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Die Schlummerbibliothek

Ein Feuer machen

Jack London · 60 Min.

Band 10 · Zum Zuhören · Amerika

Der amerikanische Schriftsteller Jack London verbrachte den Winter achtzehnhundertsiebenundneunzig auf achtzehnhundertachtundneunzig am Klondike, zur Zeit des Goldrauschs am Yukon. Diese Erzählung erschien neunzehnhundertacht in einer amerikanischen Zeitschrift. Ein Mann, der seinen ersten Winter im hohen Norden erlebt, macht sich mit seinem Hund auf den Weg. Über einen zugefrorenen Bach will er zu seinen Kameraden ins Lager. Die Kälte ist schärfer, als er wahrhaben will: Das Thermometer fällt auf fast sechzig Grad unter null.

Kapitel

  1. Einleitung
  2. Ein Feuer machen
  3. Ein Neuling ohne Vorstellungskraft
  4. Der Hund, der die Kälte kannte
  5. Durch das Bett des Henderson Creek
  6. Verborgene Fallen unter dem Schnee
  7. Mittag an der Gabelung
  8. Weiter am linken Arm entlang
  9. Ein Feuer mit nassen Füßen
  10. Der Rat des Alten vom Sulphur Creek
  11. Noch einmal ein Feuer machen
  12. Steife Finger und ein Bündel Streichhölzer
  13. Alle Streichhölzer auf einmal
  14. Ein wilder Gedanke beim Anblick des Hundes
  15. Flucht durch das Bachbett
  16. Der Hund dicht auf den Fersen
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Ein Feuer machen

Der Tag war kalt und grau angebrochen, überaus kalt und grau, als der Mann vom großen Weg am Yukon abbog und die hohe Erdböschung hinaufkletterte. Von dort führte ein undeutlicher, kaum begangener Pfad nach Osten durch dichten Fichtenwald. Die Böschung war steil, und oben blieb er stehen, um Atem zu schöpfen. Vor sich selbst entschuldigte er die Pause damit, dass er auf die Uhr sah. Es war neun Uhr. Keine Sonne war zu sehen, nicht einmal eine Ahnung von Sonne, obwohl keine einzige Wolke am Himmel stand. Es war ein klarer Tag, und doch schien über allem ein unfassbarer Schleier zu liegen. Eine feine Düsternis verdunkelte den Tag, und das kam daher, dass die Sonne fehlte. Den Mann beunruhigte das nicht. Er war an das Fehlen der Sonne gewöhnt. Seit Tagen hatte er die Sonne nicht gesehen. Er wusste, dass noch ein paar Tage vergehen mussten, bis das freundliche Gestirn genau im Süden eben über den Horizont lugen und sofort wieder verschwinden würde.

Der Mann warf einen Blick zurück auf den Weg, den er gekommen war. Der Yukon war hier anderthalb Kilometer breit und lag unter fast einem Meter Eis verborgen. Auf diesem Eis lag eine ebenso dicke Schicht Schnee. Alles war reines Weiß und wellte sich sanft dort, wo sich beim Zufrieren das Eis gestaut hatte. Nach Norden und nach Süden, so weit das Auge reichte, war alles ununterbrochen weiß. Nur eine dunkle, haarfeine Linie wand und schlängelte sich von der fichtenbewachsenen Insel im Süden heran. Sie wand und schlängelte sich weiter nach Norden, wo sie hinter einer anderen fichtenbewachsenen Insel verschwand. Diese dunkle, haarfeine Linie war der Weg, der große Hauptweg. Nach Süden führte er achthundert Kilometer weit zum Chilcoot-Pass, nach Dyea und ans Meer. Nach Norden führte er hundertzehn Kilometer bis Dawson und noch weiter nach Norden sechzehnhundert Kilometer bis Nulato. Und schließlich führte er bis Saint Michael am Beringmeer, fast zweitausendfünfhundert Kilometer weit.

Ein Neuling ohne Vorstellungskraft

Der geheimnisvolle, haarfeine Weg, der sich bis in die Ferne zog. Die Sonne, die am Himmel fehlte. Die ungeheure Kälte, und das Fremde und Unheimliche an alledem. Doch nichts davon machte auf den Mann Eindruck. Das lag nicht daran, dass er lange daran gewöhnt war. Er war neu im Land, ein Neuling, ein Cheechako, und dies war sein erster Winter. Sein Unglück war, dass er keine Vorstellungskraft besaß. In den Dingen des Lebens war er schnell und wach, aber nur in den Dingen selbst, nicht in ihrer Bedeutung. Fünfundvierzig Grad unter null, das war klirrender Frost. Für ihn bedeutete das Kälte und Unbehagen, mehr nicht. Sie brachte ihn nicht dazu, über seine Zerbrechlichkeit als Geschöpf nachzudenken, das von der Temperatur abhängt. Auch nicht über die Zerbrechlichkeit des Menschen überhaupt, der nur in bestimmten engen Grenzen von Wärme und Kälte leben kann. Und von dort führte sie ihn nicht weiter zu Mutmaßungen über die Unsterblichkeit und den Platz des Menschen im Weltall. Fünfundvierzig unter null bedeutete für ihn beißenden Frost, der wehtat. Davor musste man sich mit Fäustlingen, Ohrenklappen, warmen Mokassins und dicken Socken schützen. Fünfundvierzig Grad unter null waren für ihn genau das und nichts anderes: fünfundvierzig Grad unter null. Dass mehr dahinterstecken könnte, dieser Gedanke kam ihm nie in den Sinn.

