Wenn der Schlaf lange nicht klappt, greift man zu etwas, das schnelle Hilfe verspricht. Damit sind Sie nicht allein. Nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde CDC nahmen im Jahr 2024 fast 13 % der erwachsenen Amerikaner an den meisten Tagen oder jeden Tag etwas zum Schlafen.
Wozu Menschen greifen
Die Zahlen der CDC aus dem Jahr 2024:
- 5,2 % der Erwachsenen nahmen verschreibungspflichtige Schlafmittel,
- 5,7 % rezeptfreie Mittel oder Nahrungsergänzungsmittel (zum Beispiel Melatonin),
- 3,7 % Cannabis oder CBD.
Frauen nehmen häufiger etwas zum Schlafen als Männer (etwa 15 % gegenüber 11 %). Ältere Menschen greifen eher zu Medikamenten, jüngere zu Cannabis.
Und trotzdem schläft etwa ein Drittel der erwachsenen Amerikaner weniger als sieben Stunden. Tabletten lösen das Problem offenbar nicht.
Melatonin: für die Zeitverschiebung, nicht gegen Schlaflosigkeit
Melatonin ist ein Hormon, das der Körper abends selbst bildet, wenn es dunkel wird. Es signalisiert dem Gehirn, dass Nacht ist. In Europa ist es je nach Dosis als Nahrungsergänzungsmittel oder als Arzneimittel erhältlich.
- Es hilft vor allem, wenn es um den Zeitpunkt des Schlafs geht: beim Jetlag nach einem langen Flug über mehrere Zeitzonen oder bei manchen Störungen der inneren Uhr.
- Bei gewöhnlicher, lang anhaltender Schlaflosigkeit hilft es wenig. Die amerikanische Schlafpsychologin Jennifer Martin sagt es so: Melatonin wirkt am besten bei Problemen mit dem Timing des Schlafs, etwa beim Jetlag, nicht bei Schlaflosigkeit.
- Vorsicht bei langer Einnahme. Auf dem Kongress der American Heart Association 2025 wurde eine Studie mit 130 000 Menschen mit Schlafstörungen vorgestellt. Wer mindestens ein Jahr lang Melatonin nahm, hatte innerhalb von fünf Jahren häufiger eine Herzschwäche (4,6 % gegenüber 2,7 %). Das ist ein vorläufiges Ergebnis, das noch nicht begutachtet wurde. Es beweist nicht, dass Melatonin die Herzschwäche verursacht hat. Es ist aber ein guter Grund, es nicht monate- und jahrelang „einfach so“ ohne ärztlichen Rat zu nehmen.
- Kindern nur nach Rücksprache mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt. Mehr im Artikel Wie viel Schlaf brauchen Kinder?
Cannabis und CBD: Nutzer loben es, die Forschung zögert
In einer Umfrage der Amerikanischen Akademie für Schlafmedizin (AASM) gab ein Drittel der Erwachsenen an, mit Cannabis besser zu schlafen. Die Studienergebnisse sind aber widersprüchlich:
- Eine Übersichtsarbeit fand, dass Cannabinoide verbessern, wie Menschen ihren Schlaf bewerten.
- Eine andere Studie maß dagegen bei Menschen, die täglich und über lange Zeit Cannabis nehmen, mehr Wachphasen in der Nacht.
- In einer kleinen Pilotstudie überschätzten Menschen, die glaubten, dass Cannabis ihnen hilft, wie schnell sie eingeschlafen waren und wie lange sie geschlafen hatten.
Cannabis macht außerdem tagsüber müder, verschlechtert das Autofahren und kann abhängig machen. Nach dem Absetzen kann sich der Schlaf eine Zeit lang verschlechtern.
Vorsicht gilt auch bei CBN, einem Stoff aus Cannabis, der als „natürliche“ Einschlafhilfe verkauft wird. Forschende der University of Connecticut stellten 2026 fest, dass Mäuse sich schnell daran gewöhnten und nach dem Absetzen Entzugserscheinungen zeigten. Beim Menschen wurde das bisher nicht untersucht.
Warum Präparate „wirken“, auch wenn sie nicht wirken
Präparate zum Schlafen kommen schneller auf den Markt, als Studien sie prüfen können. Jennifer Martin erklärt das so: Ein Präparat hilft manchmal vor allem deshalb, weil wir glauben, dass es hilft. Wenn wir etwas geschluckt haben, bemühen wir uns weniger einzuschlafen. Und gerade die Anstrengung vertreibt den Schlaf.
Das ist kein Spott. Es bedeutet nur, dass ein ruhiges Abendritual ohne Pille dieselbe Wirkung haben kann.
Was Schlafmediziner empfehlen
Bei lang anhaltender Schlaflosigkeit ist die kognitive Verhaltenstherapie bei Insomnie (KVT-I) die erste Wahl. Das empfehlen amerikanische wie europäische Fachgesellschaften. Verschreibungspflichtige Medikamente sind eine weitere Möglichkeit, gehören aber in ärztliche Hände.
Dazu kommen einfache Gewohnheiten, die laut AASM helfen:
- Regelmäßigkeit: schlafen gehen, wenn Sie müde sind, und jeden Tag zur gleichen Zeit aufstehen, auch am Wochenende.
- Ein dunkles, ruhiges und eher kühles Schlafzimmer.
- Abends wenig Koffein, Alkohol und Nikotin.
- Bildschirme 30 bis 60 Minuten vor dem Schlafen ausschalten.
- Zur Ruhe kommen: langsames Atmen, Meditation oder Sorgen auf Papier schreiben. Mehr im Artikel Abends zur Ruhe kommen.
Wann zum Arzt
Wenn Sie länger als drei Monate an mindestens drei Nächten pro Woche nicht schlafen und das Sie tagsüber beeinträchtigt. Oder wenn Sie ohne Tablette nicht mehr einschlafen. Mehr im Artikel Wenn man nicht einschlafen kann.
Quellen
- CDC, NCHS Health E-Stat 116 (2026) – Einnahme von Schlafmitteln in den USA im Jahr 2024
- AASM, Sleep Education 2026 – Sleep aids are common, but do they really help?
- AASM, Sleep Education 2026 – Fachleute beantworten Fragen zur Schlaflosigkeit (Reddit AMA)
- Nnadi u. a., AHA Scientific Sessions 2025 – Melatonin und Herzschwäche (vorläufiges Abstract)
- Vanegas und Kinsey, Drug and Alcohol Dependence 2026 – CBN bei Mäusen
- Riemann u. a., Europäische Leitlinie zur Behandlung der Insomnie 2023
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Sprechen Sie über Medikamente und Präparate mit Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder in der Apotheke.



