Kindern zur guten Nacht vorzusingen, ist eine der ältesten Gewohnheiten der Menschheit. Niemand lernt es aus Büchern. Und doch untersuchen Forschende es seit einigen Jahren mit Pulsmessern und Kameras. Das Ergebnis macht Mut: Ein Wiegenlied beruhigt wirklich das Baby und auch die Eltern. Und Sie müssen dafür nicht singen können.
Über Musik, die sich Erwachsene zum Einschlafen anhören, schreiben wir im Artikel Musik, Naturklänge und ASMR zum Einschlafen. Hier geht es um das Singen für Kinder.
Ein Wiegenlied erkennt jeder
Forschende aus Harvard wählten Liedaufnahmen aus 86 kleinen Gesellschaften auf der ganzen Welt aus. Darunter waren Jäger und Sammler, Hirtenvölker und Kleinbauern. Dann spielten sie kurze Ausschnitte von vierzehn Sekunden 750 Menschen aus 60 Ländern vor. Diese kannten weder die Sprache noch die Kultur, aus der das Lied stammte.
Trotzdem erkannten sie, welches Lied ein Baby beruhigen soll. Genauso erkannten sie ein Tanzlied oder ein Liebeslied. Wiegenlieder haben offenbar überall auf der Welt etwas gemeinsam, das Menschen allein an der Musik erkennen.
Eine große Folgestudie desselben Teams zeigte, dass es Musik in jeder untersuchten Gesellschaft gibt. Und die Pflege kleiner Kinder gehört zu den typischen Situationen, in denen Menschen singen.
Dazu passt ein Versuch, in dem Babys Wiegenlieder aus fremden Ländern hörten. Dabei wurden sie ruhiger als bei anderen fremden Liedern. Ausführlicher beschreiben wir ihn im Artikel über Musik zum Einschlafen.
Nicht was, sondern wie
In Toronto sangen 30 Mütter ihren Babys immer wieder dasselbe Kinderlied vor. Einmal sangen sie es als Wiegenlied, ein anderes Mal verspielt. Die Forschenden maßen dabei, wie aufgeregt Mutter und Baby waren. Gemessen wurde das an winzigen Schweißreaktionen der Haut.
- Beim beruhigenden Singen wurden das Baby und die Mutter ruhiger. Je länger sie sangen, desto mehr.
- Beim verspielten Singen blieben beide gleich wach, und das Baby schaute die Mutter häufiger an.
- Die verspielten Versionen waren schneller, höher und lauter. Die Mütter wiegten sich dabei auch stärker.
Daraus folgt etwas Praktisches: Fast jedes Lied kann zum Wiegenlied werden. Sie müssen es nur langsamer, leiser und tiefer singen.
Singen beruhigt mehr als Sprechen
Ein anderer Versuch derselben Forscherinnen untersuchte 136 Babys im Alter von acht und zehn Monaten. Ein Elternteil spielte zuerst mit dem Baby. Dann saß er eine Weile reglos und mit unbewegtem Gesicht da, höchstens eine Minute oder bis das Baby quengelig wurde. Danach versuchte er, es zu beruhigen. Entweder sang er ein bekanntes Lied, ein unbekanntes Lied, oder er sprach lebhaft mit dem Baby.
- Nach dem Sprechen waren die Babys quengeliger.
- Beide Arten von Gesang linderten die Unruhe, und die Babys schauten ihre Eltern häufiger an.
- Das bekannte Lied wirkte am besten und brachte auch die meisten Lächeln.
Deshalb lohnt es sich, immer wieder dieselben Lieder zu singen. Das Kind kennt sie und weiß, was kommt. Ähnlich wie bei der Geschichte, die es immer wieder hören will.
Ihre Stimme ist besser als eine Aufnahme
Fünf Monate alte Babys hörten ein bis zwei Wochen lang zu Hause ein neues Lied. Manchen sang es ein Elternteil vor, bei anderen kam es aus einem Spielzeug. Später zeigten die Forschenden ihnen zwei fremde Menschen, von denen einer das bekannte Lied sang.