Als er sich zum Weitergehen wandte, spuckte er probehalber aus. Es knisterte scharf und laut, und er erschrak. Er spuckte noch einmal. Und wieder knisterte die Spucke in der Luft, noch ehe sie in den Schnee fallen konnte. Er wusste, dass Spucke bei fünfundvierzig unter null auf dem Schnee knistert. Aber diese hier hatte schon in der Luft geknistert. Zweifellos war es kälter als fünfundvierzig unter null. Wie viel kälter, wusste er nicht. Aber auf die Temperatur kam es nicht an. Er war unterwegs zur alten Schürfstelle am linken Arm des Henderson Creek, wo die Jungs schon waren. Sie waren aus der Gegend am Indian Creek über die Wasserscheide gekommen. Er dagegen hatte einen Umweg gemacht. Er wollte sehen, ob man im Frühjahr Baumstämme von den Inseln im Yukon holen könnte. Um sechs Uhr würde er im Lager sein. Etwas nach Einbruch der Dunkelheit, zugegeben, aber die Jungs würden da sein, ein Feuer würde brennen, und ein heißes Abendessen würde bereitstehen. Und was das Mittagessen betraf – er drückte die Hand auf das Bündel, das sich unter seiner Jacke wölbte. Es lag nicht nur unter der Jacke, sondern auch unter dem Hemd, in ein Taschentuch gewickelt, direkt auf der nackten Haut. Nur so konnte man verhindern, dass die Brötchen gefroren. Zufrieden lächelte er vor sich hin, als er an diese Brötchen dachte. Jedes war aufgeschnitten und in Speckfett getränkt, und in jedem steckte eine großzügige Scheibe gebratener Speck.

Er tauchte zwischen die großen Fichten ein. Der Pfad war kaum zu erkennen. Seit der letzte Schlitten hier vorbeigekommen war, waren gut dreißig Zentimeter Schnee gefallen. Er war froh, dass er keinen Schlitten hatte und mit leichtem Gepäck unterwegs war. Eigentlich trug er nichts bei sich als das Mittagessen im Taschentuch. Die Kälte überraschte ihn allerdings. Es war wirklich kalt, stellte er fest, während er sich mit dem Fäustling die taube Nase und die Wangenknochen rieb. Er hatte einen dichten, warmen Bart. Doch die Haare im Gesicht schützten weder die hohen Wangenknochen noch die vorwitzige Nase, die sich angriffslustig in die frostige Luft reckte.

Der Hund, der die Kälte kannte

Dem Mann auf den Fersen trottete ein Hund, ein großer einheimischer Husky, ein echter Wolfshund mit grauem Fell. Weder im Aussehen noch im Wesen unterschied er sich von seinem Bruder, dem wilden Wolf. Die ungeheure Kälte bedrückte das Tier. Es wusste, dass dies keine Zeit zum Reisen war. Sein Instinkt verriet ihm mehr von der Wahrheit als dem Mann sein Verstand. In Wirklichkeit war es nicht bloß kälter als fünfundvierzig unter null. Es war kälter als fünfzig, kälter als fünfundfünfzig unter null. Es waren fast sechzig Grad unter null, fast sechzig Grad Frost. Der Hund wusste nichts von Thermometern. Vielleicht gab es in seinem Kopf kein scharfes Bewusstsein großer Kälte, wie der Mann es hatte. Aber das Tier hatte seinen Instinkt. Es spürte eine unbestimmte, aber bedrohliche Angst. Sie schüchterte es ein und ließ es dem Mann dicht auf den Fersen schleichen. Begierig prüfte es jede ungewohnte Bewegung des Mannes, als erwarte es, dass er ein Lager aufschlug oder irgendwo Schutz suchte und ein Feuer machte. Der Hund kannte das Feuer, und er wollte Feuer. Oder er wollte sich unter den Schnee wühlen und sich zusammenrollen, damit seine Wärme nicht an die Luft entwich.

Die gefrorene Feuchtigkeit seines Atems hatte sich als feiner Reifstaub auf sein Fell gelegt. Besonders Lefzen, Schnauze und Wimpern waren von seinem kristallisierten Atem weiß. Auch der rote Bart und der Schnurrbart des Mannes waren bereift, doch dort saß der Reif fester. Er war zu Eis geworden und wuchs mit jedem warmen, feuchten Atemzug. Außerdem kaute der Mann Tabak. Der Maulkorb aus Eis hielt seine Lippen so starr, dass er sich das Kinn nicht sauber halten konnte, wenn er den Saft ausspuckte. So wuchs ihm am Kinn ein Kristallbart von der Farbe und Härte von Bernstein. Wäre er hingefallen, wäre der Bart wie Glas in spröde Splitter zersprungen. Aber das Anhängsel störte ihn nicht. Das war der Preis, den in diesem Land alle Tabakkauer zahlten. Und er war schon bei zwei Kälteeinbrüchen draußen gewesen. Sie waren nicht so kalt gewesen wie dieser, das wusste er. Aber vom Alkoholthermometer in Sixty Mile wusste er, dass man damals fünfundvierzig und achtundvierzig Grad unter null gemessen hatte.

Durch das Bett des Henderson Creek

Mehrere Kilometer weit ging er stetig durch den ebenen Wald. Dann überquerte er eine weite Fläche voller Grashöcker und stieg eine Böschung hinab auf das gefrorene Bett eines kleinen Bachs. Das war der Henderson Creek, und er wusste, dass er fünfzehn Kilometer von der Gabelung entfernt war. Er sah auf die Uhr. Es war zehn. Er schaffte sechs Kilometer in der Stunde und rechnete aus, dass er um halb eins an der Gabelung sein würde. Er beschloss, dieses Ereignis zu feiern, indem er dort zu Mittag aß.

Der Hund reihte sich wieder hinter ihm ein und ließ entmutigt den Schwanz hängen, während der Mann mit langen Schritten das Bachbett entlangging. Die Furche der alten Schlittenspur war deutlich zu sehen. Doch gut dreißig Zentimeter Schnee bedeckten die Abdrücke der letzten Kufen. Seit einem Monat war niemand diesen stillen Bach hinauf- oder hinuntergekommen. Der Mann ging stetig weiter. Er dachte nicht viel nach, und gerade jetzt hatte er an nichts zu denken. Nur daran, dass er an der Gabelung zu Mittag essen und um sechs Uhr bei den Jungs im Lager sein würde. Es war niemand da, mit dem er hätte reden können. Und selbst wenn, wäre Sprechen unmöglich gewesen, wegen des Maulkorbs aus Eis vor seinem Mund. So kaute er eintönig weiter Tabak und verlängerte seinen Bernsteinbart.

