Diese Erzählung schrieb der amerikanische Schriftsteller Mark Twain, und sie erschien im Jahr achtzehnhundertzweiundachtzig. Eigentlich war sie für sein Reisebuch gedacht, doch dann veröffentlichte er sie gesondert. Ein alter Herr, der einst im indischen Staatsdienst stand, erzählt einem Mitreisenden im Zug, wie er einen kostbaren weißen Elefanten als Geschenk des Königs von Siam zur englischen Königin bringen sollte. Doch in Amerika verschwindet der Elefant, und ein berühmter New Yorker Detektiv nimmt die Suche auf. Es ist eine heitere Parodie auf Kriminalgeschichten und auf die Sensationspresse.
Kapitel
- Einleitung
- Der gestohlene weiße Elefant
- Die Nacht, in der der Elefant verschwand
- Beschreibung, Foto und Belohnung
- Was der Elefant alles frisst
- Befehle an Captain Burns
- Elf Theorien in der Zeitung
- Ruhm ist das Brot des Detektivs
- Der Telegraf beginnt zu klicken
- Der Elefant zieht durch die Dörfer
- Mister Barnum macht ein Geschäft
- Detektiv Burke und der Elefantenschwanz
- Die Geißel von Siam in den Zeitungen
- Nebel und drei Wochen Warten
- Das Auge, das niemals schläft
- Ein Handel mit den Dieben
- Mitternacht im Keller
- Unsterblicher Ruhm der Detektive
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Der gestohlene weiße Elefant
Diese Geschichte wurde aus dem Buch A Tramp Abroad herausgenommen, weil man fürchtete, manche Einzelheiten seien übertrieben und andere nicht wahr. Bevor sich dieser Verdacht als unbegründet erwies, war das Buch schon im Druck. Mark Twain.
Die folgende seltsame Geschichte erzählte mir ein Mann, den ich zufällig auf einer Bahnreise kennenlernte. Er war ein Herr von über siebzig Jahren. Sein durch und durch gütiges, sanftes Gesicht und sein ernstes, aufrichtiges Wesen drückten jedem Wort, das über seine Lippen kam, den unverkennbaren Stempel der Wahrheit auf. Er sagte:
Sie wissen, wie sehr der königliche weiße Elefant von Siam vom Volk dieses Landes verehrt wird. Sie wissen, dass er den Königen geweiht ist, dass nur Könige ihn besitzen dürfen. Ja, in gewisser Weise steht er sogar über den Königen, denn man erweist ihm nicht bloß Ehre, sondern betet ihn an. Nun gut. Vor fünf Jahren kam es zwischen Großbritannien und Siam zu Streitigkeiten über den Grenzverlauf, und bald zeigte sich, dass Siam im Unrecht war. Deshalb wurde alles rasch wiedergutgemacht, und der britische Gesandte erklärte, er sei zufrieden und das Vergangene solle vergessen sein. Das erleichterte den König von Siam sehr. Zum Teil aus Dankbarkeit, zum Teil wohl auch, um den letzten Rest von Verstimmung zu tilgen, den England ihm gegenüber noch hegen mochte, wollte er der Königin ein Geschenk schicken. Nach morgenländischer Auffassung ist das der einzig sichere Weg, einen Gegner zu versöhnen. Dieses Geschenk sollte nicht nur königlich sein, sondern überaus königlich. Und welche Gabe hätte da besser gepasst als ein weißer Elefant? Meine Stellung im indischen Staatsdienst war so, dass man mich der Ehre für besonders würdig hielt, das Geschenk Ihrer Majestät zu überbringen. Für mich, meine Diener und die Offiziere und Wärter des Elefanten wurde ein Schiff ausgerüstet. Schließlich kam ich im Hafen von New York an und brachte meinen königlichen Schützling in einer vortrefflichen Unterkunft in Jersey City unter. Wir mussten eine Weile bleiben, damit das Tier wieder zu Kräften kam, bevor die Reise weiterging.
Die Nacht, in der der Elefant verschwand
Zwei Wochen lang ging alles gut, dann begann mein Unglück. Der weiße Elefant wurde gestohlen! Man weckte mich mitten in der Nacht und teilte mir das schreckliche Missgeschick mit. Einige Augenblicke lang war ich außer mir vor Entsetzen und Angst und wusste mir keinen Rat. Dann wurde ich ruhiger und sammelte meine Gedanken. Bald sah ich, was zu tun war, denn für einen vernünftigen Menschen gab es nur einen einzigen Weg. So spät es auch war, ich eilte nach New York und ließ mich von einem Polizisten zur Zentrale der Kriminalpolizei bringen. Zum Glück kam ich rechtzeitig, obwohl der Leiter der Behörde, der berühmte Inspektor Blunt, gerade nach Hause gehen wollte. Er war ein Mann von mittlerer Größe und gedrungener Gestalt. Wenn er angestrengt nachdachte, pflegte er die Brauen zusammenzuziehen und sich nachdenklich mit dem Finger an die Stirn zu tippen. Das überzeugte einen sofort davon, dass man vor einem Menschen von ganz und gar nicht gewöhnlicher Art stand. Schon sein bloßer Anblick gab mir Zuversicht und Hoffnung. Ich trug ihm mein Anliegen vor. Es brachte ihn nicht im Geringsten aus der Ruhe. Auf seine eiserne Selbstbeherrschung hatte es keine größere sichtbare Wirkung, als wenn ich ihm erzählt hätte, jemand habe meinen Hund gestohlen. Er wies mir einen Stuhl an und sagte gelassen:
„Gestatten Sie, dass ich einen Augenblick nachdenke.“
Mit diesen Worten setzte er sich an seinen Schreibtisch und stützte den Kopf in die Hand. Am anderen Ende des Raumes arbeiteten einige Schreiber. Das Kratzen ihrer Federn war alles, was ich in den nächsten sechs oder sieben Minuten hörte. Der Inspektor saß unterdessen da, ganz in Gedanken versunken. Endlich hob er den Kopf, und die festen Züge seines Gesichts verrieten mir, dass sein Gehirn seine Arbeit getan hatte und sein Plan fertig war. Dann sprach er, und seine Stimme war leise und eindrucksvoll:
