Am Morgen schauen Sie aufs Handy, und die Uhr meldet: Schlaf 62 Punkte, zu wenig Tiefschlaf. Und plötzlich fühlen Sie sich müde. Was nun?
Was die Uhr misst und was nicht
Weder Uhr noch Ring messen das Gehirn. Sie messen den Puls, seine feinen Schwankungen, Bewegung und Hauttemperatur. Daraus schätzen sie, ob Sie schlafen und in welcher Schlafphase Sie sind.
Wie genau sind sie? Eine Übersicht über 24 Studien mit fast 800 Menschen (2025) verglich Uhren am Handgelenk mit dem Schlaflabor:
- Die Schlafdauer schätzen sie recht gut. Im Schnitt überschätzen sie sie um etwa eine Viertelstunde.
- Ruhiges Wachliegen erkennen sie schlechter. Wenn Sie regungslos daliegen und nicht schlafen, hält die Uhr Sie oft für schlafend. Bei Menschen mit Schlaflosigkeit stört das am meisten.
- Die Schlafphasen sind nur eine grobe Schätzung. Eine Studie mit sechs Uhren und 62 Erwachsenen fand nur eine mäßige Übereinstimmung mit dem Labor.
David Creswell von der Carnegie Mellon University rät, die Zahl für den Tiefschlaf wie eine Wettervorhersage zu nehmen: nützlich für den langfristigen Trend, nicht als genauer Wert für eine einzelne Nacht.
Wenn die Zahl bestimmt, wie Sie sich fühlen
In einem Versuch aus Oxford bekamen Menschen mit Schlaflosigkeit am Morgen von ihrer Uhr eine erfundene Bewertung ihres Schlafs. Die Hälfte hörte, sie habe gut geschlafen, die andere Hälfte, schlecht. Dabei hatten alle gleich geschlafen. Wer die schlechte Nachricht bekam, fühlte sich danach den ganzen Tag müder und weniger frisch.
Mit anderen Worten: Ein schlechter Wert kann Sie mehr ermüden als die Nacht selbst.
Orthosomnie: wenn Schlaf zur Leistung wird
In sozialen Medien verbreitet sich der Trend „Sleepmaxxing“: kühlende Matratzen, Verdunkelung, Mundpflaster, Nahrungsergänzungsmittel und das Überwachen jeder Zahl. Für seine Schattenseite haben Schlafmediziner ein Wort: Orthosomnie, die übertriebene, perfektionistische Sorge um den perfekten Schlaf.
Die australische Schlafpsychologin Amelia Scott sagt es einfach: Schlaf weicht der Anstrengung aus. Wir müssen ihn kommen lassen, nicht herstellen. Je mehr wir uns bemühen, desto wachsamer sind wir.
Wie viel Schlaf ist „zu wenig“? Für jeden anders
Eine große Studie aus Singapur (2026) begleitete 462 Menschen ein ganzes Jahr lang mit einem smarten Ring. Sie verglich zwei Maßstäbe für kurzen Schlaf: eine feste Grenze von sechs Stunden und eine persönliche Grenze, also eine Nacht, die eine Stunde kürzer ist als für diesen Menschen üblich.
- Der persönliche Maßstab zeigte besser, wann sich die Menschen am nächsten Tag schlechter fühlten: Sie waren weniger munter, gestresster und weniger zufrieden.
- Eine kurze Nacht war häufig. Ganze Serien kurzer Nächte waren selten, und gerade sie schadeten am meisten.
Für Sie heißt das: Eine schlechtere Nacht bedeutet nichts. Wichtig ist, ob sich kurze Nächte wiederholen.
So nutzen Sie die Uhr vernünftig
- Achten Sie auf den Trend über Wochen, nicht auf den Wert einer Nacht.
- Der beste Maßstab ist, wie Sie sich tagsüber fühlen. Das sagen auch die Fachleute der American Academy of Sleep Medicine.
- Nutzen Sie die Uhr für eine Gewohnheit, etwa eine feste Zeit zum Zubettgehen. Die Schlafdauer können Sie beeinflussen. Die Schlafphasen nicht.
- Wenn die Zahlen Sie stressen, schalten Sie sie für ein paar Wochen ab.
- Dimmen Sie nachts das Display und schauen Sie die Daten nicht im Bett an. Mehr im Artikel Handy im Bett.
- Statt Zahlen zu überwachen, geben Sie dem Kopf etwas Ruhiges, etwa eine langsame Einschlafgeschichte bei ausgeschaltetem Bildschirm.
Quellen
- Lee u. a., J Clin Sleep Med 2025 – Genauigkeit von Uhren im Vergleich zum Schlaflabor (Metaanalyse)
- Creswell, The Conversation 2026 – Does your sleep tracker get it right?
- Gavriloff u. a., Journal of Sleep Research 2018 – erfundene Schlafbewertung und Tagesmüdigkeit
- Spina u. a., Sleep 2023 – Uhren und Schlaflosigkeit (randomisierte Studie)
- Baron u. a., J Clin Sleep Med 2017 – Orthosomnie
- Scott, Macquarie University 2026 – Are we trying too hard to sleep?
- Soon u. a., Sleep Medicine 2026 – persönlicher Maßstab für kurzen Schlaf
- AASM, Sleep Education 2026 – Fachleute beantworten Fragen zur Schlaflosigkeit