Ab und zu kehrte der Gedanke wieder, dass es sehr kalt war und dass er eine solche Kälte noch nie erlebt hatte. Im Gehen rieb er sich mit dem Rücken des Fäustlings Wangenknochen und Nase. Er tat das ganz von selbst und wechselte hin und wieder die Hand. Doch so sehr er auch rieb, sobald er aufhörte, wurden die Wangenknochen taub. Und im nächsten Augenblick wurde die Nasenspitze taub. Er würde sich bestimmt die Wangen erfrieren. Das wusste er, und er bedauerte, dass er sich keinen Nasenriemen gemacht hatte, wie ihn Bud bei strenger Kälte trug. So ein Riemen lief auch über die Wangen und schützte sie. Aber im Grunde war es nicht so wichtig. Was waren schon erfrorene Wangen? Ein bisschen schmerzhaft, das war alles. Ernst war es nie.

Verborgene Fallen unter dem Schnee

So leer sein Kopf auch von Gedanken war, so scharf beobachtete er. Er bemerkte, wie sich der Bach veränderte, die Kurven und Biegungen und die Stauungen aus Treibholz. Und immer achtete er genau darauf, wohin er die Füße setzte. Einmal, als er um eine Biegung kam, scheute er plötzlich wie ein erschrockenes Pferd. Er wich in einem Bogen von der Stelle zurück, die er eben betreten hatte, und trat ein paar Schritte auf dem Pfad zurück. Er wusste, dass der Bach bis auf den Grund gefroren war. Kein Bach konnte in diesem arktischen Winter Wasser führen. Aber er wusste auch, dass es Quellen gab, die aus den Hängen sprudelten und unter dem Schnee auf dem Eis des Bachs entlangliefen. Er wusste, dass selbst die strengste Kälte diese Quellen nie zufrieren ließ, und er kannte auch ihre Gefahr. Sie waren Fallen. Sie verbargen unter dem Schnee Wasserlachen, die eine Handbreit tief sein konnten oder fast einen Meter. Manchmal bedeckte sie eine Eishaut, kaum mehr als einen Zentimeter dick, und darauf lag wiederum Schnee. Manchmal wechselten sich Schichten von Wasser und Eishaut ab. Wer dann einbrach, brach noch eine Weile immer weiter ein und wurde manchmal bis zur Hüfte nass.

Deshalb hatte er in solcher Panik gescheut. Er hatte gespürt, wie es unter seinen Füßen nachgab, und das Knistern einer Eishaut unter dem Schnee gehört. Und bei solcher Kälte nasse Füße zu bekommen, das bedeutete Ärger und Gefahr. Zumindest bedeutete es eine Verzögerung. Er hätte anhalten und ein Feuer machen müssen. In seinem Schutz hätte er die Füße entblößen müssen, während er Socken und Mokassins trocknete. Er blieb stehen, musterte das Bachbett und seine Ufer und kam zu dem Schluss, dass das Wasser von rechts kam. Eine Weile überlegte er und rieb sich Nase und Wangen. Dann umging er die Stelle links, trat vorsichtig auf und prüfte bei jedem Schritt den Boden. Als er aus der Gefahr heraus war, nahm er ein frisches Stück Kautabak und schritt in seinem Tempo von sechs Kilometern in der Stunde weiter.

Im Lauf der nächsten zwei Stunden stieß er auf mehrere solcher Fallen. Meist sah der Schnee über den verborgenen Lachen eingesunken und wie verzuckert aus, und das verriet die Gefahr. Einmal jedoch entging er ihr nur knapp. Und einmal, als er Gefahr witterte, zwang er den Hund vorauszugehen. Der Hund wollte nicht. Er blieb zurück, bis der Mann ihn vorwärtsstieß, und lief dann rasch über die weiße, unberührte Fläche. Plötzlich brach er ein, zappelte zur Seite und rettete sich auf festeren Boden. Er hatte sich die Vorderpfoten und Beine nass gemacht, und fast sofort wurde das Wasser, das an ihm haftete, zu Eis. Rasch versuchte er, sich das Eis von den Beinen zu lecken. Dann legte er sich in den Schnee und begann, das Eis herauszubeißen, das sich zwischen den Zehen gebildet hatte. Das war eine Sache des Instinkts. Ließe er das Eis dort, würden ihm die Pfoten wund werden. Das wusste er nicht. Er gehorchte nur dem geheimnisvollen Drang, der aus den tiefsten Tiefen seines Wesens aufstieg. Aber der Mann wusste es, denn er hatte sich darüber ein Urteil gebildet. Er zog den Fäustling von der rechten Hand und half, die Eisstückchen herauszureißen. Er ließ die Finger nicht länger als eine Minute bloß und staunte, wie schnell sie taub wurden. Es war wirklich kalt. Hastig zog er den Fäustling wieder an und schlug die Hand heftig gegen die Brust.

Mittag an der Gabelung

Um zwölf Uhr war der Tag am hellsten. Doch die Sonne stand auf ihrer Winterreise zu weit im Süden, um über den Horizont zu steigen. Die Wölbung der Erde lag zwischen ihr und dem Henderson Creek. Dort ging der Mann mittags unter klarem Himmel und warf keinen Schatten. Um halb eins, auf die Minute, erreichte er die Gabelung des Bachs. Er freute sich über sein Tempo. Wenn er es beibehielt, wäre er bestimmt um sechs bei den Jungs. Er knöpfte Jacke und Hemd auf und holte sein Mittagessen hervor. Das dauerte nicht länger als eine Viertelminute. Und doch packte in diesem kurzen Augenblick die Taubheit die entblößten Finger. Er zog den Fäustling nicht an, sondern schlug die Finger ein Dutzend Mal kräftig gegen sein Bein. Dann setzte er sich auf einen verschneiten Baumstamm, um zu essen. Das Brennen nach den Schlägen hörte so schnell auf, dass er erschrak. Er hatte noch nicht einmal in ein Brötchen beißen können. Wieder und wieder schlug er die Finger gegen das Bein, steckte sie zurück in den Fäustling und entblößte zum Essen die andere Hand. Er versuchte, einen Bissen zu nehmen, aber der Maulkorb aus Eis hinderte ihn. Er hatte vergessen, ein Feuer zu machen und das Eis aufzutauen. Er lachte leise über seine Dummheit. Und während er lachte, merkte er, wie die Taubheit in die bloßen Finger kroch. Er merkte auch, dass das Brennen in den Zehen, das beim Hinsetzen gekommen war, schon wieder verging. Er fragte sich, ob die Zehen warm oder taub waren. Er bewegte sie in den Mokassins und kam zu dem Schluss, dass sie taub waren.