„Das ist kein gewöhnlicher Fall. Jeder Schritt muss mit Vorsicht getan werden, und jeder muss gesichert sein, bevor man den nächsten wagt. Und es muss Verschwiegenheit gewahrt werden, tiefe und vollkommene Verschwiegenheit. Sprechen Sie mit niemandem über die Sache, nicht einmal mit den Reportern. Um die kümmere ich mich. Ich sorge dafür, dass sie nur das erfahren, was meinen Zwecken dienlich ist.“ Er drückte auf eine Klingel, und ein junger Mann erschien. „Alaric, sagen Sie den Reportern, sie sollen vorläufig noch bleiben.“ Der junge Mann ging hinaus. „Und nun zur Sache, und zwar mit System. In meinem Beruf erreicht man nichts ohne strenge und genaue Methode.“
Er nahm Feder und Papier. „Also. Name des Elefanten?“
„Hassan Ben Ali Ben Selim Abdallah Mohammed Moisé Alhammal Jamsetjejeebhoy Dhuleep Sultan Ebu Bhudpoor.“
„Sehr gut. Rufname?“
„Jumbo.“
„Sehr gut. Geburtsort?“
„Die Hauptstadt von Siam.“
„Eltern noch am Leben?“
„Nein, sie sind tot.“
„Hatten sie außer ihm noch weitere Nachkommen?“
„Keine. Er war ein Einzelkind.“
„Sehr gut. Zu diesem Punkt genügt das. Nun beschreiben Sie bitte den Elefanten, und lassen Sie keine Einzelheit aus, mag sie noch so unbedeutend sein. Unbedeutend, meine ich, von Ihrem Standpunkt aus. Für Leute meines Berufs gibt es keine unbedeutenden Einzelheiten. Es gibt sie einfach nicht.“
Ich beschrieb, er schrieb. Als ich fertig war, sagte er:
„Jetzt hören Sie zu. Wenn ich mich irgendwo geirrt habe, verbessern Sie mich.“
Er las Folgendes vor:
„Höhe knapp sechs Meter. Länge vom Scheitel der Stirn bis zum Ansatz des Schwanzes fast acht Meter. Länge des Rüssels beinahe fünf Meter. Länge des Schwanzes knapp zwei Meter. Gesamtlänge mit Rüssel und Schwanz vierzehneinhalb Meter. Länge der Stoßzähne knapp drei Meter. Ohren im Verhältnis zu diesen Maßen. Der Fußabdruck gleicht der Spur, die entsteht, wenn man ein Fass aufrecht in den Schnee stellt. Farbe des Elefanten: ein mattes Weiß. In jedem Ohr ein Loch, so groß wie ein Teller, zum Einhängen von Schmuck. Hat in bemerkenswertem Maß die Gewohnheit, Zuschauer mit Wasser zu bespritzen und mit dem Rüssel nicht nur Personen zu misshandeln, die er kennt, sondern sogar völlig Fremde. Hinkt leicht mit dem rechten Hinterbein und hat unter der linken Achsel eine kleine Narbe von einem früheren Furunkel. Trug zur Zeit des Diebstahls einen Aufbau mit Sitzen für fünfzehn Personen und eine Satteldecke aus Goldbrokat, so groß wie ein gewöhnlicher Teppich.“
Beschreibung, Foto und Belohnung
Es waren keine Fehler darin. Der Inspektor drückte auf die Klingel, reichte Alaric die Beschreibung und sagte:
„Lassen Sie davon sofort fünfzigtausend Exemplare drucken und schicken Sie sie mit der Post an jedes Detektivbüro und jedes Pfandhaus auf dem ganzen Kontinent.“ Alaric ging hinaus. „Na also, so weit, so gut. Als Nächstes brauche ich ein Foto von dem Eigentum.“
Ich gab ihm eines. Er betrachtete es kritisch und sagte:
„Es muss genügen, da wir nichts Besseres haben. Aber er hat den Rüssel eingerollt und ins Maul gesteckt. Das ist bedauerlich und kann leicht irreführen, denn natürlich hält er ihn gewöhnlich nicht so.“ Er drückte auf die Klingel.
„Alaric, lassen Sie gleich morgen früh fünfzigtausend Abzüge von diesem Foto machen und verschicken Sie sie zusammen mit den Steckbriefen.“
Alaric ging, um seine Befehle auszuführen. Der Inspektor sagte:
„Wir müssen natürlich eine Belohnung aussetzen. Wie hoch soll sie sein?“
„Welchen Betrag würden Sie vorschlagen?“
„Für den Anfang würde ich sagen … nun, fünfundzwanzigtausend Dollar. Es ist eine verwickelte und schwierige Sache. Es gibt tausend Fluchtwege und Gelegenheiten, sich zu verstecken. Diese Diebe haben überall Freunde und Kumpane …“
„Du lieber Himmel, wissen Sie denn, wer sie sind?“
Das wachsame Gesicht, geübt darin, Gedanken und Gefühle zu verbergen, verriet mir nichts. Ebenso wenig die Antwort, die ganz ruhig kam:
„Das tut nichts zur Sache. Vielleicht weiß ich es, vielleicht auch nicht. Gewöhnlich bekommen wir aus der Art, wie einer arbeitet, und aus der Größe der Beute, auf die er aus ist, eine recht gute Vorstellung davon, wer unser Mann ist. Diesmal haben wir es nicht mit einem Taschendieb oder einem kleinen Einschleichdieb zu tun, darauf können Sie sich verlassen. Dieses Eigentum hat kein Anfänger mitgehen lassen. Aber wie gesagt: Wenn man bedenkt, wie viel gereist werden muss und wie sorgfältig die Diebe unterwegs ihre Spuren verwischen werden, sind fünfundzwanzigtausend vielleicht zu wenig. Trotzdem halte ich es für richtig, damit anzufangen.“
So legten wir diese Summe für den Anfang fest. Dann sagte dieser Mann, dem nichts entging, was irgendwie als Spur dienen konnte:
„In der Geschichte der Kriminalistik gibt es Fälle, in denen man Verbrecher an den Besonderheiten ihres Appetits erkannt hat. Also, was frisst dieser Elefant, und wie viel?“
„Nun, was er frisst? Er frisst alles. Er frisst einen Menschen, er frisst eine Bibel. Er frisst alles, was zwischen einem Menschen und einer Bibel liegt.“
Was der Elefant alles frisst
„Gut, wirklich sehr gut, aber zu allgemein. Wir brauchen Einzelheiten. Einzelheiten sind das einzig Wertvolle in unserem Geschäft. Nun gut, zu den Menschen. Wie viele Menschen frisst er, wenn sie frisch sind, bei einer Mahlzeit oder, wenn Ihnen das lieber ist, an einem Tag?“
„Ob sie frisch sind oder nicht, wäre ihm gleich. Bei einer einzigen Mahlzeit würde er fünf gewöhnliche Männer fressen.“
„Sehr gut. Fünf Männer, das notieren wir. Welche Nationalitäten würde er bevorzugen?“
