzt von uns?“
„Oh, nur eine Kleinigkeit, großer Heiliger Vater… Ich wollte Sie bitten… Übrigens, haben Sie Ihr Maultier noch? Und geht es ihm gut?… Ach, wie schön!… Ich wollte Sie um die Stelle des Ersten Senfmeisters bitten, der gerade gestorben ist.“
„Du und Erster Senfmeister!… Aber dafür bist du zu jung. Wie alt bist du denn?“
„Zwanzig Jahre und zwei Monate, erlauchter Pontifex, genau fünf Jahre älter als Ihr Maultier… Ach, bei Gott, das brave Tier!… Wenn Sie wüssten, wie sehr ich dieses Maultier geliebt habe!… Wie ich mich in Italien nach ihm gesehnt habe!… Wollen Sie es mich nicht sehen lassen?“
Der gute Papst sagte ganz gerührt: „Doch, mein Kind, du sollst es sehen… Und weil du dieses brave Tier so sehr liebst, will ich nicht, dass du noch länger fern von ihm lebst. Von heute an nehme ich dich in meinen persönlichen Dienst, als Ersten Senfmeister… Meine Kardinäle werden schimpfen, aber was soll’s! Ich bin es gewohnt… Komm morgen nach der Vesper zu uns. Wir überreichen dir die Abzeichen deines Amtes vor unserer ganzen Geistlichkeit. Und dann… nehme ich dich mit zum Maultier, und du kommst mit uns beiden in den Weinberg… he, he! Na, geh nur…“
Ich muss Ihnen nicht erst sagen, wie zufrieden Tistet Védène war, als er den großen Saal verließ, und mit welcher Ungeduld er die Feier am nächsten Tag erwartete. Und doch gab es im Palast jemanden, der noch glücklicher und noch ungeduldiger war als er: das Maultier. Von Védènes Rückkehr bis zur Vesper am folgenden Tag hörte das schreckliche Tier nicht auf, sich mit Hafer vollzustopfen und mit den Hinterhufen gegen die Wand auszuschlagen. Auch das Maultier bereitete sich auf die Feier vor…
Die große Feier
Und so zog Tistet Védène am nächsten Tag, als die Vesper gesungen war, in den Hof des Papstpalastes ein. Die ganze hohe Geistlichkeit war da: die Kardinäle in roten Gewändern, der Anwalt des Teufels in schwarzem Samt, die Äbte des Klosters mit ihren kleinen Mitren, die Kirchenvorsteher von Saint-Agricol, die violetten Umhänge der Chorschule. Auch die niedere Geistlichkeit war da, die Soldaten des Papstes in Paradeuniform und die drei Bruderschaften der Büßer. Die Einsiedler vom Mont Ventoux mit ihren wilden Mienen, und der kleine Ministrant, der hinterhergeht und das Glöckchen trägt. Die Geißlerbrüder, nackt bis zum Gürtel, die geschmückten Küster in Richterroben. Alle, alle, bis hin zu denen, die das Weihwasser reichen, und dem, der die Kerzen anzündet, und dem, der sie löscht… Nicht ein Einziger fehlte… Ach, das war eine schöne Amtseinführung! Glocken, Böller, Sonne, Musik, und immer diese wilden Trommeln, die dort unten auf der Brücke von Avignon zum Tanz aufspielten…
Als Védène inmitten der Versammlung erschien, ging wegen seiner stattlichen Haltung und seines schönen Gesichts ein bewunderndes Raunen durch die Menge. Er war ein prächtiger Provenzale, aber einer von den Blonden, mit langen Haaren, die sich an den Spitzen lockten. Sein kleiner, flaumiger Bart sah aus wie feine Metallspäne, die vom Stichel seines Vaters, des Goldschmieds, gefallen waren. Man munkelte, in diesem blonden Bart hätten manchmal die Finger der Königin Johanna gespielt. Und der Herr von Védène hatte tatsächlich die stolze Miene und den zerstreuten Blick von Männern, die von Königinnen geliebt worden sind… An diesem Tag hatte er, um seiner Heimat Ehre zu machen, seine neapolitanischen Kleider gegen eine rosa gesäumte Jacke nach provenzalischer Art getauscht. Und auf seinem Hut zitterte eine große Ibisfeder aus der Camargue.
Gleich nach seinem Eintreten grüßte der Erste Senfmeister galant und ging auf die hohe Freitreppe zu. Dort wartete der Papst, um ihm die Abzeichen seines Amtes zu überreichen: den Löffel aus gelbem Buchsbaum und das safranfarbene Gewand. Das Maultier stand unten an der Treppe, fertig gesattelt und bereit, zum Weinberg aufzubrechen… Als Tistet Védène an ihm vorbeiging, lächelte er liebenswürdig. Er blieb stehen und klopfte ihm zwei-, dreimal freundschaftlich auf den Rücken, wobei er aus dem Augenwinkel nachsah, ob der Papst es bemerkte. Die Stellung war günstig… Das Maultier holte aus:
„Da! Nimm das, du Halunke! Sieben Jahre habe ich ihn dir aufgespart!“
Und es versetzte ihm einen so fürchterlichen, so fürchterlichen Tritt, dass man selbst in Pampérigouste den Rauch sah. Einen Wirbel aus blondem Rauch, in dem eine Ibisfeder flatterte: alles, was von dem unglückseligen Tistet Védène übrig blieb!…
Gewöhnlich sind Maultiertritte nicht ganz so verheerend. Aber dies war eben ein päpstliches Maultier. Und dann, bedenken Sie nur! Es hatte ihm den Tritt sieben Jahre lang aufgespart… Ein schöneres Beispiel für geistlichen Groll gibt es nicht.
Über den Text
- La Mule du Pape – Alphonse Daudet
Freie deutsche Übersetzung aus dem Original, für das Zuhören bearbeitet (kürzere Sätze, einfachere Namen und Begriffe), automatisch geprüft (eine menschliche Korrektur steht noch aus – schreiben Sie uns gern, wenn Ihnen ein Fehler auffällt). So entstehen unsere Geschichten.