Hastig zog er den Fäustling an und stand auf. Er war ein wenig erschrocken. Er stampfte auf und ab, bis das Brennen in die Füße zurückkehrte. Es war wirklich kalt, dachte er. Der Mann vom Sulphur Creek hatte die Wahrheit gesagt, als er erzählte, wie kalt es manchmal in diesem Land wurde. Und er hatte ihn damals ausgelacht! Das zeigte, dass man sich seiner Sache nicht zu sicher sein durfte. Kein Zweifel, es war kalt. Er schritt auf und ab, stampfte mit den Füßen und schlug mit den Armen, bis die zurückkehrende Wärme ihn beruhigte. Dann holte er Streichhölzer hervor und machte sich daran, ein Feuer anzuzünden. Im Unterholz hatte das Hochwasser des vorigen Frühjahrs einen Vorrat trockener Zweige angeschwemmt, und dort holte er sein Brennholz. Er arbeitete vorsichtig und fing klein an, und bald hatte er ein prasselndes Feuer. Darüber taute er das Eis von seinem Gesicht, und in seinem Schutz aß er seine Brötchen. Für den Augenblick war die Kälte des Weltraums überlistet. Der Hund genoss das Feuer. Er streckte sich nahe genug aus, um sich zu wärmen, und weit genug weg, um sich nicht das Fell zu versengen.

Weiter am linken Arm entlang

Als der Mann fertig war, stopfte er seine Pfeife und rauchte in aller Ruhe. Dann zog er die Fäustlinge an, rückte die Ohrenklappen seiner Mütze fest über die Ohren und nahm den Weg am Bach entlang, den linken Arm hinauf. Der Hund war enttäuscht und sehnte sich zum Feuer zurück. Dieser Mann kannte die Kälte nicht. Vielleicht hatten alle Generationen seiner Vorfahren die Kälte nicht gekannt, die wirkliche Kälte, eine Kälte von fast sechzig Grad unter null. Aber der Hund kannte sie. Alle seine Vorfahren hatten sie gekannt, und er hatte dieses Wissen geerbt. Und er wusste, dass es nicht gut war, bei so fürchterlicher Kälte draußen herumzulaufen. Jetzt war die Zeit, geborgen in einem Loch im Schnee zu liegen. Man musste warten, bis sich ein Vorhang aus Wolken vor das Gesicht des Weltraums schob, aus dem diese Kälte kam. Andererseits gab es zwischen dem Hund und dem Mann keine echte Vertrautheit. Der Hund war der Arbeitssklave des Mannes. Die einzigen Liebkosungen, die er je bekommen hatte, waren die der Peitsche und die rauen, drohenden Kehllaute, die die Peitsche ankündigten. Deshalb gab sich der Hund keine Mühe, dem Mann seine Angst mitzuteilen. Das Wohl des Mannes kümmerte ihn nicht. Um seiner selbst willen sehnte er sich zum Feuer zurück. Aber der Mann pfiff und sprach mit ihm in einem Ton wie ein Peitschenknall. Da reihte sich der Hund hinter ihm ein und folgte ihm.

Der Mann nahm ein Stück Kautabak und begann einen neuen Bernsteinbart. Sein feuchter Atem puderte ihm auch rasch Schnurrbart, Augenbrauen und Wimpern weiß. Am linken Arm des Henderson Creek schien es nicht so viele Quellen zu geben. Eine halbe Stunde lang sah der Mann keine Spur davon. Und dann geschah es. An einer Stelle, wo nichts darauf hindeutete, wo der weiche, unberührte Schnee festen Boden darunter zu versprechen schien, brach der Mann ein. Es war nicht tief. Er wurde bis zur Mitte der Waden nass, ehe er sich auf die feste Kruste herausarbeitete.

Er war wütend und verfluchte laut sein Pech. Er hatte gehofft, um sechs bei den Jungs im Lager zu sein, und dieses Missgeschick würde ihn eine Stunde kosten. Denn er musste ein Feuer machen und sein Schuhwerk trocknen. Bei dieser tiefen Temperatur war das unumgänglich, so viel wusste er. Er wandte sich zum Ufer und kletterte hinauf. Oben lag trockenes Holz, das das Hochwasser im Unterholz um die Stämme einiger kleiner Fichten abgelagert hatte. Es waren vor allem Stöcke und Zweige, aber auch größere Stücke trockener Äste und feines, dürres Gras vom Vorjahr. Er warf mehrere große Stücke auf den Schnee. Das diente als Unterlage und verhinderte, dass die junge Flamme in dem Schnee ertrank, den sie sonst geschmolzen hätte. Die Flamme bekam er, indem er ein Streichholz an ein kleines Stück Birkenrinde hielt, das er aus der Tasche nahm. Die Rinde brannte noch leichter als Papier. Er legte sie auf die Unterlage und nährte die junge Flamme mit Büscheln trockenen Grases und mit den winzigsten trockenen Zweigen.

Ein Feuer mit nassen Füßen

Er arbeitete langsam und sorgfältig, sich der Gefahr scharf bewusst. Nach und nach, als die Flamme stärker wurde, legte er größere Zweige nach. Er hockte im Schnee, zog die Zweige aus dem Gestrüpp, in dem sie sich verfangen hatten, und legte sie direkt in die Flamme. Er wusste, dass er nicht versagen durfte. Bei fast sechzig unter null darf ein Mann beim ersten Versuch, ein Feuer zu machen, nicht versagen. Jedenfalls dann nicht, wenn er nasse Füße hat. Sind seine Füße trocken und versagt er, kann er fast einen Kilometer den Weg entlanglaufen und so seinen Kreislauf wieder in Gang bringen. Aber den Kreislauf in nassen, frierenden Füßen bringt man bei fast sechzig unter null durch Laufen nicht in Gang. Wie schnell er auch läuft, die nassen Füße frieren nur umso härter.