„Nationalitäten sind ihm gleichgültig. Er bevorzugt Bekannte, hat aber nichts gegen Fremde.“
„Sehr gut. Nun zu den Bibeln. Wie viele Bibeln würde er bei einer Mahlzeit fressen?“
„Eine ganze Auflage.“
„Das ist nicht genau genug. Meinen Sie die gewöhnliche Bibel im Oktavformat oder die große illustrierte Familienbibel?“
„Ich glaube, Bilder wären ihm gleichgültig. Ich meine, ich glaube, er würde Bilder nicht höher schätzen als einfachen Druck.“
„Nein, Sie verstehen nicht, worauf ich hinauswill. Ich meine den Umfang. Die gewöhnliche Oktavbibel wiegt etwa ein Kilo, die große Quartbibel mit den Bildern dagegen fünf oder sechs Kilo. Wie viele Bibeln mit den Bildern von Doré würde er bei einer Mahlzeit fressen?“
„Wenn Sie diesen Elefanten kennten, würden Sie nicht fragen. Er würde nehmen, was da ist.“
„Dann drücken Sie es eben in Dollar und Cent aus. Irgendwie müssen wir es herausbekommen. Die Doré-Bibel kostet hundert Dollar das Stück, in Juchtenleder, mit abgeschrägten Deckeln.“
„Er bräuchte etwa für fünfzigtausend Dollar davon. Sagen wir, eine Auflage von fünfhundert Stück.“
„Nun, das ist schon genauer. Das schreibe ich auf. Sehr gut. Er mag Menschen und Bibeln. So weit, so gut. Was frisst er noch? Ich will Einzelheiten.“
„Er lässt Bibeln stehen für Ziegelsteine, er lässt Ziegelsteine stehen für Flaschen, er lässt Flaschen stehen für Kleider, er lässt Kleider stehen für Katzen, er lässt Katzen stehen für Austern, er lässt Austern stehen für Schinken, er lässt Schinken stehen für Zucker, er lässt Zucker stehen für Kuchen, er lässt Kuchen stehen für Kartoffeln, er lässt Kartoffeln stehen für Kleie, er lässt Kleie stehen für Heu, er lässt Heu stehen für Hafer, er lässt Hafer stehen für Reis, denn damit ist er hauptsächlich großgezogen worden. Es gibt überhaupt nichts, was er nicht frisst, außer europäischer Butter, und die würde er auch fressen, wenn er sie schmecken könnte.“
„Sehr gut. Gesamtmenge pro Mahlzeit, sagen wir etwa …“
„Nun, irgendetwas zwischen einer Viertel- und einer halben Tonne.“
„Und er trinkt …“
„Alles, was flüssig ist. Milch, Wasser, Whisky, Sirup, Rizinusöl, Lampenöl, Karbolsäure. Es hat keinen Sinn, ins Einzelne zu gehen. Jede Flüssigkeit, die Ihnen einfällt, schreiben Sie auf. Er trinkt alles, was flüssig ist, außer europäischem Kaffee.“
„Sehr gut. Und die Menge?“
„Schreiben Sie fünf bis fünfzehn Fässer. Sein Durst schwankt, sein übriger Appetit nicht.“
„Das alles ist ungewöhnlich. Daraus müssten sich recht gute Spuren ergeben, um ihn zu finden.“
Er drückte auf die Klingel.
Befehle an Captain Burns
„Alaric, rufen Sie Captain Burns.“
Burns erschien. Inspektor Blunt legte ihm die ganze Sache dar, Einzelheit für Einzelheit. Dann sprach er mit der klaren, entschiedenen Stimme eines Mannes, der seine Pläne genau im Kopf hat und gewohnt ist zu befehlen:
„Captain Burns, stellen Sie die Detektive Jones, Davis, Halsey, Bates und Hackett ab, um den Elefanten zu beschatten.“
„Jawohl, Sir.“
„Stellen Sie die Detektive Moses, Dakin, Murphy, Rogers, Tupper, Higgins und Bartholomew ab, um die Diebe zu beschatten.“
„Jawohl, Sir.“
„Stellen Sie eine starke Wache auf, eine Wache von dreißig ausgesuchten Männern und dreißig weiteren zur Ablösung, an dem Ort, von dem der Elefant gestohlen wurde. Sie sollen dort Tag und Nacht streng wachen und ohne schriftliche Vollmacht von mir niemanden heranlassen, außer Reportern.“
„Jawohl, Sir.“
„Postieren Sie Detektive in Zivil an den Bahnhöfen, an den Anlegestellen der Dampfer und Fähren und an allen Straßen, die aus Jersey City hinausführen. Sie sollen alle verdächtigen Personen durchsuchen.“
„Jawohl, Sir.“
„Geben Sie all diesen Männern das Foto und die Beschreibung des Elefanten und weisen Sie sie an, alle Züge, alle ablegenden Fähren und alle anderen Schiffe zu durchsuchen.“
„Jawohl, Sir.“
„Sollte der Elefant gefunden werden, soll man ihn festnehmen und mir telegrafisch Bescheid geben.“
„Jawohl, Sir.“
„Benachrichtigen Sie mich sofort, wenn Spuren gefunden werden. Fußabdrücke des Tieres oder dergleichen.“
„Jawohl, Sir.“
„Besorgen Sie einen Befehl, dass die Hafenpolizei die Ufer wachsam abpatrouilliert.“
„Jawohl, Sir.“
„Schicken Sie Detektive in Zivil auf alle Eisenbahnlinien, nach Norden bis Kanada, nach Westen bis Ohio, nach Süden bis Washington.“
„Jawohl, Sir.“
„Setzen Sie in alle Telegrafenämter Fachleute, die sämtliche Nachrichten mithören. Und sie sollen verlangen, dass man ihnen alle verschlüsselten Depeschen entschlüsselt.“
„Jawohl, Sir.“
„Das alles soll in größter Verschwiegenheit geschehen. Merken Sie sich das: in der undurchdringlichsten Verschwiegenheit.“
„Jawohl, Sir.“
„Erstatten Sie mir pünktlich zur gewohnten Stunde Bericht.“
„Jawohl, Sir.“
„Gehen Sie!“
„Jawohl, Sir.“
Er war fort.
Inspektor Blunt war einen Augenblick still und nachdenklich, während das Feuer in seinem Auge verglomm und erlosch. Dann wandte er sich an mich und sagte mit ruhiger Stimme:
„Ich bin kein Prahler, das ist nicht meine Art. Aber … wir werden den Elefanten finden.“
Ich drückte ihm herzlich die Hand und dankte ihm. Und dieser Dank kam aus tiefstem Herzen. Je mehr ich von dem Mann sah, desto besser gefiel er mir, desto mehr bewunderte ich ihn und desto mehr staunte ich über die geheimnisvollen Wunder seines Berufs. Dann trennten wir uns für die Nacht, und ich ging mit einem viel froheren Herzen nach Hause, als ich es in sein Büro mitgebracht hatte.
