Sie öffnen die Augen. Sie sehen das Zimmer, den Schrank, das Dämmerlicht hinter dem Fenster. Sie wollen sich umdrehen, aber der Körper gehorcht nicht. Sie können weder die Hand heben noch rufen. Auf der Brust liegt ein Druck, und an der Tür scheint jemand zu stehen. Nach einer Weile löst es sich, und Sie setzen sich ruckartig auf.
Wenn Sie das erlebt haben, sind Sie nicht allein. Das ist eine Schlafparalyse (auch Schlaflähmung genannt). Sie wirkt gespenstisch, ist aber an sich harmlos.
Was dabei passiert
Wenn wir träumen, lähmt das Gehirn vorübergehend die Muskeln von Armen und Beinen. Das ist eine Sicherung, damit wir unsere Träume nicht ausleben. Mehr dazu im Artikel Warum wir träumen.
Bei der Schlafparalyse tritt diese Sicherung im falschen Moment auf: beim Einschlafen oder beim Aufwachen. Der Geist ist schon wach, aber die Muskeln „schlafen“ noch. Man nimmt alles wahr, kann sich nur nicht bewegen.
Die Atmung funktioniert dabei ganz normal. Das Gefühl, zu ersticken oder von etwas niedergedrückt zu werden, ist unangenehm, aber der Atem setzt nicht aus. Die Lähmung dauert einige Sekunden, höchstens ein paar Minuten, und vergeht dann von selbst.
Warum sie so beängstigend ist
Das Gehirn ist halb im Traum. Deshalb begleiten die Schlafparalyse oft sehr lebhafte Trugbilder. Menschen berichten, dass:
- jemand oder etwas im Zimmer ist,
- sie Druck auf der Brust spüren, als säße etwas auf ihnen,
- sie Schritte, Stimmen oder Rauschen hören,
- sie das Gefühl haben zu schweben.
Diese Erlebnisse sind so echt, dass Menschen sie jahrhundertelang übernatürlich erklärt haben. Im deutschen Volksglauben ist das der Alb oder Nachtmahr. Er kommt nachts zu den Schlafenden, setzt sich auf ihre Brust und drückt ihnen die Luft ab. Daher stammen die Wörter Albtraum und Alpdrücken, und auch das englische nightmare geht auf die „Mahr“ zurück. Die Beschreibung ähnelt auffallend dem, was wir heute Schlafparalyse nennen. Verwandte Gestalten kennen auch die slawischen Völker und die Völker auf dem Balkan.
Es hilft zu wissen: Es ist nichts Übernatürliches und nichts Gefährliches. Schlaf und Wachsein überlappen sich nur für einen Moment.
Wie häufig sie ist
Häufiger, als man denkt. Eine Auswertung von 35 Studien mit mehr als 36 000 Menschen zeigte, dass etwa 8 von 100 Menschen mindestens einmal im Leben eine Schlafparalyse erlebt haben. Bei Studierenden war es mehr als ein Viertel. Häufiger war sie auch bei Menschen mit Ängsten, vor allem mit einer Panikstörung.
Meist tritt sie zum ersten Mal in der Jugend, zwischen 14 und 17 Jahren auf. Am häufigsten erleben Menschen sie zwischen zwanzig und vierzig. Manche nur einmal im Leben, andere mehrmals im Jahr. Sie kommt auch familiär gehäuft vor.
Was sie auslöst
Die genaue Ursache kennt niemand. Offensichtlich begünstigen eine Schlafparalyse aber:
- Schlafmangel,
- ein unregelmäßiger Rhythmus, zum Beispiel durch Schichtarbeit oder Jetlag,
- Stress, Angst und belastende Erlebnisse (häufig bei posttraumatischer Belastungsstörung),
- Schlafen auf dem Rücken,
- Schlaflosigkeit und andere Schlafstörungen.