All das wusste der Mann. Der Alte vom Sulphur Creek hatte es ihm im vergangenen Herbst erzählt, und jetzt wusste er den Rat zu schätzen. Aus seinen Füßen war schon jedes Gefühl gewichen. Um das Feuer zu machen, hatte er die Fäustlinge ausziehen müssen, und die Finger waren schnell taub geworden. Bei seinem Tempo von sechs Kilometern in der Stunde hatte sein Herz das Blut bis an die Oberfläche des Körpers und in alle Glieder gepumpt. Doch sobald er stehen blieb, ließ die Pumpe nach. Die Kälte des Weltraums traf die ungeschützte Spitze des Planeten. Und weil er auf dieser ungeschützten Spitze stand, bekam er die volle Wucht des Schlags ab. Das Blut in seinem Körper wich davor zurück. Das Blut war lebendig, wie der Hund, und wie der Hund wollte es sich verstecken und vor der fürchterlichen Kälte verkriechen. Solange er sechs Kilometer in der Stunde ging, pumpte er dieses Blut, ob es wollte oder nicht, an die Oberfläche. Jetzt aber ebbte es ab und sank in die Tiefen seines Körpers. Die Glieder spürten sein Fehlen als Erste. Seine nassen Füße froren umso schneller. Und seine bloßen Finger wurden umso schneller taub, obwohl sie noch nicht zu frieren begonnen hatten. Nase und Wangen froren schon, und die Haut am ganzen Körper kühlte aus, während sie ihr Blut verlor.

Der Rat des Alten vom Sulphur Creek

Aber er war in Sicherheit. Zehen, Nase und Wangen würde der Frost nur streifen, denn das Feuer begann kräftig zu brennen. Er nährte es mit fingerdicken Zweigen. In einer weiteren Minute würde er Äste so dick wie sein Handgelenk nachlegen können. Dann konnte er das nasse Schuhwerk ausziehen. Und während es trocknete, konnte er seine nackten Füße am Feuer warm halten, nachdem er sie natürlich zuerst mit Schnee abgerieben hatte. Das Feuer war ein Erfolg. Er war in Sicherheit. Er dachte an den Rat des Alten vom Sulphur Creek und lächelte. Der Alte hatte sehr ernst die Regel verkündet, dass am Klondike niemand allein reisen dürfe, wenn es kälter als fünfundvierzig unter null sei. Nun, da war er also. Er hatte den Unfall gehabt, er war allein, und er hatte sich selbst gerettet. Manche dieser alten Hasen waren ziemlich zimperlich, dachte er. Man durfte nur nicht den Kopf verlieren, dann war alles in Ordnung. Jeder, der ein richtiger Mann war, konnte allein reisen. Aber es war erstaunlich, wie schnell ihm Wangen und Nase froren. Und er hätte nicht gedacht, dass seine Finger in so kurzer Zeit leblos werden könnten. Leblos waren sie, denn er konnte sie kaum noch zusammenbringen, um einen Zweig zu greifen. Sie schienen weit weg von seinem Körper und von ihm selbst zu sein. Wenn er einen Zweig berührte, musste er hinsehen, ob er ihn hielt oder nicht. Es war, als wären die Drähte zwischen ihm und seinen Fingerspitzen fast alle gerissen.

All das zählte wenig. Da war das Feuer, es knisterte und prasselte und versprach mit jeder tanzenden Flamme Leben. Er begann, seine Mokassins aufzuschnüren. Sie waren mit Eis überzogen. Die dicken Filzsocken waren bis zur Mitte der Waden wie eiserne Hülsen. Und die Riemen der Mokassins waren wie Stahlstangen, ganz verdreht und verknotet, wie von einem Brand. Einen Augenblick zerrte er mit den tauben Fingern daran. Dann erkannte er, wie sinnlos das war, und zog sein Messer aus der Scheide.

Aber bevor er die Riemen durchschneiden konnte, geschah es. Es war seine eigene Schuld, oder vielmehr sein Fehler. Er hätte das Feuer nicht unter der Fichte machen dürfen. Er hätte es im Freien machen sollen. Aber es war leichter gewesen, die Zweige aus dem Gestrüpp zu ziehen und direkt ins Feuer fallen zu lassen. Nun trug der Baum, unter dem er das getan hatte, eine Last von Schnee auf seinen Ästen. Seit Wochen hatte kein Wind geweht, und jeder Ast war voll beladen. Jedes Mal, wenn er einen Zweig herausgezogen hatte, hatte er den Baum leicht erschüttert. Er selbst spürte davon nichts, aber es genügte, um das Unglück herbeizuführen. Hoch oben im Baum kippte ein Ast seine Last Schnee ab. Sie fiel auf die Äste darunter, und auch die kippten. So ging es weiter, es breitete sich aus und erfasste den ganzen Baum. Es wuchs an wie eine Lawine und stürzte ohne Warnung auf den Mann und das Feuer herab, und das Feuer war ausgelöscht! Wo es gebrannt hatte, lag eine Decke aus frischem, aufgewühltem Schnee.

Noch einmal ein Feuer machen

Der Mann war erschüttert. Es war, als hätte er eben sein eigenes Todesurteil gehört. Einen Augenblick saß er da und starrte auf die Stelle, wo das Feuer gewesen war. Dann wurde er ganz ruhig. Vielleicht hatte der Alte vom Sulphur Creek recht gehabt. Hätte er nur einen Weggefährten gehabt, wäre er jetzt nicht in Gefahr. Der Gefährte hätte das Feuer machen können. Jetzt lag es an ihm, das Feuer noch einmal zu machen, und diesmal durfte er nicht versagen. Selbst wenn es gelang, würde er höchstwahrscheinlich ein paar Zehen verlieren. Seine Füße mussten inzwischen schlimm erfroren sein, und es würde eine Weile dauern, bis das zweite Feuer brannte.

So waren seine Gedanken, aber er saß nicht da und grübelte. Die ganze Zeit, während sie ihm durch den Kopf gingen, war er beschäftigt. Er machte eine neue Unterlage für ein Feuer, diesmal im Freien, wo kein tückischer Baum es auslöschen konnte. Dann sammelte er aus dem Treibgut des Hochwassers trockenes Gras und winzige Zweige. Er konnte die Finger nicht zusammenbringen, um Gras und Zweige herauszuziehen, aber er konnte sie mit vollen Händen aufraffen. Auf diese Weise bekam er viele morsche Zweige und Stücke von grünem Moos mit, die nichts taugten, aber besser ging es nicht. Er arbeitete planvoll und sammelte sogar einen Armvoll größerer Äste, die er später nachlegen wollte, wenn das Feuer stärker wurde. Und die ganze Zeit saß der Hund da und sah ihm zu, mit einer gewissen sehnsüchtigen Wehmut in den Augen. Denn er sah in ihm den, der das Feuer bringt, und das Feuer ließ auf sich warten.