Elf Theorien in der Zeitung
Am nächsten Morgen stand alles in den Zeitungen, bis in die kleinste Einzelheit. Es gab sogar Zugaben: die „Theorie“ von Detektiv Soundso, Detektiv Dingsda und noch irgendeinem anderen Detektiv, wie der Diebstahl verübt worden war, wer die Diebe waren und wohin sie mit ihrer Beute geflohen waren. Es gab elf solcher Theorien, und sie deckten alle Möglichkeiten ab. Schon diese eine Tatsache zeigt, was für unabhängige Denker Detektive sind. Keine zwei Theorien glichen sich oder ähnelten einander auch nur. Bis auf einen auffallenden Punkt, in dem alle elf Theorien völlig übereinstimmten. Nämlich: Obwohl die Rückwand meines Gebäudes herausgerissen und die einzige Tür verschlossen geblieben war, hatte man den Elefanten nicht durch das Loch fortgeschafft, sondern durch irgendeinen anderen, noch unentdeckten Ausgang. Alle waren sich einig, dass die Diebe das Loch nur gemacht hatten, um die Detektive in die Irre zu führen. Mir oder sonst einem Laien wäre das vielleicht nie eingefallen, aber die Detektive hatte es keinen Augenblick getäuscht. So war gerade das, woran ich nichts Rätselhaftes gefunden hatte, in Wahrheit die Sache, in der ich mich am meisten geirrt hatte. Alle elf Theorien nannten die mutmaßlichen Diebe, aber keine zwei nannten dieselben. Insgesamt gab es siebenunddreißig Verdächtige. Alle Zeitungsberichte schlossen mit der wichtigsten Meinung von allen, der von Oberinspektor Blunt. Ein Teil dieser Erklärung lautete so:
Der Chef weiß, wer die beiden Haupttäter sind, nämlich Brick Duffy und Red McFadden. Schon zehn Tage vor dem Diebstahl wusste er, dass jemand diesen Diebstahl versuchen würde, und ließ die beiden berüchtigten Schurken unauffällig beschatten. Leider verlor man in der fraglichen Nacht ihre Spur, und bevor man sie wiederfand, war der Vogel ausgeflogen. Das heißt, der Elefant.
Duffy und McFadden sind die dreistesten Gauner im Fach. Der Chef hat Grund zu der Annahme, dass sie es waren, die im vergangenen Winter in einer bitterkalten Nacht den Ofen aus der Zentrale der Kriminalpolizei gestohlen haben. Infolgedessen waren der Chef und alle anwesenden Detektive vor dem Morgen in ärztlicher Behandlung, manche mit erfrorenen Füßen, andere mit erfrorenen Fingern, Ohren und anderen Gliedern.
Als ich die erste Hälfte davon las, staunte ich mehr denn je über den wunderbaren Scharfsinn dieses seltsamen Mannes. Er sah nicht nur alles Gegenwärtige mit klarem Blick, selbst die Zukunft konnte sich nicht vor ihm verbergen. Bald war ich in seinem Büro und sagte, ich wünschte doch, er hätte diese Männer verhaften lassen und so den Ärger und den Verlust verhindert. Doch seine Antwort war schlicht und unwiderlegbar:
„Es ist nicht unsere Aufgabe, Verbrechen zu verhindern, sondern sie zu bestrafen. Und bestrafen können wir sie erst, wenn sie begangen sind.“
Ich bemerkte, dass die Zeitungen die Verschwiegenheit, mit der wir begonnen hatten, zunichtegemacht hätten. Nicht nur alle unsere Tatsachen, sondern auch alle unsere Pläne und Absichten seien enthüllt. Sogar sämtliche Verdächtigen seien genannt worden. Die würden sich jetzt zweifellos verkleiden oder untertauchen.
Ruhm ist das Brot des Detektivs
„Sollen sie nur. Sie werden merken: Wenn ich für sie bereit bin, wird meine Hand in ihren Verstecken auf sie niederfahren, so unfehlbar wie die Hand des Schicksals. Was die Zeitungen angeht, mit denen müssen wir uns gut stellen. Ruhm, Ansehen, ständige öffentliche Erwähnung, das ist das tägliche Brot des Detektivs. Er muss seine Tatsachen veröffentlichen, sonst glaubt man, er habe keine. Er muss seine Theorie veröffentlichen, denn nichts ist so seltsam und auffallend wie die Theorie eines Detektivs, und nichts bringt ihm so viel staunende Achtung ein. Wir müssen unsere Pläne veröffentlichen, denn darauf bestehen die Zeitungen, und wir könnten sie ihnen nicht verweigern, ohne sie zu kränken. Wir müssen der Öffentlichkeit ständig zeigen, was wir tun, sonst glaubt sie, wir täten nichts. Es ist viel angenehmer, wenn eine Zeitung schreibt: ‚Inspektor Blunts geniale und außergewöhnliche Theorie lautet wie folgt‘, als wenn sie etwas Unfreundliches schreibt oder, schlimmer noch, etwas Spöttisches.“
„Ich sehe ein, was Sie meinen. Aber mir ist aufgefallen, dass Sie sich heute Morgen in den Zeitungen an einer Stelle geweigert haben, Ihre Meinung zu einem gewissen Nebenpunkt zu verraten.“
„Ja, das tun wir immer. Es macht einen guten Eindruck. Außerdem hatte ich mir zu diesem Punkt ohnehin keine Meinung gebildet.“
Ich hinterlegte beim Inspektor eine beträchtliche Geldsumme für die laufenden Ausgaben und setzte mich hin, um auf Nachrichten zu warten. Wir rechneten damit, dass jeden Augenblick die ersten Telegramme eintreffen würden. Inzwischen las ich noch einmal die Zeitungen und auch unseren Steckbrief. Dabei fiel mir auf, dass unsere Belohnung von fünfundzwanzigtausend Dollar anscheinend nur für Detektive ausgesetzt war. Ich sagte, meiner Meinung nach sollte sie jedem gelten, der den Elefanten fängt. Der Inspektor sagte:
„Die Detektive werden den Elefanten finden, also kommt die Belohnung an die richtige Stelle. Wenn andere Leute das Tier fänden, dann nur, weil sie die Detektive beobachtet und Spuren und Hinweise genutzt hätten, die sie ihnen gestohlen haben. Und dann stünde die Belohnung am Ende doch den Detektiven zu. Der eigentliche Zweck einer Belohnung ist, die Männer anzuspornen, die dieser Arbeit ihre Zeit und ihren geschulten Scharfsinn widmen. Und nicht, zufälligen Bürgern Wohltaten zu erweisen, die über einen Fang stolpern, ohne ihn durch eigene Leistung und eigene Arbeit verdient zu haben.“
Der Telegraf beginnt zu klicken
Das war gewiss vernünftig genug. Nun begann der Telegrafenapparat in der Ecke zu klicken, und heraus kam folgende Depesche:
Flower Station, Staat New York, sieben Uhr dreißig morgens. Habe eine Spur. Reihe tiefer Abdrücke über eine Farm hier in der Nähe gefunden. Ihnen drei Kilometer nach Osten gefolgt, ohne Ergebnis. Glaube, Elefant ist nach Westen gegangen. Werde ihn jetzt in dieser Richtung beschatten. Darley, Detektiv.