Was tun, wenn sie kommt
Im Moment der Lähmung hilft vor allem Ruhe. Versuchen Sie Folgendes:
- Sagen Sie sich: „Das ist eine Schlafparalyse. Gleich ist es vorbei.“ Dieser Satz hilft gegen die Panik.
- Bewegen Sie etwas Kleines. Versuchen Sie, einen Finger oder einen Zeh zu bewegen. Eine kleine Bewegung „weckt“ oft den ganzen Körper.
- Atmen Sie langsam und tief. Die Atmung haben Sie im Griff, auch wenn der Rest des Körpers nicht gehorcht.
- Richten Sie den Blick auf einen Punkt im Zimmer, etwa auf die Lampe.
Auch eine Berührung oder die Stimme eines anderen Menschen kann die Lähmung beenden. Wenn Sie sie öfter erleben, erzählen Sie Ihrem Partner davon. Er weiß dann, was los ist, und erschrickt nicht, wenn Sie ihn nachts wecken.
Wenn die Lähmung nachlässt, setzen Sie sich ruhig auf, machen Sie ein gedämpftes Licht an und atmen Sie ein paar Minuten durch. Danach kann man wieder einschlafen. Auch eine ruhige Stimme kann helfen: Hören Sie eine unserer Einschlafgeschichten.
Wie man vorbeugt
Eine Schlafparalyse kommt am häufigsten nach schlechten Nächten wieder. Die beste Vorbeugung ist deshalb guter und regelmäßiger Schlaf:
- Schlafen Sie 7 bis 9 Stunden und gehen Sie ungefähr zur gleichen Zeit ins Bett und stehen auf.
- Schlafen Sie nicht auf dem Rücken. In Rückenlage kommt die Lähmung öfter. Versuchen Sie, auf der Seite einzuschlafen.
- Verzichten Sie abends auf Koffein, Alkohol, Zigaretten und schweres Essen. Mehr im Artikel Koffein, Alkohol und Essen am Abend.
- Bauen Sie Stress ab. Es hilft Bewegung am Tag und ein ruhiger Abend. Tipps finden Sie im Artikel Wenn die Gedanken im Bett kreisen.
Weitere Grundlagen für guten Schlaf fasst der Artikel Schlafhygiene zusammen.
Wann zum Arzt
Meist ist keine Behandlung nötig. Gehen Sie aber zur Ärztin oder zum Arzt, wenn:
- Sie wegen der Lähmung Angst vor dem Schlafengehen haben oder Ängste Sie quälen.
- Sie tagsüber müde sind, weil Sie ihretwegen schlecht schlafen.
- Die Lähmung von unbeherrschbarer Tagesschläfrigkeit, plötzlichem Einschlafen oder plötzlicher Muskelschwäche beim Lachen oder Erschrecken begleitet wird. Das können Zeichen einer Narkolepsie sein, die im Schlaflabor untersucht werden sollte.
- Sie nach einem Wechsel von Medikamenten aufgetreten ist.
Die Hausärztin oder der Hausarzt kann Schlaflosigkeit oder Ängste behandeln, die eine Schlafparalyse auslösen. Auch die kognitive Verhaltenstherapie hilft. Wenn das nicht reicht, verordnen Schlafmediziner manchmal ein Medikament in niedriger Dosis.
Quellen:
- AASM, Sleep Education – Sleep Paralysis (2020)
- NHS – Sleep paralysis
- NINDS – Brain Basics: Understanding Sleep (Muskellähmung im REM-Schlaf)
- NINDS – Narcolepsy (Schlafparalyse, Kataplexie)
- Sharpless & Barber, Sleep Medicine Reviews 2011 – wie häufig Schlafparalyse ist
- Denis, French & Gregory, Sleep Medicine Reviews 2018 – was mit Schlafparalyse zusammenhängt
- Sleep Foundation – Sleep Paralysis (was während einer Episode hilft)
- Wikipedia – Alb (Mythologie)
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.