Als alles bereit war, griff der Mann in die Tasche nach einem zweiten Stück Birkenrinde. Er wusste, dass die Rinde da war. Er konnte sie mit den Fingern zwar nicht fühlen, aber er hörte sie trocken rascheln, als er danach tastete. So sehr er sich auch mühte, er bekam sie nicht zu fassen. Und die ganze Zeit war ihm bewusst, dass seine Füße mit jedem Augenblick weiter froren. Dieser Gedanke drohte ihn in Panik zu versetzen, aber er kämpfte dagegen an und blieb ruhig. Mit den Zähnen zog er die Fäustlinge an und schlug die Arme hin und her. Mit aller Kraft schlug er die Hände gegen die Seiten. Er tat das im Sitzen, und dann stand er auf und tat es im Stehen. Und die ganze Zeit saß der Hund im Schnee und beobachtete den Mann. Die buschige Wolfsrute lag warm um seine Vorderpfoten, die spitzen Wolfsohren waren gespannt nach vorn gerichtet. Und während der Mann mit Armen und Händen schlug, sah er das Tier an, das in seinem natürlichen Pelz warm und geborgen saß. Und eine mächtige Welle von Neid stieg in ihm auf.

Steife Finger und ein Bündel Streichhölzer

Nach einer Weile spürte er die ersten fernen Zeichen von Gefühl in den geschlagenen Fingern. Das schwache Kribbeln wurde stärker, bis es zu einem stechenden, quälenden Schmerz anwuchs. Doch der Mann begrüßte ihn mit Genugtuung. Er streifte den Fäustling von der rechten Hand und holte die Birkenrinde hervor. Die bloßen Finger wurden schnell wieder taub. Dann holte er sein Bündel Schwefelhölzer heraus. Aber die ungeheure Kälte hatte das Leben schon aus seinen Fingern getrieben. Bei dem Versuch, ein Streichholz von den anderen zu trennen, fiel ihm das ganze Bündel in den Schnee. Er versuchte, es aus dem Schnee aufzuheben, aber es gelang ihm nicht. Die toten Finger konnten weder tasten noch greifen. Er war sehr vorsichtig. Er verbannte den Gedanken an seine frierenden Füße, an Nase und Wangen aus seinem Kopf und widmete sich mit ganzer Seele den Streichhölzern. Er sah hin, und die Augen ersetzten ihm den Tastsinn. Als er seine Finger auf beiden Seiten des Bündels sah, schloss er sie. Das heißt, er wollte sie schließen, aber die Drähte waren gerissen, und die Finger gehorchten nicht. Er zog den Fäustling über die rechte Hand und schlug sie heftig gegen das Knie. Dann schaufelte er mit beiden Fäustlingen das Bündel Streichhölzer samt viel Schnee in seinen Schoß. Doch damit war er nicht besser dran.

Nach einigem Hantieren gelang es ihm, das Bündel zwischen die behandschuhten Handballen zu bekommen. So führte er es zum Mund. Das Eis knackte und krachte, als er mit gewaltiger Anstrengung den Mund öffnete. Er zog den Unterkiefer ein, schob die Oberlippe aus dem Weg und kratzte mit den oberen Zähnen am Bündel, um ein Streichholz abzutrennen. Es gelang ihm, eines zu lösen, und er ließ es in seinen Schoß fallen. Er war nicht besser dran. Er konnte es nicht aufheben. Dann fand er einen Weg. Er nahm es zwischen die Zähne und strich es an seinem Bein an. Zwanzigmal strich er, bis es endlich brannte. Als es aufflammte, hielt er es mit den Zähnen an die Birkenrinde. Aber die Dämpfe des brennenden Schwefels stiegen ihm in die Nase und in die Lunge, und er musste krampfhaft husten. Das Streichholz fiel in den Schnee und erlosch.

Alle Streichhölzer auf einmal

Der Alte vom Sulphur Creek hatte recht, dachte er in dem Augenblick beherrschter Verzweiflung, der nun folgte. Wenn es kälter ist als fünfundvierzig unter null, sollte man mit einem Gefährten reisen. Er schlug die Hände gegen den Körper, aber er konnte kein Gefühl in ihnen wecken. Plötzlich entblößte er beide Hände, indem er die Fäustlinge mit den Zähnen herunterzog. Er klemmte das ganze Bündel zwischen die Handballen. Seine Armmuskeln waren nicht erfroren, und so konnte er die Handballen fest gegen die Streichhölzer pressen. Dann strich er das ganze Bündel an seinem Bein entlang. Es flammte auf, siebzig Schwefelhölzer auf einmal! Es ging kein Wind, der sie hätte ausblasen können. Er wandte den Kopf zur Seite, um den erstickenden Dämpfen zu entgehen, und hielt das lodernde Bündel an die Birkenrinde. Während er es so hielt, spürte er etwas in seiner Hand. Seine Hände verbrannten. Er konnte es riechen. Tief unter der Haut konnte er es fühlen. Das Gefühl wurde zu einem Schmerz, der immer heftiger wurde. Und doch hielt er es aus. Unbeholfen hielt er die Flamme der Streichhölzer an die Rinde. Die Rinde fing nicht so leicht Feuer, denn seine eigenen brennenden Hände waren im Weg und schluckten den größten Teil der Flamme.