„Darley ist einer der besten Männer der Truppe. Wir werden bald wieder von ihm hören.“
Telegramm Nummer zwei kam:
Barker's, New Jersey, sieben Uhr vierzig morgens. Soeben angekommen. Glasfabrik hier in der Nacht aufgebrochen, achthundert Flaschen gestohlen. Einziges größeres Gewässer in der Nähe ist acht Kilometer entfernt. Breche dorthin auf. Elefant wird Durst haben. Flaschen waren leer. Baker, Detektiv.
„Auch das klingt vielversprechend.“
„Ich habe Ihnen ja gesagt, sein Appetit würde keine schlechte Spur abgeben.“
Telegramm Nummer drei:
Taylorville, Long Island, acht Uhr fünfzehn morgens. Ein Heuschober hier in der Nähe ist in der Nacht verschwunden. Vermutlich gefressen. Habe eine Spur und bin unterwegs. Hubbard, Detektiv.
„Wie der herumkommt! Ich wusste, dass wir eine schwierige Aufgabe vor uns haben, aber wir kriegen ihn noch.“
Flower Station, Staat New York, neun Uhr morgens. Spuren fünf Kilometer nach Westen beschattet. Groß, tief und zerklüftet. Eben einen Farmer getroffen, der sagt, es seien keine Elefantenspuren. Sagt, es seien Löcher, wo er im letzten Winter bei gefrorenem Boden junge Bäume ausgegraben hat, um sie als Schattenbäume zu pflanzen. Erbitte Befehle für das weitere Vorgehen. Darley, Detektiv.
„Aha! Ein Komplize der Diebe! Jetzt wird es heiß.“
Er diktierte folgendes Telegramm an Darley:
Verhaften Sie den Mann und zwingen Sie ihn, seine Kumpane zu nennen. Folgen Sie den Spuren weiter, notfalls bis zum Pazifik. Polizeichef Blunt.
Nächstes Telegramm:
Coney Point, Pennsylvania, acht Uhr fünfundvierzig morgens. Gaswerksbüro hier in der Nacht aufgebrochen, unbezahlte Gasrechnungen von drei Monaten gestohlen. Habe eine Spur und bin schon weg. Murphy, Detektiv.
„Himmel! Würde er etwa Gasrechnungen fressen?“
„Aus Unwissenheit, ja. Aber davon kann er nicht leben. Jedenfalls nicht von denen allein.“
Der Elefant zieht durch die Dörfer
Nun kam dieses aufregende Telegramm:
Ironville, Staat New York, neun Uhr dreißig morgens. Soeben angekommen. Dorf in heller Aufregung. Elefant ist heute früh um fünf hier durchgekommen. Manche sagen, er ging nach Osten, manche nach Westen, manche nach Norden, manche nach Süden. Aber alle sagen, sie haben nicht gewartet, um genauer hinzusehen. Er hat ein Pferd getötet. Habe ein Stück davon als Spur sichergestellt. Mit dem Rüssel getötet. Nach der Art des Schlages glaube ich, er hat mit links zugeschlagen. Nach der Lage des Pferdes glaube ich, der Elefant ist nach Norden gezogen, entlang der Berkley-Eisenbahn. Hat viereinhalb Stunden Vorsprung, aber ich nehme sofort seine Fährte auf. Hawes, Detektiv.
Ich stieß Freudenrufe aus. Der Inspektor blieb ruhig wie eine Statue. Gelassen drückte er auf seine Klingel.
„Alaric, schicken Sie Captain Burns her.“
Burns erschien.
„Wie viele Männer sind sofort einsatzbereit?“
„Sechsundneunzig, Sir.“
„Schicken Sie sie sofort nach Norden. Sie sollen sich entlang der Berkley-Bahn nördlich von Ironville sammeln.“
„Jawohl, Sir.“
„Sie sollen sich in größter Verschwiegenheit bewegen. Sobald weitere Männer frei werden, halten Sie sie einsatzbereit.“
„Jawohl, Sir.“
„Gehen Sie!“
„Jawohl, Sir.“
Bald darauf kam ein weiteres Telegramm:
Sage Corners, Staat New York, zehn Uhr dreißig. Soeben angekommen. Elefant ist um acht Uhr fünfzehn hier durchgekommen. Alle sind aus der Stadt geflohen außer einem Polizisten. Offenbar zielte der Elefant nicht auf den Polizisten, sondern auf den Laternenpfahl. Hat beide erwischt. Habe ein Stück des Polizisten als Spur sichergestellt. Stumm, Detektiv.
„Der Elefant hat sich also nach Westen gewandt. Aber er wird nicht entkommen, denn meine Männer sind über die ganze Gegend verteilt.“
Das nächste Telegramm lautete:
Glover's, elf Uhr fünfzehn. Soeben angekommen. Dorf verlassen, nur Kranke und Alte noch da. Elefant ist vor einer Dreiviertelstunde durchgekommen. Gerade tagte eine große Versammlung der Gegner der Enthaltsamkeit. Er steckte den Rüssel durchs Fenster und spülte den Saal mit Wasser aus der Zisterne aus. Einige haben es geschluckt und sind seither tot. Mehrere ertrunken. Die Detektive Cross und O'Shaughnessy kamen durch die Stadt, fuhren aber nach Süden und haben den Elefanten deshalb verpasst. Die ganze Gegend im Umkreis vieler Kilometer in Schrecken, die Leute fliehen aus ihren Häusern. Wohin sie sich auch wenden, treffen sie auf den Elefanten, und viele werden getötet. Brant, Detektiv.
Diese Verwüstung bedrückte mich so, dass mir die Tränen hätten kommen können. Doch der Inspektor sagte nur:
„Sehen Sie, wir ziehen den Kreis um ihn enger. Er spürt, dass wir da sind. Er hat sich wieder nach Osten gewandt.“
Doch es standen uns noch weitere schlimme Nachrichten bevor. Der Telegraf brachte dies:
Hogansport, zwölf Uhr neunzehn. Soeben angekommen. Elefant ist vor einer halben Stunde durchgekommen und hat wildesten Schrecken und Aufruhr verursacht. Elefant tobte durch die Straßen. Zwei Klempner kamen vorbei, einen hat er getötet, der andere ist entkommen. Allgemeines Bedauern. O'Flaherty, Detektiv.
„Jetzt ist er mitten unter meinen Männern. Nichts kann ihn retten.“
Mister Barnum macht ein Geschäft
Es kam eine ganze Reihe von Telegrammen von Detektiven, die über New Jersey und Pennsylvania verstreut waren. Sie folgten ihren Spuren, nämlich verwüsteten Scheunen, Fabriken und Sonntagsschulbibliotheken, mit großen Hoffnungen, ja mit Hoffnungen, die schon Gewissheit waren. Der Inspektor sagte:
„Ich wünschte, ich könnte mich mit ihnen in Verbindung setzen und sie nach Norden schicken, aber das ist unmöglich. Ein Detektiv geht nur auf ein Telegrafenamt, um seinen Bericht abzuschicken. Dann ist er wieder fort, und man weiß nicht, wo man ihn zu fassen bekommt.“
Dann kam diese Depesche:
Bridgeport, Connecticut, zwölf Uhr fünfzehn. Barnum bietet viertausend Dollar im Jahr für das alleinige Recht, den Elefanten als wandelnde Reklame zu benutzen, von jetzt an, bis die Detektive ihn finden. Will Zirkusplakate auf ihn kleben. Wünscht sofortige Antwort. Boggs, Detektiv.