Babys, denen das Lied von Mama oder Papa vorgesungen worden war, schauten diesen Menschen länger an. Bei Babys, die das Lied aus dem Spielzeug kannten, funktionierte das nicht. Dabei erinnerten sie sich sogar nach acht Monaten noch an die Melodie. Die Forschenden schließen daraus, dass ein Lied von einem vertrauten Menschen für das Baby eine Bedeutung hat. Es ist ein Signal: „Dieser Mensch gehört zu uns.“
Eine große amerikanische Studie mit 272 Frühgeborenen in 11 Kliniken zeigte etwas Ähnliches. Musiktherapeuten sangen den Babys dort live Wiegenlieder vor, die die Eltern ausgesucht hatten. Während des Wiegenlieds verlangsamte sich der Herzschlag der Babys, und sie tranken besser. Die Eltern fühlten sich weniger gestresst. Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass aufgenommene Musik Babys auf der Intensivstation eher überfordern kann.
Eine Aufnahme ist also kein Fehler. Aber wenn Sie selbst singen können, ist die lebendige Stimme mehr als ein Lautsprecher.
Rhythmus und Wiegen
Zum Wiegenlied gehört fast immer Bewegung. Die Wiege, das Schaukeln im Arm, langsames Gehen durchs Zimmer. Auch dafür gibt es Belege aus der Forschung:
- In Genf schliefen Erwachsene in einem sanft schaukelnden Bett. Sie schliefen schneller ein, schliefen tiefer und wachten seltener auf als in einem Bett, das stillstand.
- Japanische Forschende fanden heraus, dass ein Baby, das im Gehen getragen wird, schnell aufhört zu weinen und dass sich sein Herzschlag verlangsamt. Bloßes Halten im Sitzen wirkte nicht so.
- Eine Folgestudie schlug ein einfaches Vorgehen für ein weinendes Baby vor: etwa fünf Minuten im Gehen tragen, dann fünf bis acht Minuten mit dem Baby im Arm sitzen. Erst dann vorsichtig hinlegen. Das ist aber vorerst ein Vorschlag, der noch weiter geprüft werden muss.
Achten Sie auf zwei Dinge. Schütteln Sie ein Baby niemals, auch wenn Sie müde und verzweifelt sind. Eine heftige Bewegung des Kopfes kann das Gehirn schädigen. Und legen Sie es zum Schlafen auf den Rücken in sein eigenes Bettchen, nicht zu sich ins Bett.
Der britische Gesundheitsdienst NHS erinnert außerdem daran, dass zu viel Wiegen und Singen ein Baby auch wach halten kann. Wenn es nicht klappt, versuchen Sie es mit weniger.
Singen hilft auch den Eltern
In einer italienischen Studie sangen 83 Mütter schon in der Schwangerschaft Wiegenlieder und auch nach der Geburt. Im Vergleich zu 85 Müttern, die nicht sangen, berichteten sie im ersten Monat von weniger Weinen, weniger Stress und einer stärkeren Bindung an ihr Baby. Die Mütter wurden aber nicht per Los auf die Gruppen verteilt. Nehmen Sie das Ergebnis deshalb mit Vorsicht.
Belastbarer ist ein britischer Versuch mit 134 Müttern, die Anzeichen einer Wochenbettdepression hatten. Sie wurden per Los auf drei Gruppen verteilt: zehn Wochen gemeinsames Singen mit den Babys in der Gruppe, zehn Wochen gemeinsames Spielen mit den Babys in der Gruppe oder die übliche Betreuung. Bei Müttern mit stärkeren Beschwerden besserte sich die Stimmung in der Singgruppe schneller.
Singen kann also auch für Sie ein ruhiger Moment sein. Eine Depression behandelt es aber nicht. Wenn Sie nach der Geburt lange traurig, erschöpft oder freudlos sind, sagen Sie es Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder Ihrer Hebamme.
Wie Sie singen, auch wenn Sie es „nicht können“
Ein Baby bewertet nicht, ob Sie den Ton treffen. Ihm geht es um Ihre Stimme, Ihre Ruhe und darum, dass Sie bei ihm sind.
- Werden Sie langsamer. Singen Sie langsamer, als Sie das Lied sonst singen würden.