Schließlich, als er es nicht mehr aushielt, riss er die Hände auseinander. Die brennenden Streichhölzer fielen zischend in den Schnee, aber die Birkenrinde brannte. Er begann, trockenes Gras und die winzigsten Zweige auf die Flamme zu legen. Er konnte nicht aussuchen, denn er musste das Brennmaterial zwischen den Handballen hochheben. Kleine Stücke morsches Holz und grünes Moos hingen an den Zweigen, und er biss sie ab, so gut er konnte. Er hütete die Flamme sorgsam und unbeholfen. Sie bedeutete Leben, und sie durfte nicht ausgehen. Weil das Blut aus der Oberfläche seines Körpers wich, begann er nun zu zittern, und er wurde noch unbeholfener. Ein großes Stück grünes Moos fiel genau auf das kleine Feuer. Er versuchte, es mit den Fingern wegzuschieben. Aber weil sein Körper zitterte, stieß er zu weit und zerstörte den Kern des kleinen Feuers. Das brennende Gras und die winzigen Zweige fielen auseinander und verstreuten sich. Er versuchte, sie wieder zusammenzuschieben. Doch trotz aller Anspannung übermannte ihn das Zittern, und die Zweige lagen hoffnungslos verstreut. Aus jedem Zweig quoll ein Rauchwölkchen, dann erlosch er. Der Feuerbringer hatte versagt. Teilnahmslos blickte er um sich, und sein Blick fiel auf den Hund. Der saß ihm gegenüber, jenseits der Reste des Feuers, im Schnee und rutschte unruhig hin und her. Er hob leicht eine Vorderpfote und dann die andere und verlagerte mit sehnsüchtigem Eifer das Gewicht von einer auf die andere.

Ein wilder Gedanke beim Anblick des Hundes

Der Anblick des Hundes brachte ihn auf einen wilden Gedanken. Er erinnerte sich an die Geschichte von einem Mann, der in einen Schneesturm geraten war. Dieser Mann hatte einen Ochsen getötet, war in dessen Körper gekrochen und so gerettet worden. Er würde den Hund töten und die Hände in den warmen Körper graben, bis die Taubheit aus ihnen wich. Dann konnte er ein neues Feuer machen. Er sprach den Hund an und rief ihn zu sich. Aber in seiner Stimme lag ein seltsamer Klang von Angst, der das Tier erschreckte. Denn es hatte den Mann noch nie so sprechen hören. Irgendetwas stimmte nicht, und seine misstrauische Natur witterte Gefahr. Welche Gefahr, wusste es nicht. Aber irgendwo, irgendwie stieg in seinem Kopf eine Furcht vor dem Mann auf. Beim Klang der Stimme legte es die Ohren an. Sein unruhiges Hin- und Herrutschen, das Heben und Umsetzen der Vorderpfoten wurde stärker, aber zu dem Mann kam es nicht. Der Mann ging auf Hände und Knie und kroch auf den Hund zu. Diese ungewohnte Haltung weckte wieder Misstrauen, und das Tier wich mit trippelnden Schritten seitwärts aus.

Der Mann setzte sich einen Augenblick im Schnee auf und rang um Ruhe. Dann zog er mit Hilfe der Zähne die Fäustlinge an und stand auf. Zuerst blickte er hinunter, um sich zu vergewissern, dass er wirklich stand. Denn ohne Gefühl in den Füßen hatte er keine Verbindung mehr zur Erde. Schon dass er aufrecht stand, vertrieb allmählich die Spinnweben des Misstrauens aus dem Kopf des Hundes. Und als der Mann gebieterisch sprach, mit Peitschenknall in der Stimme, gehorchte der Hund wie gewohnt und kam zu ihm. Als er in Reichweite war, verlor der Mann die Beherrschung. Seine Arme schnellten nach dem Hund vor. Und er war wirklich überrascht, als er merkte, dass seine Hände nicht greifen konnten und dass in den Fingern weder Beweglichkeit noch Gefühl war. Er hatte für einen Augenblick vergessen, dass sie erfroren waren und immer mehr erfroren. All das geschah schnell, und bevor das Tier entkommen konnte, schlang er die Arme um den Leib des Tieres. Er setzte sich in den Schnee und hielt den Hund so fest, während der knurrte, winselte und sich wehrte.

Aber mehr konnte er nicht tun, als den Körper des Hundes mit den Armen zu umschlingen und dazusitzen. Er begriff, dass er den Hund nicht töten konnte. Es gab keine Möglichkeit. Mit seinen hilflosen Händen konnte er sein Messer weder ziehen noch halten, und er konnte das Tier auch nicht erwürgen. Er ließ es los, und es stürzte wild davon, den Schwanz zwischen den Beinen, und knurrte noch immer. Zwölf Meter entfernt blieb es stehen und musterte ihn neugierig, die Ohren scharf nach vorn gespitzt. Der Mann sah auf seine Hände hinunter, um sie zu finden. Er entdeckte, dass sie an den Enden seiner Arme hingen. Es kam ihm merkwürdig vor, dass man die Augen brauchte, um herauszufinden, wo die eigenen Hände waren. Er begann, die Arme hin und her zu schwingen und die Hände in den Fäustlingen gegen die Seiten zu schlagen. Das tat er fünf Minuten lang, so heftig er konnte. Sein Herz pumpte so viel Blut an die Oberfläche, dass er aufhörte zu zittern. Aber in den Händen erwachte kein Gefühl. Er hatte den Eindruck, dass sie wie Gewichte an den Enden seiner Arme hingen. Doch als er diesem Eindruck nachspüren wollte, konnte er ihn nicht finden.

Flucht durch das Bachbett

Eine gewisse Angst vor dem Tod überkam ihn, dumpf und bedrückend. Diese Angst wurde rasch quälend, als ihm klar wurde, dass es nicht mehr nur darum ging, sich Finger und Zehen zu erfrieren. Auch nicht darum, Hände und Füße zu verlieren. Es ging um Leben und Tod, und die Chancen standen gegen ihn. Das stürzte ihn in Panik. Er drehte sich um und rannte das Bachbett hinauf, den alten, undeutlichen Pfad entlang. Der Hund schloss sich ihm an und hielt mit. Er rannte blindlings, ohne Ziel, in einer Angst, wie er sie im Leben nie gekannt hatte. Langsam, während er sich durch den Schnee kämpfte und stolperte, begann er die Dinge wieder zu sehen. Die Ufer des Bachs, die alten Stauungen aus Treibholz, die kahlen Espen und den Himmel. Das Laufen tat ihm gut. Er zitterte nicht. Vielleicht würden seine Füße auftauen, wenn er weiterlief. Und jedenfalls würde er, wenn er weit genug lief, das Lager und die Jungs erreichen. Zweifellos würde er einige Finger und Zehen und einen Teil seines Gesichts verlieren. Aber die Jungs würden sich um ihn kümmern und den Rest von ihm retten, wenn er ankam. Und zugleich war da ein anderer Gedanke in seinem Kopf. Er sagte ihm, dass er das Lager und die Jungs nie erreichen würde. Dass es zu viele Kilometer waren, dass der Frost einen zu großen Vorsprung hatte und dass er bald steif und tot sein würde. Diesen Gedanken hielt er im Hintergrund und weigerte sich, darüber nachzudenken. Manchmal drängte er sich nach vorn und verlangte, gehört zu werden. Aber er stieß ihn zurück und bemühte sich, an andere Dinge zu denken.

