Wir nehmen Gute-Nacht-Geschichten auf. Wir könnten also behaupten, dass sie Wunder wirken. Das tun wir nicht. Hier steht, was die Forschung über sie weiß, was wir nur vermuten und was bisher niemand geprüft hat.
Die kurze Antwort
- Bei Kindern wissen wir einiges: Ein regelmäßiges Abendritual hilft Kindern, schneller einzuschlafen und seltener aufzuwachen. Die Geschichte ist ein natürlicher Teil davon.
- Bei Erwachsenen gibt es wenige Belege. Eine Geschichte kann die Gedanken von Sorgen weglenken und das Handy in der Hand ersetzen. Dass sie Schlaflosigkeit heilt, hat aber niemand nachgewiesen.
Kinder: Das Ritual wirkt
In einer Studie mit 405 kleinen Kindern führten die Mütter jeden Abend dasselbe Ritual ein: Bad, Eincremen und eine ruhige Zeit mit Kuscheln oder einem Wiegenlied. Danach schliefen die Kinder schneller ein, wachten nachts seltener auf, und die Mütter hatten bessere Laune.
Eine große Umfrage unter mehr als 10 000 Müttern aus Asien, Australien, Europa und Nordamerika zeigte: Je mehr Abende pro Woche ein Kind ein Ritual hat, desto besser schläft es. Eine Geschichte oder ein Buch ist der natürliche letzte Schritt dieses Rituals.
Die Geschichte bringt außerdem etwas, das mit Schlaf nichts zu tun hat. Gemeinsames Lesen fördert die Sprache und die Beziehung zwischen Kind und Eltern. Mehr dazu im Artikel Warum wir Kindern vor dem Schlafen vorlesen und erzählen.
Erwachsene: Was wir wissen
Ruhige Bilder helfen mehr als Schäfchenzählen. In einer kleinen Studie sollten sich Menschen mit Schlaflosigkeit beim Einschlafen auf die Vorstellung einer ruhigen Szene konzentrieren. Sie schliefen im Schnitt mehr als zwanzig Minuten früher ein. Schäfchenzählen oder allgemeine Ablenkung halfen nicht. Eine gehörte Geschichte tut etwas Ähnliches: Sie gibt dem Kopf Bilder, die die Aufmerksamkeit beschäftigen, ihn aber nicht aufwühlen.
Musik ist am besten erforscht. Laut einer Cochrane-Übersicht verbessert Musikhören, wie Menschen mit Schlaflosigkeit ihren Schlaf bewerten. Für das gesprochene Wort fehlen ähnlich gute Studien bisher.
Es gibt eine Studie zu „Schlafgeschichten“, aber sie ist schwach. Dreihundert berufstätige Erwachsene, die schlecht schliefen, hörten vier Wochen lang Schlafgeschichten oder ruhige Musik aus einer App. Beides half ihnen mehr als gar nichts. Die Vergleichsgruppe bekam aber überhaupt nichts, und bezahlt hat die Studie die Firma, die die App herstellt.
Viele machen es und haben ein gutes Gefühl dabei. In einer schwedischen Umfrage mit mehr als tausend Erwachsenen hörte die Hälfte jeden Tag vor dem Schlafen ein Hörbuch, und die meisten hatten den Eindruck, dass es ihnen beim Einschlafen hilft. Menschen mit Schlaflosigkeit nutzten es oft gegen kreisende Gedanken.
Worauf Sie achten sollten
Dieselbe schwedische Umfrage fand auch eine Schattenseite. Wer jeden Tag zuhörte, gab fast doppelt so oft an, ohne Hörbuch schlechter einzuschlafen. Das kann Gewohnheit sein. Aus der Umfrage lässt sich aber nicht erkennen, was Ursache und was Folge ist.
Bei Menschen mit echter, lang anhaltender Schlaflosigkeit war der empfundene Nutzen geringer. Für sie ist die kognitive Verhaltenstherapie gegen Schlaflosigkeit (KVT-I) die erste Wahl, und zwar laut europäischer Leitlinie für Erwachsene jeden Alters. Eine Geschichte ersetzt sie nicht.
Warum es auch ohne große Studie Sinn ergibt
Zwei Dinge wissen wir sicher:
- Das Handy im Bett schadet dem Schlaf. In einer Studie mit 122 000 Erwachsenen schliefen Menschen, die jeden Abend auf einen Bildschirm schauen, um ein Drittel häufiger schlecht. Es geht nicht nur um das Licht, sondern auch um den Inhalt: Nachrichten und soziale Netzwerke regen das Gehirn an. Mehr im Artikel Handy im Bett.
- Sorgen vor dem Schlafen halten das Gehirn in Alarmbereitschaft. Je mehr wir uns bemühen einzuschlafen, desto schlechter klappt es. Siehe Wenn die Gedanken im Bett kreisen.
Zuhören bei dunklem Display löst beides: Nichts leuchtet in die Augen, und der Kopf hat etwas Ruhiges, an dem er sich festhalten kann. Das ist ein vernünftiger Schluss aus dem, was wir wissen. Eine Studie, die das Hören einer Geschichte direkt mit dem Scrollen vergleicht, gibt es aber nicht.
So holen Sie das Meiste aus einer Geschichte
- Wählen Sie eine ruhige Geschichte ohne Spannung. Ein Krimi oder Horror zwingt zum Weiterhören. Deshalb sind unsere Einschlafgeschichten bewusst langsam.
- Schalten Sie das Display aus und drehen Sie das Handy um. Viele Apps spielen auch bei dunklem Bildschirm weiter.
- Stellen Sie einen Timer auf 30–45 Minuten, damit der Ton nicht die ganze Nacht läuft. Wie das geht, steht im Artikel Richtig zuhören.
- Spielen Sie leise ab. Die Stimme soll gerade noch zu hören sein.
- Gern noch einmal. Eine bekannte Geschichte bringt nichts Neues und macht gerade deshalb besser müde.
- Wenn Sie seit mehr als drei Monaten an drei Nächten pro Woche nicht schlafen und es Sie tagsüber beeinträchtigt, gehen Sie zum Arzt. Mehr im Artikel Wenn man nicht einschlafen kann.
Quellen
- Mindell u. a., Sleep 2009 – Abendritual bei 405 kleinen Kindern
- Mindell u. a., Sleep 2015 – Ritual und Schlaf bei 10 085 Kindern in 13 Ländern
- Harvey und Payne, Behaviour Research and Therapy 2002 – Vorstellung einer ruhigen Szene bei Schlaflosigkeit
- Jespersen u. a., Cochrane 2022 – Musik und Schlaflosigkeit
- Economides u. a., 2023 – Schlafgeschichten und Musik in einer App (Pilotstudie)
- Berglund u. a., JMIR Formative Research 2026 – Hörbücher vor dem Schlafen in Schweden
- JAMA Network Open 2025 – Bildschirm vor dem Schlafen bei 122 058 Erwachsenen
- Riemann u. a., Europäische Leitlinie zur Behandlung von Schlaflosigkeit 2023
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.