„Das ist völlig absurd!“ rief ich.
„Natürlich ist es das. Mister Barnum, der sich für so gerissen hält, kennt mich offenbar nicht. Aber ich kenne ihn.“
Dann diktierte er diese Antwort auf die Depesche:
Angebot von Mister Barnum abgelehnt. Siebentausend Dollar oder gar nichts. Polizeichef Blunt.
„So. Auf die Antwort werden wir nicht lange warten müssen. Mister Barnum ist nicht zu Hause, er sitzt im Telegrafenamt. So macht er es immer, wenn er ein Geschäft am Laufen hat. Innerhalb von drei …“
Einverstanden. P. T. Barnum.
So unterbrach ihn der klickende Telegrafenapparat. Bevor ich zu diesem außergewöhnlichen Vorfall etwas sagen konnte, lenkte die folgende Depesche meine Gedanken in eine ganz andere, sehr betrübliche Richtung:
Detektiv Burke und der Elefantenschwanz
Bolivia, Staat New York, zwölf Uhr fünfzig. Elefant ist von Süden hierhergekommen und um elf Uhr fünfzig in Richtung Wald durchgezogen. Unterwegs hat er einen Trauerzug zerstreut und die Zahl der Trauergäste um zwei verringert. Bürger haben ein paar kleine Kanonenkugeln auf ihn abgefeuert und sind dann geflohen. Detektiv Burke und ich kamen zehn Minuten später an, von Norden. Wir hielten aber ein paar ausgehobene Gruben für Fußspuren und verloren so viel Zeit. Schließlich fanden wir aber die richtige Fährte und folgten ihr bis zum Wald. Dann gingen wir auf alle viere, behielten die Spur scharf im Auge und beschatteten sie so bis ins Gestrüpp. Burke war vorn. Leider hatte das Tier angehalten, um sich auszuruhen. Darum stieß Burke, der den Kopf gesenkt hielt und ganz auf die Spur achtete, gegen die Hinterbeine des Elefanten, bevor er merkte, dass dieser in der Nähe war. Burke sprang sofort auf, packte den Schwanz und rief freudig: „Ich beanspruche die Beloh…“ Doch weiter kam er nicht, denn ein einziger Schlag des gewaltigen Rüssels streckte den tapferen Mann, oder besser das, was von ihm übrig war, für immer zu Boden. Ich floh zurück, und der Elefant drehte sich um und beschattete mich mit ungeheurer Geschwindigkeit bis zum Waldrand. Ich wäre unweigerlich verloren gewesen, hätten nicht die Reste des Trauerzugs durch eine glückliche Fügung wieder eingegriffen und seine Aufmerksamkeit abgelenkt. Ich habe soeben erfahren, dass von diesem Trauerzug nichts mehr übrig ist. Aber das ist kein Verlust, denn für einen neuen ist reichlich Stoff vorhanden. Unterdessen ist der Elefant wieder verschwunden. Mulrooney, Detektiv.
Wir hörten keine Nachrichten außer denen der fleißigen und zuversichtlichen Detektive, die über New Jersey, Pennsylvania, Delaware und Virginia verstreut waren und allesamt frischen, ermutigenden Spuren folgten. Erst kurz nach zwei Uhr nachmittags kam dieses Telegramm:
Baxter Center, zwei Uhr fünfzehn. Elefant war hier, über und über mit Zirkusplakaten beklebt. Er hat eine Erweckungsversammlung gesprengt und viele niedergeschlagen und beschädigt, die gerade im Begriff waren, ein besseres Leben zu beginnen. Bürger haben ihn eingepfercht und eine Wache aufgestellt. Als Detektiv Brown und ich etwas später ankamen, betraten wir das Gehege und machten uns daran, den Elefanten anhand von Foto und Beschreibung zu identifizieren. Alle Merkmale stimmten genau überein, bis auf eines, das wir nicht sehen konnten: die Furunkelnarbe unter der Achsel. Um sicherzugehen, kroch Brown unter den Elefanten und sah nach, und der Elefant zerschmetterte ihm mit einem einzigen Schlag den Kopf. Ein Gehirn fand sich in den Trümmern allerdings nicht. Alle flohen, und der Elefant ebenfalls, wobei er nach rechts und links mit großer Wirkung austeilte. Er ist entkommen, hat aber eine deutliche Blutspur von den Kanonenwunden hinterlassen. Wiederauffinden sicher. Er ist nach Süden durch einen dichten Wald ausgebrochen. Brent, Detektiv.
Das war das letzte Telegramm. Bei Einbruch der Nacht senkte sich ein Nebel herab, so dicht, dass man schon in einem knappen Meter Entfernung nichts mehr erkennen konnte. Er hielt die ganze Nacht an. Die Fähren und sogar die Pferdeomnibusse mussten den Betrieb einstellen.
Die Geißel von Siam in den Zeitungen
Am nächsten Morgen waren die Zeitungen so voll von Detektivtheorien wie zuvor. Sie hatten auch alle unsere tragischen Tatsachen in allen Einzelheiten und dazu eine Menge weiterer, die sie von ihren Korrespondenten per Telegraf erhalten hatten. Spalte um Spalte war im oberen Drittel mit grellen Schlagzeilen gefüllt, bei deren Lektüre mir übel wurde. Ihr allgemeiner Ton war etwa so:
Der weiße Elefant auf freiem Fuß! Er zieht seinen verhängnisvollen Weg! Ganze Dörfer von ihren verängstigten Bewohnern verlassen! Bleiches Entsetzen geht vor ihm her, Tod und Verwüstung folgen ihm nach! Und nach diesen die Detektive! Scheunen zerstört, Fabriken ausgeplündert, Ernten verschlungen, öffentliche Versammlungen gesprengt, unter unbeschreiblichen Szenen des Gemetzels! Die Theorien von vierunddreißig der hervorragendsten Detektive der Truppe! Die Theorie von Polizeichef Blunt!
„Da! Das ist großartig! Das ist der größte Glücksfall, den je eine Detektivbehörde erlebt hat. Der Ruhm davon wird bis ans Ende der Welt dringen und bis ans Ende der Zeit dauern, und mein Name mit ihm.“ sagte Inspektor Blunt, der sich diesmal beinahe zur Aufregung hinreißen ließ.