Es kam ihm merkwürdig vor, dass er überhaupt laufen konnte, auf Füßen, die so erfroren waren, dass er sie nicht spürte. Er spürte nicht, wie sie auf den Boden trafen und das Gewicht seines Körpers trugen. Ihm war, als gleite er über die Oberfläche dahin, ohne jede Verbindung zur Erde. Irgendwo hatte er einmal einen geflügelten Merkur gesehen. Er fragte sich, ob Merkur sich so gefühlt hatte wie er, wenn er über die Erde glitt.

Sein Plan, zu laufen, bis er das Lager und die Jungs erreichte, hatte einen Fehler: Ihm fehlte die Ausdauer. Mehrmals stolperte er, und schließlich taumelte er, knickte ein und fiel. Als er aufstehen wollte, schaffte er es nicht. Er musste sitzen und sich ausruhen, beschloss er. Und das nächste Mal würde er einfach gehen und immer weitergehen. Während er saß und wieder zu Atem kam, merkte er, dass ihm ganz warm und behaglich war. Er zitterte nicht, und es schien sogar, als sei eine warme Glut in seine Brust und seinen Leib gekommen. Und doch, wenn er Nase oder Wangen berührte, spürte er nichts. Das Laufen würde sie nicht auftauen. Auch Hände und Füße nicht. Dann kam ihm der Gedanke, dass die erfrorenen Teile seines Körpers sich ausbreiten mussten. Er versuchte, diesen Gedanken zu unterdrücken, ihn zu vergessen, an etwas anderes zu denken. Er spürte, welche Panik der Gedanke in ihm auslöste, und er hatte Angst vor der Panik. Aber der Gedanke setzte sich durch und ließ nicht locker. Schließlich stand ihm das Bild seines ganz und gar erfrorenen Körpers vor Augen. Das war zu viel, und er rannte noch einmal wild den Pfad entlang. Einmal wurde er langsamer und ging nur noch. Aber der Gedanke, dass sich das Erfrieren ausbreitete, trieb ihn wieder zum Laufen.

Der Hund dicht auf den Fersen

Und die ganze Zeit lief der Hund mit ihm, dicht auf seinen Fersen. Als der Mann zum zweiten Mal hinfiel, legte der Hund den Schwanz um die Vorderpfoten und setzte sich vor ihn. Er sah ihn an, neugierig, eifrig und aufmerksam. Die Wärme und Sicherheit des Tieres machten den Mann zornig. Er verfluchte es, bis es beschwichtigend die Ohren anlegte. Diesmal überkam den Mann das Zittern schneller. Er verlor seinen Kampf mit dem Frost. Der Frost kroch von allen Seiten in seinen Körper. Dieser Gedanke trieb ihn weiter, aber er lief nicht mehr als dreißig Meter, dann taumelte er und stürzte kopfüber hin. Es war seine letzte Panik. Als er wieder zu Atem gekommen war und sich gefasst hatte, setzte er sich auf. Er dachte daran, dem Tod mit Würde zu begegnen. Allerdings kam ihm der Gedanke nicht in diesen Worten. Er dachte vielmehr, dass er sich zum Narren gemacht hatte. Er war herumgerannt wie ein Huhn, dem man den Kopf abgeschlagen hat. Das war der Vergleich, der ihm einfiel. Nun, erfrieren würde er sowieso, und da konnte er es auch mit Anstand hinnehmen. Mit diesem neu gefundenen Frieden kam der erste Hauch von Schläfrigkeit. Eine gute Idee, dachte er, in den Tod hinüberzuschlafen. Es war wie eine Narkose. Erfrieren war nicht so schlimm, wie die Leute dachten. Es gab viel schlimmere Arten zu sterben.

Er stellte sich vor, wie die Jungs am nächsten Tag seinen Körper fanden. Plötzlich war er bei ihnen, kam mit ihnen den Pfad entlang und suchte sich selbst. Und immer noch bei ihnen kam er um eine Biegung des Pfades und fand sich selbst im Schnee liegen. Er gehörte nicht mehr zu sich selbst. Denn schon jetzt war er außerhalb von sich, stand bei den Jungs und sah sich selbst im Schnee an. Es war wirklich kalt, dachte er. Wenn er wieder zu Hause in den Staaten war, konnte er den Leuten erzählen, was richtige Kälte war. Von da trieben seine Gedanken weiter zu einem Bild des Alten vom Sulphur Creek. Er sah ihn ganz deutlich vor sich, wie er warm und behaglich dasaß und Pfeife rauchte.

„Du hattest recht, alter Knabe, du hattest recht“, murmelte der Mann dem Alten vom Sulphur Creek zu.

Dann dämmerte der Mann hinüber in einen Schlaf, der ihm wie der behaglichste und schönste vorkam, den er je gekannt hatte. Der Hund saß ihm gegenüber und wartete. Der kurze Tag ging in einer langen, langsamen Dämmerung zu Ende. Nichts deutete darauf hin, dass ein Feuer gemacht werden sollte. Außerdem hatte der Hund noch nie erlebt, dass ein Mensch so im Schnee saß und kein Feuer machte. Als die Dämmerung tiefer wurde, überwältigte ihn das sehnsüchtige Verlangen nach dem Feuer. Eifrig hob er die Vorderpfoten und setzte sie um und winselte leise. Dann legte er die Ohren an und erwartete, dass der Mann ihn ausschimpfte. Aber der Mann blieb stumm. Später winselte der Hund laut. Und noch später kroch er dicht an den Mann heran und witterte den Geruch des Todes. Da sträubte sich das Fell des Tieres, und es wich zurück. Noch eine Weile zögerte es und heulte unter den Sternen, die am kalten Himmel sprangen, tanzten und hell leuchteten. Dann wandte es sich um und trottete den Pfad hinauf, in Richtung des Lagers, das es kannte. Dort waren die anderen, die ihm Futter und Feuer brachten.

Über den Text

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