Es ist Abend, und Ihr Kind reicht Ihnen ein Buch. Dasselbe wie gestern. Und vorgestern. Sie kennen es auswendig, Ihr Kind auch. Wenn Sie einen Satz überspringen, merkt es das sofort. Und am Ende kommt: „Noch mal!“
Das kennen Eltern auf der ganzen Welt. Die Psychologin Jessica Horst von der University of Sussex schreibt, dass Kinder ganz normal dasselbe Buch oder dasselbe Video immer wieder sehen wollen. Die gute Nachricht: Das ist keine Laune und keine Bequemlichkeit. Die Wiederholung hilft dem Kind.
Mit demselben Buch lernt ein Kind mehr
Horst und ihr Team haben das 2011 mit dreijährigen Kindern ausprobiert. Für den Versuch schrieben sie Bücher, in denen erfundene Wörter für unbekannte Gegenstände vorkamen. Eines davon war „Sprock“, ein Werkzeug zum Umrühren von Essen.
Die Kinder kamen innerhalb einer Woche dreimal zum Vorlesen. Eine Gruppe hörte bei jedem Besuch dreimal hintereinander dieselbe Geschichte. Die andere hörte drei verschiedene Geschichten mit denselben neuen Wörtern. Beide Gruppen hörten die Wörter gleich oft.
Das Ergebnis war eindeutig. Die Kinder, die dieselbe Geschichte gehört hatten, kannten die neuen Wörter auch noch Tage später. Die Kinder aus der anderen Gruppe erinnerten sich am Ende nicht besser daran, als wenn sie nur geraten hätten. Der Versuch war klein, es nahmen 16 Kinder teil. Ältere Studien, in denen Kindern dieselbe Geschichte einmal oder dreimal vorgelesen wurde, kamen aber zu ähnlichen Ergebnissen.
Die Forscherin fasste es einfach zusammen: Ein Kind braucht keinen Berg von Büchern. Es braucht Bücher, zu denen es zurückkehren kann.
Warum das so funktioniert
Beim ersten Vorlesen verfolgt das Kind vor allem die Handlung. Wer ist das? Was passiert? Wie geht es aus? Für mehr reicht die Aufmerksamkeit nicht.
Beim nächsten Mal kennt es die Handlung schon. Also achtet es auf Einzelheiten: auf Wörter, auf Bilder, darauf, wie der Wolf spricht und wie der Bär. Horst erklärt, dass eine bekannte Geschichte weniger Aufmerksamkeit verlangt. Das Kind hat den Kopf frei für ein neues Wort.
Dazu passt ein weiterer Versuch. Forschende beobachteten, wohin sieben und acht Monate alte Babys schauen. Sie wandten sich von Dingen ab, die zu einfach waren, und auch von solchen, die zu kompliziert waren. Am längsten blieben sie bei dem, was genau richtig war: ein bisschen bekannt und ein bisschen neu. Die Forschenden nannten das den „Goldlöckchen-Effekt“, nach dem Märchen von dem Mädchen, das nur den Brei mochte, der weder zu heiß noch zu kalt war. Für ein kleines Kind ist die Lieblingsgeschichte genau so. Es kennt sie und findet trotzdem jedes Mal etwas Neues darin.
Ein bekanntes Ende tut gut
Wiederholung macht außerdem Freude. Horst verweist auf Studien, in denen Wiederholung das Vergnügen an einem Video und an einer Geschichte steigerte. Bei Erwachsenen ist es ähnlich. In einem Versuch gefielen Lesern Kurzgeschichten meistens besser, wenn sie das Ende schon kannten. Der Titel der Studie sagt alles: „Ein verratenes Ende verdirbt die Geschichte nicht.“
Am Abend hat das noch einen Vorteil. Die Spannung eines unbekannten Endes braucht das Kind dann nicht. Es weiß, dass alles gut ausgeht und alle wieder nach Hause kommen. Eine Studie, die zeigt, dass eine bekannte Geschichte das Einschlafen beschleunigt, gibt es allerdings nicht. Wir wissen nur, dass ein regelmäßiges Abendritual hilft, und die immer gleiche Geschichte gehört ganz natürlich dazu. Wie Sie ein solches Ritual aufbauen, beschreiben wir im Artikel Abendritual für Kinder.
Wie Sie das durchhalten
Nach dem zwanzigsten Vorlesen kann auch die geduldigsten Eltern die Müdigkeit packen. Ein paar Tipps:
- Lassen Sie Ihr Kind mitsprechen. Halten Sie vor dem Ende eines Satzes inne und lassen Sie es das Wort ergänzen. Eine große Übersicht über 38 Studien zeigte, dass Kinder aus Büchern mehr Wörter lernen, wenn Sie beim Vorlesen Fragen stellen und mit ihnen sprechen, statt nur vorzulesen.
- Fragen Sie nach den Bildern. „Was meinst du, was hat die Maus im Korb?“ So wird aus derselben Seite ein neues Gespräch.
- Eine alte, eine neue. Erst die Lieblingsgeschichte, dann eine kurze neue. Das Kind bekommt Sicherheit und etwas Frisches.
- Wechseln Sie die Stimme. Wenn Sie nicht mehr können, spielen Sie eine Lieblingsgeschichte als Hörgeschichte ab. Ruhige Märchen finden Sie in unseren Gute-Nacht-Märchen. Das eigene Vorlesen ersetzt das Zuhören aber nicht. Warum die Stimme von Mama oder Papa so wichtig ist, erklären wir im Artikel Kindern vorlesen und erzählen.
- Kürzen Sie nicht. Ihr Kind merkt es, und das Ritual wird unnötig zur Verhandlung.
Wann Sie genauer hinschauen sollten
Bei kleinen Kindern ist es ganz normal, immer dieselbe Geschichte hören zu wollen. Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC zählt es aber zu den möglichen Anzeichen von Autismus, wenn ein Kind schon kleine Veränderungen nur sehr schwer erträgt, an bestimmten Abläufen festhalten muss oder mit Spielzeug immer auf dieselbe Weise spielt.
Für sich allein bedeutet das nichts. Aufmerksam sollten Sie werden, wenn weitere Dinge dazukommen. Zum Beispiel, wenn das Kind wenig Blickkontakt hält, nicht auf seinen Namen reagiert, nicht mit dem Finger auf Dinge zeigt oder spät zu sprechen beginnt. Dann sprechen Sie mit Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderarzt.
Quellen:
- Horst, Parsons & Bryan, Frontiers in Psychology 2011 – wiederholtes Vorlesen derselben Geschichten
- University of Sussex – „Again, again!“ Why repetition in reading helps children learn more (2011)
- Horst, Frontiers in Psychology 2013 – Context and repetition in word learning
- Leavitt & Christenfeld, Psychological Science 2011 – Story spoilers don't spoil stories
- Kidd, Piantadosi & Aslin, PLoS ONE 2012 – Goldlöckchen-Effekt bei Säuglingen
- Flack, Field & Horst, Developmental Psychology 2018 – Metaanalyse zum Wortlernen beim gemeinsamen Lesen
- CDC – Signs and Symptoms of Autism Spectrum Disorder
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.