Ich aber konnte mich nicht freuen. Mir war, als hätte ich all diese blutigen Verbrechen selbst begangen und der Elefant wäre nur mein unzurechnungsfähiges Werkzeug. Und wie die Liste gewachsen war! An einem Ort hatte er „in eine Wahl eingegriffen und fünf Mehrfachwähler getötet“. Darauf folgte die Vernichtung zweier armer Kerle namens O'Donohue und McFlannigan. Sie hatten „erst am Tag zuvor Zuflucht in der Heimat der Unterdrückten aller Länder gefunden und übten gerade zum ersten Mal an der Wahlurne das edle Recht amerikanischer Bürger aus, als die unerbittliche Hand der Geißel von Siam sie niederstreckte“. An einem anderen Ort hatte er „einen verrückten Sensationsprediger gefunden, der gerade für die nächste Saison seine heldenhaften Angriffe auf den Tanz, das Theater und andere Dinge vorbereitete, die nicht zurückschlagen können, und war auf ihn getreten“. Und an wieder einem anderen Ort hatte er „einen Blitzableitervertreter getötet“. So ging die Liste weiter, immer blutiger und immer herzzerreißender. Sechzig Menschen waren getötet und zweihundertvierzig verletzt worden. Alle Berichte würdigten gerecht den Eifer und die Hingabe der Detektive. Und alle schlossen mit der Bemerkung, dass „dreihunderttausend Bürger und vier Detektive das furchtbare Geschöpf gesehen haben und es zwei von den Letzteren vernichtet hat“.
Nebel und drei Wochen Warten
Ich fürchtete mich davor, den Telegrafenapparat wieder klicken zu hören. Nach und nach strömten die Nachrichten herein, doch ihr Inhalt enttäuschte mich zum Glück. Bald zeigte sich, dass jede Spur des Elefanten verloren war. Der Nebel hatte es ihm erlaubt, sich unbemerkt ein gutes Versteck zu suchen. Telegramme von lächerlich weit entfernten Orten meldeten, dort sei um die und die Stunde im Nebel eine undeutliche, riesige Masse gesichtet worden, und das sei „zweifellos der Elefant“. Diese undeutliche, riesige Masse war in New Haven gesichtet worden, in New Jersey, in Pennsylvania, im Inneren des Staates New York, in Brooklyn und sogar in der Stadt New York selbst! Doch in allen Fällen war die undeutliche, riesige Masse rasch verschwunden und hatte keine Spur hinterlassen. Jeder Detektiv der großen Truppe, die über dieses riesige Gebiet verstreut war, schickte stündlich seinen Bericht. Und jeder Einzelne von ihnen hatte eine Spur, beschattete etwas und war ihm dicht auf den Fersen.
Doch der Tag verging ohne weiteres Ergebnis.
Der nächste ebenso.
Der übernächste genauso.
Die Zeitungsberichte wurden allmählich eintönig. Tatsachen, die nichts bedeuteten, Spuren, die nirgendwohin führten, und Theorien, die fast alles erschöpft hatten, was überraschen, entzücken und blenden kann.
Auf Anraten des Inspektors verdoppelte ich die Belohnung.
Es folgten vier weitere öde Tage. Dann kam ein bitterer Schlag für die armen, hart arbeitenden Detektive: Die Journalisten weigerten sich, ihre Theorien zu drucken, und sagten kühl: „Verschonen Sie uns.“
Das Auge, das niemals schläft
Zwei Wochen nach dem Verschwinden des Elefanten erhöhte ich auf Rat des Inspektors die Belohnung auf fünfundsiebzigtausend Dollar. Das war eine große Summe, aber ich wollte lieber mein ganzes Privatvermögen opfern, als das Vertrauen meiner Regierung zu verlieren. Jetzt, da die Detektive in Bedrängnis waren, wandten sich die Zeitungen gegen sie und überschütteten sie mit den bissigsten Spötteleien. Das brachte die Varietékomiker auf eine Idee. Sie verkleideten sich als Detektive und jagten den Elefanten auf der Bühne auf die verrückteste Weise. Die Karikaturisten zeichneten Detektive, die mit Fernrohren das Land absuchten, während der Elefant hinter ihrem Rücken Äpfel aus ihren Taschen stahl. Und sie zeichneten alle möglichen lächerlichen Bilder vom Detektivabzeichen. Sie haben dieses Abzeichen sicher schon in Gold auf dem Rücken von Kriminalromanen gesehen: ein weit aufgerissenes Auge mit der Inschrift „Wir schlafen nie“. Wenn Detektive etwas zu trinken bestellten, holte der Wirt, der witzig sein wollte, eine alte Redensart hervor und fragte: „Darf es etwas zum Augenöffnen sein?“ Die ganze Luft war voller Spott.
Doch einer bewegte sich ruhig, unberührt und gelassen durch all das hindurch. Es war dieses Herz aus Eichenholz, der Oberinspektor. Sein tapferes Auge senkte sich nie, seine heitere Zuversicht wankte nie. Er sagte immer:
„Lassen Sie sie nur lästern. Wer zuletzt lacht, lacht am besten.“
Meine Bewunderung für den Mann wuchs zu einer Art Verehrung. Ich war stets an seiner Seite. Sein Büro war mir ein unangenehmer Ort geworden und wurde es von Tag zu Tag mehr. Doch wenn er es aushalten konnte, wollte ich es auch, zumindest solange es ging. So kam ich regelmäßig und blieb, als einziger Außenstehender, der dazu imstande schien. Alle wunderten sich, wie ich das schaffte. Oft schien es mir, ich müsse fliehen. Aber in solchen Momenten blickte ich in dieses ruhige und scheinbar ahnungslose Gesicht und hielt stand.
Ein Handel mit den Dieben
Etwa drei Wochen nach dem Verschwinden des Elefanten wollte ich eines Morgens gerade sagen, ich müsse die Flagge streichen und mich zurückziehen. Da kam mir der große Detektiv zuvor und schlug noch einen glänzenden, meisterhaften Zug vor.
Es ging darum, sich mit den Dieben zu einigen. Der Erfindungsreichtum dieses Mannes übertraf alles, was ich je gesehen habe, und ich bin mit den besten Köpfen der Welt viel umgegangen. Er sagte, er sei sicher, dass er sich für hunderttausend Dollar mit ihnen einigen und den Elefanten zurückbekommen könne. Ich sagte, ich könne die Summe wohl zusammenkratzen. Aber was werde aus den armen Detektiven, die so treu gearbeitet hätten? Er sagte:
„Bei einer Einigung bekommen sie immer die Hälfte.“
Damit war mein einziger Einwand ausgeräumt. Also schrieb der Inspektor zwei Briefe in folgender Form:
Gnädige Frau, Ihr Mann kann eine große Summe Geld verdienen, und zwar völlig sicher vor dem Gesetz, wenn er sofort einen Termin mit mir vereinbart. Polizeichef Blunt.
Den einen schickte er durch seinen Vertrauensboten an die „angebliche Ehefrau“ von Brick Duffy, den anderen an die angebliche Ehefrau von Red McFadden.
Innerhalb einer Stunde kamen diese beleidigenden Antworten:
Du alter Trottel, Brick McDuffy is schon zwei Jahre tot. Bridget Mahoney.