- Werden Sie leiser. Ein Wiegenlied ist eher eine leise Stimme mit Melodie als ein Konzert.
- Versuchen Sie es tiefer. Hoher und lauter Gesang gehört eher zum Spielen.
- Singen Sie immer gleich. Ein, zwei Lieder jeden Abend in derselben Reihenfolge. Sie werden zum Zeichen, dass es Schlafenszeit ist.
- Summen ist erlaubt. Sie müssen den Text nicht kennen. Die Melodie oder ein „Eia popeia“ reicht.
- Erfinden Sie selbst. Singen Sie davon, was Ihr Kind heute erlebt hat, wer schon schläft und wer noch nicht. Gern auf eine bekannte Melodie.
- Gegen Ende leiser werden. Die letzte Strophe darf fast nur noch ein Flüstern sein. Bleiben Sie danach noch einen Moment still.
- Atmen Sie langsam. Langsames Singen verlangsamt auch Ihren Atem. Das tut gut, wenn der Abend lang ist.
Alte Wiegenlieder, die Sie vielleicht noch von Ihrer Großmutter kennen – „Schlaf, Kindlein, schlaf“, „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“ oder „Guter Mond, du gehst so stille“ –, sind eine gute Wahl. Sie sind kurz, wiederholen sich, und ihre Melodien bleiben leicht im Gedächtnis. Genauso gut eignet sich aber jedes ruhige Lied, das Sie mögen.
Ältere Kinder
Mit dem Babyalter muss das Wiegenlied nicht enden. Für Kleinkinder und Kindergartenkinder kann ein Lied der letzte Schritt des Abendrituals sein. Danach nur noch das Licht aus und „Gute Nacht“. Wie Sie ein solches Ritual aufbauen, lesen Sie in den Artikeln Abendritual für Kinder und Kleinkind zum Schlafen bringen.
Ältere Kinder wünschen sich oft eine Geschichte statt eines Lieds. Auch sie wirkt ähnlich: ruhige Stimme, langsames Tempo, bekanntes Ende. Warum das wichtig ist, erklären wir im Artikel Kindern vorlesen und erzählen. Wenn Ihnen abends die Stimme ausgeht, spielen Sie Ihrem Kind eines unserer Gute-Nacht-Märchen vor.
Wann Singen nicht reicht
- Ihr Baby weint lange und oft, lässt sich nicht beruhigen, und Sie wissen nicht, warum.
- Ihr Baby trinkt schlecht, hat Fieber oder wirkt anders als sonst.
- Sie sind nach der Geburt lange traurig oder erschöpft, und nichts macht Ihnen Freude.
In all diesen Fällen wenden Sie sich an die Kinderarztpraxis oder an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.
Quellen:
- Mehr u. a., Current Biology 2018 – Form und Funktion von Liedern weltweit
- Mehr u. a., Science 2019 – Universalität und Vielfalt von Liedern
- Bainbridge u. a., Nature Human Behaviour 2021 – Babys und fremde Wiegenlieder
- Cirelli, Jurewicz und Trehub, Journal of Cognitive Neuroscience 2020 – beruhigendes und verspieltes Singen
- Cirelli und Trehub, Developmental Psychology 2020 – bekannte Lieder beruhigen Babys
- Mehr, Song und Spelke, Psychological Science 2016 – Melodien von den Eltern
- Loewy u. a., Pediatrics 2013 – Live-Musik und Wiegenlieder bei Frühgeborenen
- Perrault u. a., Current Biology 2019 – Schaukeln und Schlaf bei Erwachsenen
- Esposito u. a., Current Biology 2013 – Beruhigung von Babys beim Tragen
- Ohmura u. a., Current Biology 2022 – Tragen und Einschlafen weinender Babys
- Persico u. a., Women and Birth 2017 – Wiegenlieder in der Schwangerschaft und nach der Geburt
- Fancourt und Perkins, British Journal of Psychiatry 2018 – Singen und Wochenbettdepression
- NHS – Soothing a crying baby
- NICHD, Safe to Sleep – Ways to Reduce Baby's Risk
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.