Chef Maulwurf, Red McFadden is gehängt worden und schon achtzehn Monate im Himmel. Das weiß jeder Dummkopf, bloß kein Detektiv. Mary O'Hooligan.
„Diese Tatsachen habe ich schon lange vermutet. Dieses Zeugnis beweist die unfehlbare Treffsicherheit meines Instinkts.“
Kaum versagte ihm ein Mittel, hatte er schon das nächste bereit. Sofort schrieb er eine Anzeige für die Morgenzeitungen, und ich habe mir eine Abschrift davon aufgehoben:
A.--xwblv.242 N. Tjnd--fz328wmlg. Ozpo,--; 2m! ogw. Mum
Er sagte, wenn der Dieb noch lebe, werde ihn das zum üblichen Treffpunkt bringen. Weiter erklärte er, der übliche Treffpunkt sei ein Ort, an dem alle geschäftlichen Angelegenheiten zwischen Detektiven und Verbrechern abgewickelt würden. Das Treffen sollte in der nächsten Nacht um zwölf stattfinden.
Bis dahin konnten wir nichts tun. Ich verließ das Büro, so schnell ich konnte, und war für dieses Vorrecht wahrhaftig dankbar.
Mitternacht im Keller
In der nächsten Nacht um elf brachte ich hunderttausend Dollar in Banknoten und legte sie dem Polizeichef in die Hände. Kurz darauf verabschiedete er sich, mit der alten, tapferen, ungetrübten Zuversicht im Blick. Eine fast unerträgliche Stunde schleppte sich zu Ende. Dann hörte ich seinen willkommenen Schritt, sprang nach Luft schnappend auf und wankte ihm entgegen. Wie seine schönen Augen vor Triumph leuchteten! Er sagte:
„Wir haben uns geeinigt! Die Spötter werden morgen ein anderes Lied singen! Folgen Sie mir!“
Er nahm eine brennende Kerze und schritt hinunter in den riesigen gewölbten Keller, in dem immer sechzig Detektive schliefen und in dem jetzt zwanzig von ihnen Karten spielten, um sich die Zeit zu vertreiben. Ich folgte ihm dicht auf den Fersen. Er ging rasch bis an das düstere, entfernte Ende des Kellers. Und gerade als ich unter Erstickungsqualen zu erliegen drohte und in Ohnmacht sank, stolperte er über die ausgestreckten Glieder eines gewaltigen Gegenstands und fiel hin. Und ich hörte ihn im Fallen ausrufen:
„Unser edler Beruf ist gerechtfertigt. Hier ist Ihr Elefant!“
Man trug mich hinauf ins Büro und brachte mich mit Karbolsäure wieder zu mir. Die ganze Detektivtruppe strömte herein, und es folgte ein Siegesjubel, wie ich ihn nie zuvor erlebt hatte. Die Reporter wurden gerufen, Körbe voll Champagner geöffnet, Trinksprüche ausgebracht. Man schüttelte sich unaufhörlich die Hände und gratulierte begeistert. Natürlich war der Polizeichef der Held der Stunde. Sein Glück war so vollkommen und so geduldig, würdig und tapfer errungen, dass es mich froh machte, es zu sehen. Und das, obwohl ich als heimatloser Bettler dastand. Mein unbezahlbarer Schützling war tot, und meine Stellung im Dienst meines Landes hatte ich verloren, weil ich, wie es immer scheinen würde, einen großen Auftrag verhängnisvoll leichtsinnig ausgeführt hatte. Manch beredtes Auge bezeugte seine tiefe Bewunderung für den Chef, und manche Detektivstimme murmelte: „Seht ihn euch an. Der König unseres Fachs. Gebt ihm nur eine Spur, mehr braucht er nicht, und es gibt nichts so gut Verstecktes, dass er es nicht findet.“ Das Verteilen der fünfzigtausend Dollar bereitete große Freude. Als es vorbei war, hielt der Chef eine kleine Rede, während er seinen Anteil in die Tasche steckte. Darin sagte er: „Genießt es, Jungs, ihr habt es euch verdient. Und mehr noch, ihr habt dem Detektivberuf unsterblichen Ruhm verschafft.“
Unsterblicher Ruhm der Detektive
Es kam ein Telegramm, das lautete:
Monroe, Michigan, zehn Uhr abends. Zum ersten Mal seit über drei Wochen auf ein Telegrafenamt gestoßen. Bin den Fußspuren zu Pferd durch die Wälder gefolgt, sechzehnhundert Kilometer bis hierher, und sie werden jeden Tag deutlicher, größer und frischer. Keine Sorge, innerhalb einer weiteren Woche habe ich den Elefanten. Todsicher. Darley, Detektiv.
Der Chef ließ ein dreifaches Hoch ausbringen auf „Darley, einen der besten Köpfe der Truppe“. Dann befahl er, ihm zu telegrafieren, er solle heimkommen und seinen Anteil an der Belohnung abholen.
So endete diese wunderbare Episode mit dem gestohlenen Elefanten. Am nächsten Tag waren die Zeitungen wieder voll des Lobes, mit einer einzigen verachtenswerten Ausnahme. Dieses Blatt schrieb: „Groß ist der Detektiv! Mag er auch ein wenig langsam sein, wenn es darum geht, eine Kleinigkeit wie einen verlegten Elefanten zu finden. Mag er ihn auch den ganzen Tag suchen und drei Wochen lang jede Nacht neben dessen verwesendem Körper schlafen. Am Ende findet er ihn doch, wenn er nur den Mann, der ihn verlegt hat, dazu bringt, ihm die Stelle zu zeigen!“
Den armen Hassan hatte ich für immer verloren. Die Kanonenkugeln hatten ihn tödlich verwundet. Im Nebel war er an jenen unfreundlichen Ort gekrochen. Dort, umgeben von seinen Feinden und in ständiger Gefahr, entdeckt zu werden, war er vor Hunger und Leiden dahingesiecht, bis der Tod ihm Frieden gab.
Die Einigung kostete mich hunderttausend Dollar. Meine Ausgaben für die Detektive betrugen weitere zweiundvierzigtausend Dollar. Ich habe mich nie wieder um eine Stelle bei meiner Regierung beworben. Ich bin ein ruinierter Mann und ein Wanderer auf Erden. Aber meine Bewunderung für diesen Mann, den ich für den größten Detektiv halte, den die Welt je hervorgebracht hat, ist bis heute ungetrübt und wird es bis ans Ende bleiben.
Über den Text
- The Stolen White Elephant – Mark Twain
Freie deutsche Übersetzung aus dem Original, für das Zuhören bearbeitet (kürzere Sätze, einfachere Namen und Begriffe), automatisch geprüft (eine menschliche Korrektur steht noch aus – schreiben Sie uns gern, wenn Ihnen ein Fehler auffällt). So entstehen unsere Geschichten.




